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Stille am Berg, aber Ruhe im Tal

Wie eine sechsköpfige Priener Familie ihren ersten Winter als Hüttenwirte meistert

Die Hütten-Pächter Sebastian und Rosa Lohrmann mit ihren Kindern Micha, Laurin, Martha und Raphael (von links) in den winterlichen Chiemgauer Bergen, wo sie etwa die Hälfte ihrer Zeit verbringen.
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Die Hütten-Pächter Sebastian und Rosa Lohrmann mit ihren Kindern Micha, Laurin, Martha und Raphael (von links) in den winterlichen Chiemgauer Bergen, wo sie etwa die Hälfte ihrer Zeit verbringen.
  • Dirk Breitfuß
    VonDirk Breitfuß
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Einen Schulweg wie Laurin, Raphael und Micha Lohrmann haben nur ganz wenige. Die Hälfte der Woche müssen die drei Buben aus Prien 900 Höhenmeter runter ins Tal, auch bei Sturm und Schnee. Die Eltern Rosa und Sebastian meistern gerade ihren ersten Winter als Hüttenwirte.

Prien – Am Montag und Dienstag sind Rosa und Sebastian Lohrmann mit ihren vier Kindern eine ganz normale Priener Familie. Von Mittwoch bis Montag früh nicht. Da liegt der Schnee vor manchem Fenster mannshoch und ein paar Meter weiter lagert das Bier tonnenweise. Es muss ja bis ins Frühjahr reichen. Rosa (38) und Sebastian (45) erleben gerade ihren ersten Winter als Pächter der Priener Hütte.

Raphaels Cello bleibt im Tal. Aber außer dem wertvollen und sperrigen Instrument des Sohnes packt Sebastian so ziemlich alles auf den Quad-Hänger, wenn er Laurin (15), Raphael (13), Micha (11) und Martha (3) über eine kurvige und verschneite Forststraße zum neuen Zweitwohnsitz der Lohrmanns kutschiert.

Stundenlage Funkstille

Das klingt romantischer, als es manchmal ist. Der Schneesturm, bei dem Sebastian die Hand vor Augen kaum noch sah und die Schneeflocken wie Nadelstiche von der Seite kamen, ist erst ein paar Tage her. Rosa ist es inzwischen fast gewöhnt, wenn ihr Mann mal ein paar Stunden später am Berg ankommt als angekündigt. Anrufen kann er nicht, wenn unterwegs mal wieder eine Schneewehe den Weg versperrt. Auf dem Weg gibt es kein Handynetz.

Kürzlich sprang oben auf 1410 Meter auch noch das Quad nicht an. Also machte sich Rosa mit den Kindern auf Schlitten auf den Weg ins Tal. Sie brauchten eine Stunden länger als sonst, weil immer wieder Gepäck herunterfiel und wieder eingesammelt werden musste. „Aber keiner hat auch nur ein Wort gemault“, erzählt die Mama rückblickend.

Trotz aller Widrigkeiten schwärmen die Lohrmanns im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen von ihrem ersten Winter als Hüttenwirte. Sie sind begeistert von der familiären Atmosphäre auf der Hütte. Dazu trägt auch ihr neunköpfiges Team bei, allesamt Quereinsteiger, die nicht aus anderen Gastroküchen kommen.

Und natürlich die Gäste. Manche sind überrascht von der Speisekarte. Die Lohrmanns servieren eine Reihe von Berg-Klassikern wie Kaspressknödel, aber auch vegetarische Speisen. Das ist ihnen sehr wichtig.

Wenn am Wochenende die Sonne scheint, hat der Ansturm auf die Priener Hütte manchmal was von einer Invasion, aber: „Wir lassen uns nicht überrennen“, ist sich das Ehepaar einig.

Sebastian, gelernter Sozial- und Erlebnispädagoge, ist nach zehn Jahren als Skipper auf einer Yacht krisenerprobt. „Ich kenne das, sich aus einem Desaster rauszuarbeiten“, umschreibt der 45-Jährige, als er ganz in Ruhe erzählt, wie er kürzlich einen halben Tag damit verbracht hat, das Quad im dichten Schneetreiben immer wieder freizuschaufeln.

„Wir lieben den Schnee“, bekräftigen die passionierten Tourengeher zum Winter in den Bergen, „aber irgendwann wirds schon zuviel“, gesteht Rosa, wenn sie an die Verwehungen denkt, die sich an manchen Tagen mehrere Meter hoch auftürmen. Aber Flexibilität und sich auf neue Situationen einzulassen gehört zu den Selbstverständlichkeiten, mit denen die Lohrmanns die Herausforderungen annehmen. Der 38-Jährigen kommen dabei sicher auch ihre vielseitigen Erfahrungen zugute. Die gelernte Schneiderin hat unter anderem schon als Rettungssanitäterin und in der Kindertagespflege gearbeitet.

Mit dem Quad auf dem Schulweg

In der Hütte richtet sich das Ehepaar immer von mittwochs bis Montag früh ein. Die Kinder bleiben meist einen Tag länger im Tal in Prien bei den Großeltern. In der Hütte gibt es eine einfache Zwei-Zimmer-Wohnung für die Pächter, die beiden älteren Buben bewohnen Zimmer unterm Dach. Freitags bricht die Mama in der Regel gegen 6.30 Uhr mit den Buben mit dem Quad auf, um sie ins Tal zu bringen, damit sie es pünktlich in die Schule schaffen.

Rosa und Sebastian haben sich bewusst entschieden, Montag und Dienstag zu Ruhetagen zu erklären, denn „die beiden Tage sind Gold wert“, umschreibt die Hüttenwirtin den Erholungseffekt in Prien. „Man muss halt mal andere Luft schnappen.“

Aber fast im gleichen Atemzug schwärmt das Paar von traumhaften Sonnenauf- und untergängen über den heimischen Gipfeln. Wenn dann auch noch die Küche geputzt ist geht die Familie oft nochmal bewusst ins Freie und die Augen leuchten, wenn Rosa und Sebastian vom alpinen Sternenhimmel erzählen.

Das ist ihnen mehr als Entschädigung für manchen Verzicht. Rosa zum Beispiel schaut leidenschaftlich gern Filme, hat aber seit Monaten keinen mehr gesehen, denn an den zwei Abenden in Prien fehle schlicht die Zeit dafür. Die brauchen die Lohrmanns daheim in Prien vor allem zum Durchschnaufen, denn „oben kann man die Stille erleben, aber die Ruhe finden wir im Tal“, philosophiert Sebastian über das Wechselspiel zwischen Berg und Tal.

In Prien ist die Familie seit vielen Jahren fest verwurzelt.

So wie die Lohrmanns klingen und die Herausforderungen des ersten Winters in den Bergen einfach meistern, könnte es gut sein, dass sie auch knapp 900 Höhenmeter weiter oben Wurzeln schlagen.

Sehr zufrieden mit den neuen Pächtern der sektionseigenen Hütte ist der DAV Prien. Hüttenwart Herbert Aß zeigte sich auf Anfrage „total positiv überrascht“, nicht zuletzt, weil Rosa und Sebastian Lohrmann noch keinerlei Erfahrung in der Gastronomie hatten. Aß berichtete auch von vielen positiven Rückmeldungen von Gästen über das Essen, die Übernachtungsplätze und die Bedienung.

Die Speisekarte entspreche dem, was man auf einer Hütte erwarte und was die Sektion wollte. „Für mich sind die Portionen für den Preis fast zu groß, aber das muss der Wirt wissen“, verriet Aß.

Im Frühjahr will die Sektion die ramponierte Zufahrt zur Hütte sanieren, für 2023 sei die Komplett-Sanierung der sanitären Anlagen geplant.

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