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Nur der Wolf stört die almerische Ruhe

Zur Rachlalm wandert manentweder vom Parkplatz der Hochplattenbahn in Marquartstein in Richtung Grassauer Almen über die Forststraße (Dauer rund eine Stunde) oder von der Grassauer Tourist-Info weg über die Zeppelinhöhe in Richtung Grassauer Almen (knapp eineinhalb Stunden). Es geht aber auch bequem mit dem Hochplattenlift und dann noch 15 Minuten bergab. hö

Grassau – „Dort warten die Senner mit einer almüblichen Brotzeit auf euch, während ihr dem Jungvieh beim Grasen zuschauen und den Klang der Glocken genießen könnt.“ Die Idylle, die der Text auf der Homepage verspricht, findet der Wanderer auf der Rachlalm im Hochplattengebiet auch vor.

Nur einen Stimmungskiller gibt es im Gespräch mit Almbauern und Almleuten: den Wolf.

Beim Gespräch mit Almbauer Josef Sichler, seinem Sohn Jakob und den Sennleuten auf der Ostseite der Alm sitzend, schweift der Blick bis nach Bergen, Bad Adelholzen und zum Daxl berg bei Siegsdorf. Doch: „Der Platz für die Alm wurde nicht wegen diesem herrlichen Blick, sondern wegen der guten Lage für die Arbeit festgelegt“, so Josef Sichler, dessen Urgroßvater bei der Säkularisation im Jahr 1803 einen Teil der Alm zum Großrachlhof dazugekauft hat.

Dieser ist nachweislich seit 1429 in Familienbesitz und somit einer der ältesten Erbhöfe in Bayern. Urkundlich erwähnt wurde er bereits 1144. Josef und Sabine Sichler erbauten 1984 einen neuen Hof in ökologischer Bauweise am Ortsrand von Grass au. Der alte Erbhof steht noch immer im Ortszentrum und ist nach wie vor in Familienbesitz. Die 1810 erbaute Almhütte war schon dreimal Ziel der Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern; zuletzt vor fünf Jahren, als auch der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer zu Gast war.

Viele Alm-Geschichten, die seine Vorfahren hier erlebten, kann Josef Sichler erzählen. Als es noch keine Straße gab, der Weg nur zu Fuß oder mit Rössern zu bezwingen war, gab sein Vater das strikte Motto aus: „Keiner darf rauf oder runter leer gehen“. Vieles wurde geschultert oder in Kraxen getragen; und sei es ein Zentner Salz vom Hof weg zur Alm ohne Absetzen. Später gab es dann einen Rossweg und Almkarren für den Transport. Aber immer noch musste man etwas mitnehmen. Talabwärts waren es Tannenzapfen zum Einheizen für den Hof.

Uropa Sichler sang vor der Hofübernahme bei Richard Wagner

1951 wurde die Rachlalm mit viel Holz- und Handarbeit aufgestockt. Eine harte Arbeit für Vater Georg Sichler, seine Brüder und Schwester Leni, die als Alm-Lena bekannt wurde. Besonders bekannt aber wurde Urgroßvater Johann Georg Sichler, der mit seinen Pferden im Jahr 1900 bei der Weltausstellung in Paris war und, weil er bei Richard Wagner gesungen hat, den Beinamen „Singbauer“ trug. Sogar die Heu-Ernte habe dieser wegen der Musik zurückgestellt. Als die Hofübernahme dem Musizieren ein Ende machte, schrieb ihm Richard Wagner in einem Abschiedsbrief: „Liebe Deine Kunst zu Ehren Deiner Heimat“.

Die Alm-Lena schoss einen Einbrecher in die Flucht

Die Alm-Lena kam mit elf Jahren auf die Rachlalm. In den 67 Jahren ihrer Sennerinnen-Zeit bis 1988 geschah allerhand. Nach einer Stier-Attacke sollte ihr ein Fuß abgenommen werden. Doch das verhinderte sein Vater, indem er sagte „den Fuß brauchen wir noch“ – und er gesundete auch wieder.

„Vor der Alm sind in der Früh früher mehr Hirschen zu sehen gewesen, als wir Kälber auf der Weide hatten“, so Josef Sichler. Er weiß noch, dass damals ohne Stroh ausgemistet worden ist und Duschen nicht der Brauch war.

Einmal in der Zeit zwischen den Weltkriegen wurde Tante Leni aufgeschreckt, als ein Unbekannter nachts an die Tür pumperte. Kurzerhand schoss sie mit dem Karabiner aus dem Fenster. Nie erfuhr sie, wer der schnell flüchtende Möchtegern-Eindringling war.

Zur damaligen Zeit waren Rösser Männersache. „Die Kühe wurden damals wegen der Streu, die sie benötigten, als Mist-Viecher bezeichnet. Das war kein Schimpfwort, aber wenn man bedenkt, dass eine Kuh 120 bis 150 Reichsmark und ein abgerichtetes Ross 3000 bis 4000 Reichsmark wert war, dann waren die Pferde die Haupteinnahmequelle“, erklärte Josef Sichler.

Der 60-Jährige hat den Großrachlhof mitsamt Alm 1986 übernommen. Inzwischen hat er ihn an seinen Sohn Jakob (28) übergeben. Betreut wurde die Alm in den vergangenen Jahrzehnten mal durch eine Tante, ein älteres Ehepaar, Studenten, und ein paar Jahre fand sich niemand, sodass sie vom Hof aus betreut wurde. „Das war nicht immer gut, gerade wenn Besucher zum Beispiel das Wasser ablaufen oder die Weidegatter offen ließen“, so Josef Sichler.

20 Hektar Gesamtfläche hat die Rachlalm, davon sind 16 Hektar Lichtweide und vier Hektar Wald. Im Frühjahr kommen 15 Kalbinnen hoch, im Mai folgen rund 40 kleine Kälber und „trockene“ Kühe, derzeit sind noch 35 Stück Vieh auf den Almweiden. Vor rund sechs Jahren wurde ein neuer Stall für Jungtiere gebaut.

Der derzeitige Senner, Stefan Maier, kam auf den Geschmack, weil er immer wieder seine Tochter Maria besuchte und unterstütze, als diese neun Jahre auf der Rachlalm war. Als die Tochter heiratete, verkaufte er seine Firma in Grassau und trat ihre Nachfolge an. Unterstützt wird der 63-Jährige von zwei Senner-Kolleginnen, beide 22. Evi aus Vachendorf und Martina aus Murnau wollen nach ihrer Zeit auf der Alm die Winterschule besuchen.

Die drei teilen sich ihre Aufgaben und Arbeiten genau auf. Zweimal am Tag das Vieh zählen, die Alm in Schuss halten, die Wasserversorgung überprüfen, die Gäste bewirten. Vor allem Letzteres erfordert immer mehr Zeit, da sich das Freizeitverhalten der Leute geändert hat.

Erst als am Ende des Gesprächs das Thema „Wolf“ auf den Tisch kommt, verlässt die almerische Ruhe die Almleute. Für Josef Sichler ein ernstes Thema. „Wenn der Wolf nicht bejagt werden kann, dann wird die Folge sein, dass wir die Weiden mit Bäumen aufpflanzen. Unsere Enkelkinder haben dann 16 Hektar Wald mehr“. Sohn Jakob ergänzt: „Der Wolf ist in der Tundra beheimatet, in Oberbayern und im Alpenraum hat er zwischen Almwirtschaft und Tourismus unserer Meinung nach keinen Platz“. Doch zum Glück finden die beiden zu ihrer Gelassenheit zurück und erzählen noch, dass bei ausreichender Wasser- und Weide-Situation die Alm bis Kirchweih offen hat. „Mittwochs ist in der Regel Musik, aber Stammtische mit Musikanten ergeben sich auch ganz sporadisch, und die beiden ledigen Sennerinnen haben da schon eine gewisse Zugkraft“, weiß Senner Stefan Maier, der mit seiner Mannschaft kürzlich alle Hände voll zu tun hatte, als die Pfarrgemeinde Traunwalchen ihre Bergmesse bei der Rachlalm hielt.

Da das Almgebiet außerdem eine ganz besondere Akustik hat, gaben hier schon einige Male die Grassauer Blechbläser Konzerte im Rahmen des Chiemgauer Almfestivals.

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