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Kirche im Wandel

Verliert die Kirche ihren Nachwuchs? So ist die Lage in den Chiemgau-Gemeinden

Längst nicht mehr für alle selbstverständlich: die Erstkommunion.
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Längst nicht mehr für alle selbstverständlich: die Erstkommunion.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Die Zahlen an Kindern, welche sich zur Erstkommunion oder Konfirmation anmelden, ist in Bayern merklich zurückgegangen. Die Erklärungen hierfür in den Gemeinden der Region sind genauso unterschiedlich wie die lokale Entwicklung selbst.

Chiemgau – Das Erzbistum München und Freising verzeichnete im vergangenen Jahr in Oberbayern 12.311 Erstkommunionen und damit 2088 weniger als im Jahr zuvor, wie es auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen schildert. „Das entspricht 85,7 Prozent der katholischen Kinder, die in der dritten Jahrgangsstufe zur Erstkommunion gingen“, sagt ein Bistumssprecher.

Zu beachten sei, dass die Ergebnisse der kirchlichen Statistik für das Jahr 2020 sehr stark durch die Effekte und Beschränkungen aufgrund der Corona-Epidemie beeinflusst worden seien.

Bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern liegen noch keine regionalen, nur bayernweite Zahlen vor. Demnach haben sich 2020 13.586 Buben und Mädchen konfirmieren lassen, im Folgejahr waren es bereits wieder 17.783. Auch hier verweist ein Sprecher der Landeskirche auf die „Corona-Delle“ bei den Konfirmationen. Zumal sich im Jahr 2019 noch 18.272 Jugendliche für die weihevolle Aufnahme in die Evangelische Kirche entschieden, im Jahr 2018 waren es jedoch noch 19.496. Kein eindeutiges Bild, lässt man den Corona-Effekt außer Acht.

„Die Jugend glaubt noch“

Auch auf Nachfrage bei einzelnen Kirchengemeinden im Chiemgau zeigen sich unterschiedliche Entwicklungen bei den Erstkommunionen und Konfirmationen.

Für das katholische Pfarramt St. Nikolaus wie auch für den Pfarrverbund Grassau kann Diakon Heiko Jung die Entwicklungen bei den Zahlen der Erstkommunionskinder nicht bestätigen.

In der Überseer Gemeinde habe man keinen Einbruch verzeichnen können, die Zahlen seien gleich geblieben. Nur vereinzelt habe man Kinder nicht zur Erstkommunion begrüßen dürfen, diese jedoch nachgefeiert. „Was man unterstreichen kann, ist: Wenn wir sagen, unsere Jugend glaubt nicht mehr, dann ist das falsch“, ist Jung überzeugt.

Gottedienstbesuch nicht mehr verbindlich

Gerade mit Firmlingen habe er die „intensivsten Gespräche“ über Glaubensfragen führen können. Klar ist für ihn aber auch: Die Kirche ist im Wandel. Der Besuch des Gottesdienstes sei nicht mehr so relevant wie einst.

Auch nicht mehr so verbindlich wie früher: „Wir haben eine Generation Eltern, die nicht mehr gezwungen wurde, jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen“, sagt er, ohne dass ihm Bedauern anzuhören ist. Vielmehr sei die Kirche nun gefragt, die richtigen Angebote zu machen und sich immer wieder neu zu orientieren. Auch, um Erwachsene wieder anzusprechen. „Es ist die Herausforderung unserer Zeit, und ich versuche mich, dieser auch zu stellen“, sagt Jung.

In Jugendarbeit investieren

Auch die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Prien, welche auch die Kommune Breitbrunn umfasst, berichtet nicht von einem Rückgang bei Jugendlichen, die sich zur Konfirmation anmelden. „Wir erleben keinen Einbruch, zumindest nicht wegen Kirchenzugehörigkeit – ganz im Gegenteil“, sagt Carola Hoob, Assistentin im Pfarramt und einst langjähriges Mitglied im Kirchenvorstand.

Allein während der Coronapandemie habe man in der Gemeinde Rückgänge verzeichnen können. Dieser Erfolg komme aber nicht von allein. Die Gemeinde investiere viel in die Jugendarbeit und beschäftige einen eigenen Jugendreferenten, um die Buben und Mädchen in Glaubensfragen abzuholen.

„Diese Stelle finanzieren wir allein“, betont sie, dass es hierfür keine Mittel seitens der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gebe. Auch sie ist nicht der Überzeugung, dass die Menschen vom Glauben abfallen. „Wir taufen nach Corona bis zum Abwinken. Die Familien suchen diese Verankerung“, ist sich Hoob sicher.

Rückgang bei Taufen und Beerdigungen

Den Eindruck, dass die Zahlen der Konfirmanden in seiner Gemeinde leicht zurückgegangen sind, hat zumindest Pfarrer Rainer Maier von der evangelischen Erlöserkirche in Unterwössen. Aber die Zahlen seien nach wie vor auf einem „guten Stand“. Bei anderen kirchlichen Praktiken – Taufen, Beerdigungen – gebe es hingegen einen merklichen Rückgang. Maiers Erklärung: Es gehöre längst nicht mehr zur Selbstverständlichkeit, sich zur Konfirmation zu melden. „Es gibt nicht mehr diesen Druck“, sagt er.

Und auch Maier ist davon überzeugt, dass die Kirche mit dem gesellschaftlichen Wandel mithalten, dass man die Institution vom Glauben selbst trennen müsse. „Der Bezug zu Gott hängt nicht an der Kirche“, findet er. „Unser ‚Produkt‘, der Glaube, ist zeitlos“, ist Maier überzeugt. Zumal gerade im sozialen Bereich der Evangelischen Kirche, der Diakonie, auch viele engagiert seien, die nicht der Kirche angehörten.

Lange nicht mehr bei 100 Prozent

Zumindest bei den Protestenten in Reit im Winkl kommen Sorgenfalten auf: „Wir sind schon lange nicht mehr bei 100 Prozent“, sagt Bernd Reuther, dessen Pfarramt auch für die Evangelischen in Ruhpolding und Siegsdorf verantwortlich zeichnet. „Wir versuchen, den Unterricht mit den Konfirmanden noch attraktiver zu machen“, berichtet er über Strategien, dieser Entwicklung zu begegnen.

Aber auch er zieht die Bilanz, dass es eine zunehmende Kluft zwischen Glaube und der Institution Kirche gibt, der man begegnen müsse. „Was sich verändert hat, ist die institutionalisierte Form der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft“, findet er. Sorge bereite ihm diese Entwicklung nicht, er sieht es vielmehr als Herausforderung: „Dass wir als Kirche nicht versuchen, die Kultur aus den 50er- und 60er-Jahren weiterzufahren“, sagt er, dass es längst nicht mehr um religiöse Autorität, sondern um ein Angebot gehe.

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