Interview

Wie hilft der Glaube in der Corona-Zeit? Ruhestandspfarrer Purrer aus Schleching im Gespräch

Ekkehard Purrers Passion ist das Bergwandern.
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Ekkehard Purrers Passion ist das Bergwandern.
  • vonSybilla Wunderlich
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Schleching – Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht negative Schlagzeilen auf den Menschen einprasseln. Dazu kommen die dunklen und grauen Novembertage. Die Chiemgau-Zeitung sprach dazu mit dem evangelischen Ruhestands-Pfarrer Ekkehard Purrer.

Wie kann der Glaube in der Corona-Zeit helfen?

Ekkehard Purrer: Dieser November ist was ganz Besonderes: Die Angst vor Krankheit, Alleinsein und dem Tod ist in der Pandemie viel weiter verbreitet als wir ahnen. Das entnehme ich vielen Äußerungen „hinter dem Mundschutz“. Gerade der Glaube kann hier einmalig helfen: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden,“ heißt es im 90. Psalm. Die Gebete der Psalmen sind eine praktische Hilfe, die ich persönlich am Sterbebett meines Vaters neu entdeckt habe, als wir sprachlos waren.

Wie können Menschen den tief sitzenden Ängsten in dieser Zeit begegnen? Braucht es da nicht mehr als Gottvertrauen?

Purrer: Was gibt es Besseres als Gottvertrauen? „Ich glaube an Gott“ heißt ja eben „ich vertraue auf Gott“. Im 91. Psalm heißt es so schön im Zwiegespräch Gottes mit dem Menschen in seiner tief sitzenden Angst, die von Zeit zu Zeit jeder von uns hat: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“ (Vers 15) Wie oft sagen doch selbst sonst „Ungläubige“ ganz spontan in der Not: „Mein Gott!“ und seufzen zum Himmel!

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Kann der Mensch diese Zeit auch als Chance sehen?

Purrer: Ja, Sterben ist doch auch oft was Besonderes. Für vielleicht gut die Hälfte der 850 Beerdigungen, die ich in meinem Leben gehalten habe, war das Sterben eine Erlösung. Sie sind in den Frieden Christi „entschlafen“, wie die Urchristen das nannten. Auch der Bußtag ist – jetzt oft ökumenisch begangen – ein Tag der Einkehr bei Gott in Christus, der Kraft und Klarheit gibt zu einem Leben in Glauben, Hoffnung und Liebe. Und die Mahnung: Dass der Mensch sich nicht an die Stelle Gottes setzen darf!

Welchen Rat geben Sie Angehörigen von an Corona Erkrankten?

Purrer: Ruft Eure Angehörigen an! Besucht sie, wenn möglich - mit den notwendigen Schutzmaßnahmen. Hört ihnen und auch ihrer Klage geduldig zu, gebt ihnen Zuspruch! Tragt ihnen den 23. Psalm vor, den sie oft auswendig können oder Teile des 139. Psalms. Ruft ihren Ortspfarrer als „systemrelevante“ Person - wenn sie eine Beziehung dazu haben - auch zur Segnung und Krankensalbung, die auch ich gerne praktiziert habe. Diese oft „letzten“ Begegnungen bleiben immer in Erinnerung.

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Von der Kirche hört man nicht viel in Pandemie-Zeiten. Woran liegt das?

Purrer: Weil diese Art von Kranken- und auch Sterbenden-Seelsorge nie an die große Glocke gehängt wird, aber ich weiß von vielen Pfarrerinnen und Pfarrern, dass hier vieles im Stillen geschieht. Auch die Mitarbeiter in den Besuchsdienstkreisen wirken hier viel Gutes, um einer der schlimmsten „Krankheiten des Alters“ entgegenzuwirken: der Vereinsamung. Von den Kirchenleitungen allerdings hätte ich hier deutlichere Worte zur Seelsorge in der Pandemie erwartet.

Was würden Sie sich als Beitrag und Hilfe von den großen christlichen Kirchen wünschen?

Purrer: Dass Christus, der Pantokrator (so nennen ihn die Orthodoxen) stärker ist als die Pandemie und uns die Angst nehmen kann. Die Bibel hat so wunderbare Bilder von einem Leben nach dem Tod, das uns jetzt in der Krise und auch vor unserem eigenen Tod beflügeln und ermutigen kann wie nichts anderes. „Wir werden alle verwandelt werden“, sagt Paulus, „vom Kommen des Menschensohnes“ spricht Jesus in den pandemischen Krisen der Welt (s. Markus 13)... Mit dieser Botschaft ist uns eine unglaubliche Hoffnung geschenkt!

Herr Pfarrer, Bergwandern ist eines Ihrer Hobbies. Hilft Ihnen diese Passion, um Antworten zu finden?

Purrer: Unwahrscheinlich! Der Glaube an den unendlich sympathischen Gott ist doch das Beste, was wir haben. Das Kreuz am Hochgern haben die Nazis 1942 einst abgesägt und in ein Kar geworfen, die Unterwössener haben es restauriert und 1943 wieder aufgestellt. Mit Blick auf dieses Kreuz kann ich nur sagen:

Ich seh auf Dich, auch Du bist ja verwundet; und dennoch siehst Du voller Frieden in mein Tal. Tiefblau der Himmel über Dir bekundet, Du bist voll Trost bei mir in meiner Qual. Du kennst den Schmerz, der mir da irgendwo begegnet, Du baust die Brücken irgendwie gekonnt, Du bist es, der uns alle segnet: Am Berg da oben überm Horizont.

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