Viele Hochbetagte im Siebenbürgerheim

Rimsting: Wo die Menschen älter als 100 Jahre werden – und warum das so ist

Das Siebenbürgerheim hat einige Umbauten und Erweiterungen hinter sich. Heute leben hier 104 Bewohner, 72 davon stammen ursprünglich aus Siebenbürgen in Rumänien./Fotos Thümmler
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Das Siebenbürgerheim hat einige Umbauten und Erweiterungen hinter sich. Heute leben hier 104 Bewohner, 72 davon stammen ursprünglich aus Siebenbürgen in Rumänien./Fotos Thümmler
  • vonHans Thümmler
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  • Elisabeth Sennhenn
    Elisabeth Sennhenn
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Sie haben in ihrem Leben viel Leid erlebt und so manches schwere Schicksal durchgestanden, die Siebenbürger Sachsen. 72 von ihnen leben heute im Rimstinger Siebenbürgerheim. Viele werden sehr alt – was vielleicht daran liegt, dass sie stets stark sein mussten, meint die Heimleitung.

Rimsting – Es war nach dem Zweiten Weltkrieg das erste seiner Art und ist seit 67 Jahren fester Bestandteil der Gemeinde Rimsting: Das Siebenbürgerheim. Heute kommen 72 von insgesamt 104 Bewohnern aus Siebenbürgen im heutigen Rumänien. Jetzt ein Alten- und Pflegeheim mit 71 Pflege- und 47 sogenannten Rüstigenplätzen, bietet es den Senioren den Blick auf den Chiemsee und die Chiemgauer Berge. Ob das ein Grund dafür ist, dass die Bewohner – so heißt es immer wieder – im Siebenbürgerheim besonders alt werden?

Mit 101 zu neuem Schwung gekommen

Erst vor kurzem feierte zum Beispiel Bewohnerin Annemarie Bauer ihren 100. Geburtstag dort. Renata Schwarz, die stellvertretende Leiterin des Heims, weiß noch von vielen anderen Hochbetagten zu erzählen. So erinnert sie sich an eine mit 103 Jahren verstorbene Dame, „sie hat sich mit 101 noch zu einer Hüft-OP entschieden und hat bis zu ihrem Tod Spaziergänge am See gemacht.“ Eine andere Bewohnerin habe mit 85 Jahren Lust aufs Klavierspielen bekommen: „Jede Woche kam dann der Klavierlehrer zu ihr.“ Ganz besonders aber beeindruckt habe sie eine 107-Jährige, die sieben Sprachen beherrscht habe. „Bis zuletzt hat diese Frau regelmäßig eine Schülerin vom Priener Gymnasium besucht, um sich mit ihr auf Französisch zu unterhalten und ihr französische Literatur vorzulesen“, staunt Schwarz rückblickend.

Es gibt Palukas und Kraut

Vieles im Heim erinnere die Bewohner an ihre ursprüngliche Heimat erinnert. Auch der siebenbürgische Dialekt wird gerne dort gesprochen, bestätigt Schwarz. Gepflegt werden Strickereien nach Motiven der alten Heimat oder auch das Kochen typischer siebenbürgischer Speisen. „Mehrmals in der Woche steht zum Beispiel Palukas auf dem Speiseplan, ein cremiger Maisbrei, den die Siebenbürger sehr gern mögen, als Alternative zu Kartoffelbrei etwa“, erzählt Schwarz, „und natürlich Kraut!“ Das schätzten freilich auch die anderen Senioren.

Würde man Schwarz aber nach einem Unterschied zwischen Siebenbürgern und anderen Heimbewohnern fragen und was sie so alt werden lässt, muss sie nicht lange überlegen: „Die Siebenbürger sind extrem willensstark, durchsetzungsfähig und sie wissen bis ins hohe Alter, was sie wollen.“

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Im Heim führt man das unter anderem auf die Geschichte zurück, welche die Siebensbürger – trotz der unterschiedlichen individuellen Biografien – eint: „Sie haben Flucht und Vertreibung erlebt und davor schon in ihrer Heimat das Gefühl, zu einer Minderheit zu gehören, mussten um ihre privaten und beruflichen Existenzen kämpfen“, schildert Schwarz. Viele hätten im Zuge des Kriegs schwere Schicksale erlitten, wie jene 103-Jährige, die dank ihrer neuen Hüfte Bewegung in der Natur erleben konnte: „Sie hat uns erzählt, dass sie bis 1053 in russischer Gefangenschaft war und danach zwei Jahre lang ihre Kinder quer durch Deutschland suchen musste, bis sie sie schließlich fand.“

Bis jetzt kein einziger Corona-Fall

Geschichten wie diese habe die Menschen fürs Leben stark gemacht und zusammen geschweißt. Resilienz würde man das heute nennen.

Im Heim stellt man auch fest: Die Siebenbürger pflegen enge, soziale Kontakte untereinander. „Sie sind auch im hohen Alter noch wissbegierig, lesen viel, sind gut informiert“, weiß Schwarz, und berichtet von Senioren mit eigene Laptops.

Auffallend ist auch, dass seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Heim kein einziger Infektionsfall aufgetreten ist. „Wir haben uns schon vor den Maßgaben durch die Regierung abgeschottet, Busfahrten eingestellt und die Besuche stark reduziert, wenn auch nicht ganz eingestellt“, beschreibt Schwarz, „im Moment beschränken wir Besuche aus Rosenheim und München. Die Bewohner verstehen das.“ Zum Glück sei das Seral weitläufig und viele Senioren nutzten die Spazierwege, um sich fit zu halten.

Geschichte des Heims

Eine eigentliche Vertreibung des Volksstammes der Siebenbürger Sachsen fand in Rumänien zwar nicht statt, aber im Zuge von Familienzusammenführungen nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer allmählichen Übersiedlung in die Bundesrepublik.

Die BRD ist die Urheimat dieser Menschen. Fünf Altenheime wurden in Bundesrepublik Deutschland errichtet, das erste entstand in der Gemeinde Rimsting.

1953 wurde das 20 000 Quadratmeter umfassende Gelände gekauft, auf dem sich neben dem schadhaften „Herrenhaus“ nur noch ein altes Bauernhaus in desolatem Zustand befand. „Die Wiederherstellung der Gebäude kostete nicht weniger als der Kaufpreis des gesamten Anwesens“, schreibt Dr. Josef Waibel in der Ortschronik. Heute stehen auf dem Areal fünf Wohngebäude, das letzte Haus wurde mit einer Pflegeabteilung vor rund 20 Jahren errichtet.

1952 wurde von der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen der Trägerverein „Hilfsverein Stephan Ludwig Roth“ als Bauherr gegründet. Um eine rentable Betriebsführung zu ermöglichen, wurde 1959 ein Neubau mit 32 Einzelzimmern errichtet. Das Gebäude wurde durch Baumaßnahmen immer wieder erweitert. 1980 baute man das alte Bauernhaus um, vergrößerte die Zimmer und versah sie mit Badegelegenheit. 2012 wurde eine moderne Pflegeabteilung eingerichtet.

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