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Wenn Gigolos mit der Irmingard fahren

DJ Hell legt auf: So feiert die Traunsteiner Festung ihr 25-jähriges Jubiläum

In der Festung und deren Biergarten haben schon viele Traunsteiner ihre wilden Jahre verbracht.
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In der Festung und deren Biergarten haben schon viele Traunsteiner ihre wilden Jahre verbracht.
  • Axel Effner
    VonAxel Effner
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Back to the roots: Kein Geringerer als DJ Hell kommt zum 25-jährigen Jubiläum der Traunsteiner Festung und legt auf. So geht es der Traunsteiner Institution, die schwere Corona-Zeiten erlebt hat und Stars wie LaBrassBanda herausgebracht hat.

Traunstein – Beide sind Chiemgauer aus Leidenschaft und inzwischen Legenden des Kulturlebens. Der eine ist weltweit als gefragter DJ, Produzent, Trendsetter für elektronische Musik und Inhaber des Plattenlabels International Deejay Gigolos unterwegs. Der andere hat mit der „Festung“ als Bollwerk des Musik- und Kulturlebens regional wie überregional Geschichte geschrieben.

Am Sonntag feiern der gebürtige Traunsteiner Helmut Geier, besser bekannt als „DJ Hell“, und Kultclub-Besitzer Udo Henning das 25-jährige Bestehen der Festung mit einer doppelten Tanzparty: auf dem Chiemsee-Tanzschiff der MS Irmingard und danach im Club in Traunstein. DJ Hell wird dabei zusammen mit Kollege Alex Bau das aktuelle Musikset präsentieren, das er derzeit in den angesagtesten Clubs zwischen Marseille und Hamburg spielt.

Jahrhunderte altes Gasthaus

Erstmals kennengelernt haben sich beide in einer völlig verregneten Stadtfestnacht in Traunstein. „Das muss so um 2000 gewesen sein“, erinnert sich Udo Henning beim gemeinsamen Gespräch zum 25. Jubiläum auf dem begrünten Dach der Festung. Das Stahlmodell einer Rakete erinnert an so manch märchenhaften künstlerischen Aufstieg, der hier begann, etwa den der Kultband LaBrassBanda.

Noch vor wenigen Wochen hat DJ Hell in Mexiko City aufgelegt, das monatelang als Fluchtburg für Corona- und auflagengeplagte DJs diente. „Es war spannend zu sehen, dass in den dortigen Tanzclubs ebenso wie in Kolumbien oder Brasilien die Berliner Techno-Clubkultur des ,Berghain‘ mit ihrer Musik, ihren Mo-den, ihren Tanzstilen total angesagt ist. Berlin ist weltweit stilprägend.“ Als Experte und langjähriger prägender Szenekenner spricht der Chiemgauer auch in der siebenteiligen ARD-Dokuserie „Techno House Deutschland“, die noch in der Mediathek zu sehen ist.

DJ Hell erinnert sich an die schillernden Anfangszeiten des Techno in den 90er Jahren nach der Wende mit zum Teil illegalen und improvisierten Tanzpartys in verlassenen Fabrikhallen, Büroräumen und an allerhand kultigen Orten. Dazu gehörten auch die Umzüge der Loveparade in Berlin mit bis zu einer Million Besucher aus aller Welt.

Nicht weniger spektakulär war der Beginn der Festung. Udo Henning hat sich mit der Eröffnung eines eigenen Clubs 1996 einen Traum erfüllt. Die Wirtschaft, deren Anfänge als Gasthaus mehrere Jahrhunderte zurückreichen, avancierte nach dem Umbau und einem frischen Look, DJ-Tanzabenden und Jazzkonzerten schnell zum Szenetreffpunkt, der alle Altersklassen anzog. „Ein echter Knüller war die Entdeckung der Höhle, die wir nach einem Durchbruch ausgeräumt haben und noch innerhalb eines halben Jahres mit einer Ausstellung von Andreas Pytlik eingeweiht haben“, erinnert sich Henning.

Die legendäre Villa

Auch DJ Hell setzte in Traunstein Wegmarken. Anfang der 2000er Jahre übernahm er den berüchtigten Club Villa, verpflichtete Top-DJs wie den Berliner Westbam und zog Publikum bis aus München an. Schnell wurde die Villa zu einem der gefragtesten Hotspots für elektronische Musik in Bayern. Nach dem Ende des Clubs suchte DJ Hell eine neue Location und entdeckte die Festung für sich. „Das Ambiente dort genoss überregional einen guten Ruf und es war immer voll dort. Ich wohnte damals in Berlin und München, war international zwischen Tokio und New York unterwegs und freute mich darauf, die Weihnachtsfeiertage im Chiemgau zu verbringen und in der Festung aufzulegen.“

Mit Christian „Fricko“ Friese und Boris Mitterwieser als Bandmitglieder von „Fendt“ und Mitorganisatoren nahm die Festung als Konzert-Hotspot für alternativen Indie, Rock und Pop neuerlich Fahrt auf, erinnert sich Udo Henning an die „goldenen Zeiten“. „So um die 300 bis 400 Bands sind bisher hier aufgetreten“, sagt der 64-Jährige. Ein Meilenstein war der Umbau der Höhle zur auch offiziell genehmigten Konzertstätte vor zehn Jahren. 2008 hatte Henning in einem finanziellen Kraftakt der Brauerei die Gaststätte abgekauft und mit viel Eigenarbeit und der Unterstützung durch Freunde umgebaut und ein Mehrgenerationenhaus als Wohnung integriert.

Breites Programm

Aus der Konzertstätte wurde im Laufe der Jahre immer mehr eine echte Kulturstätte mit typischem Biergarten und gefragter Küche. Auftritte des Illusionisten Harry Riegel sorgten für Staunen. Film- und Theaterabende ließen ebenso wie Lesungen, klassische Konzerte und Inszenierungen von Schuberts „Winterreise“ Gänsehautmomente aufkommen. Diskussionen über das Kultur- und Nachtleben in Traunstein oder völkerverbindende Benefiz-Abende für Flüchtlinge begründeten ebenso wie ein neuer Kapellenbau den Ruf der Festung als unverzichtbare Kultureinrichtung. Für diese macht sich bis heute der „Vereinsheim Festung e.V.“ stark.

Impulse fürs Kulturleben

Ob Probleme mit Auflagen, renitenten Nachbarn, Corona-Auflagen oder Schwierigkeiten nach der Übernahme des Clubs „Salon Erika“ kurz vor dem Corona-Lockdown: Udo Henning beweist mit dem Club Festung erstaunliches Stehvermögen. Ebenso wie DJ Hell, der neben Sven Väth und Westbam zu den Urgesteinen des Techno zählt. Für die kommende Zeit wünscht sich Henning, „dass die Leute wieder hungrig auf Kultur sind und wir trotz schwieriger Zeiten wichtige Impulse für das Kulturleben in Traunstein und der Region setzen können“.

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