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Corona und die Clubs

Weltstar DJ Hell über das Nachtleben im Chiemgau: „Da wird nicht viel übrig bleiben“

Mit Karl Lagerfeld hat er schon gearbeitet, aber auch die Kiesgruben rund um Seeon interessieren Bernhard Geier, der aus dem nördlichen Chiemgau stammt.
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Mit Karl Lagerfeld hat er schon gearbeitet, aber auch die Kiesgruben rund um Seeon interessieren Bernhard Geier, der aus dem nördlichen Chiemgau stammt.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Chiemgau – Mit bürgerlichem Namen heißt er Helmut Geier, bekannt ist er weltweit als DJ Hell. Der heute 59-Jährige wuchs im Chiemgau auf und startete dort seine Karriere im Musikgeschäft. Wegen der Corona-Pandemie lebt er nun in Mexiko City.

Herr Geier, wie kommt man aus Bub aus Altenmarkt dazu, ein weltbekannter DJ zu werden?

DJ Hell: Das denkt man natürlich nicht, dass das so kommt, wenn man im Chiemgau das Licht der Welt erblickt. Was in fernen Ländern passierte oder was für uns Altenmarkter die große weite Welt darstellte, war weit entfernt in der großen bayrischen Haupstadt in München verborgen. Durch die Musik hatte ich Zugang zu einem neuen Planeten . So oft es möglich war, sind wir nach München gepilgert um dort Platten zu kaufen oder Second-Hand-Mode-Läden durchgewühlt um passende Kleidung zu finden. Ich wollte einfach immer alles an Musik hören , was gerade aktuell veröffentlicht wurde.

Wann haben Sie zum ersten Mal aufgelegt?

DJ Hell: In der Stiege in Trostberg wurden die Erlebnisse dann von Mittwoch bis Sonntag jeden Abend ab 20 Uhr vor Ort analysiert. Später dann im Libella in Kirchweidach, also noch im Ur-Libella, bevor es nach Altenmarkt zog. Die Betreiber Rita und Schlucki hatten hier großen Einfluss auf das Nachtleben und meine Entwicklung als DJ. Das hat sich später bis nach München und Salzburg rumgesprochen und so nahm das alles seinen Lauf.

Anfangs war es noch Punk, Ska, New Wave, Reggae, Hiphop oder Rockabilly. Besonders elektronischer New Wave und Deutsche Welle Anfang der 1980er waren Taktgeber und Vorreiter- das alles wurde dann musikalisch im Libella vorgetragen. Später bin ich nach München gezogen und dann nach Berlin und Ende der 1980er und Anfang der 1990er hatte ich dann schon die ersten internationalen Auftritte in New York in einer umgebauten Kirche, im Limelight, und wurde dann in Manhattan sesshaft.

Haben Sie denn eigentlich noch einen Beruf erlernt?

DJ Hell: Ich bin gelernter Betriebsschlosser mit abgeschlossener Lehre. Aber ich habe immer schon nebenbei aufgelegt. Das wurde dann mit der Zeit schwierig, weil ich ja am Montag in der Früh 6:15 Uhr zur Arbeit antreten musste und das Wochenende doch relativ intensiv war. Der Sonntag war auf jeden Fall noch Teil des Wochenendes und wurde deshalb auch dementsprechend zelebriert. Sportliche Begeisterung wurde auch noch aus der Schulzeit mitgebracht. Fußballspiele am Wochenende plus zweimal Training unter der Woche, Tennisturniere, Leichtathletik, Skifahren, Tischtennis – das wurde immer schwieriger, alles zu koordinieren .

Wie war das für Ihre Eltern, dass ihr Sohn DJ wurde?

DJ Hell: Meine Mutter war sehr loyal und wusste auch, dass sie dem bunten Treiben nicht so wirklich entgegenwirken konnte. Wir waren ja meistens im Schutze der Nacht unterwegs. Tagsüber waren wir auch alle sehr privat und wenig in der Öffentlichkeit, zum Schwimmen und Sonnenbaden ging man dann an abgelegene Plätze an der „heiligen“ Alz, was bis heute Bestand hat.

Wie ist für Sie persönlich der Kontrast zwischen Dorf und Jet-Set-Leben?

DJ Hell: Der Chiemgau ist für mich Erholung in einer Traumlandschaft und wenn man so will „High-life“. Wenn alle im Sommer in Urlaub fahren bin ich gerne im Chiemgau und lasse mich da treiben. Flughafen, Hotels, Festivals, Auftritte gibt es so gut wie jedes Wochenende in ganz Europa, oft zwei Länder Freitag und Samstag das ganze Jahr über.

Seit der Pandemie Anfang 2020 mit den ersten deutschen Covid-Patienten im Trostberger Krankenhaus, hat sich einiges verändert im Chiemgau. Berufsverbot für selbstständige Künstler, geschlossene Clubs, Restaurants, Bars, Kinos oder Theater, Lockdown im Winter 2020. Alle Freiheitsrechte sind außer Kraft gesetzt und als Privilegien dargestellt. Parkbankverbote, und in den Städten werden Jugendliche nachts durch die Grünanlagen verfolgt und zur Rechenschaft gezogen.

Der Chiemsee wird immer mehr zum Massentourismus und Wohnmobilmagneten. Wer jetzt noch keinen Platz für 2022 Ostern am See reserviert hat, parkt sein Gefährt eben in den angrenzenden Wiesen.

Was stört sie konkret?

DJ Hell: Übersee am Chiemsee ist im Sommer das beste Negativ-Beispiel was passiert wenn an der nahegelegen Autobahn Touristen aus München, Salzburg und Holland die Abfahrt nehmen und versuchen, einen der letzten 1500 Parkplätze zu bekommen. Beschallt mit billigem Ibiza-Sound und kommerziellem Reggaegedudel wird hier um jeden freien Platz am Wasser gekämpft.

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Sie sind zwar in Mexiko, aber verfolgen offensichtlich die Entwicklungen im Chiemgau.

DJ Hell: Ich hatte 10 Jahre ein Haus am Griessee in Großbergham gepachtet und viele Freunde im Chiemgau, so bekomme ich fast täglich Informationen und Updates . Im Sommer war ich dort immer monatelang wohnhaft und bin dann nicht mehr von meiner Münchener Wohnung zum Flughafen, sondern von Obing aus. Es gab sogar mal vor Jahren die Überlegung, in die Kommunalpolitik einzusteigen. Aber da fehlt mir einfach die Zeit und Begeisterung. Außerdem sitzen da zu viele Kiesgrubenbesitzer in den Gemeinderäten.

Der Kiesabbau ein großes Thema nördlich des Chiemsees.

DJ Hell: Ich finde den ausufernden Kiesabbau in unserer Voralpenlandschaft nicht mehr tragbar. Hier wird ohne Rücksicht gebaggert, was die Schaufel hergibt, siehe Seeon, Obing, Altenmarkt und Truchlaching .

Aus welchem Grund leben Sie jetzt in Mexiko-City?

DJ Hell: Eine unverständliche bis dumpfe deutsche Pandemie-Politik war letztlich ausschlaggebend und das absolute Berufsverbot. Lockdown heißt für mich Arbeits- und Reiseverbot. Im vergangenen Jahr musste ich das annehmen, weil ich mit dem Berliner Maler Jonathan Meese ein Album veröffentlichte.

Diesen Herbst wurden alle Prognosen noch mal bei weitem übertroffen, eine Inzidenz 1000 und mehr. CNN und New York Times fragen sich ja bereits verwundert, was da los ist im deutschsprachigen Raum, vor allem im alpenländischen Bereichen Österreich, Schweiz, Bayern.

Nun gibt es eine neue Regierung. Macht Ihnen das Hoffnung?

DJ Hell: Mir fehlt die Aufbruchstimmung und wenn der „Scholzomat“ zu aktuellen Themen referiert, schlafen mir die Füße ein. In Mexiko ist alles es sehr entspannt, die Inzidenzen sind sehr niedrig. Und das in einer der größten Städte der Welt mit 20 Millionen Einwohnern. Außerdem erfährt elektronische Musik hier einen ganz anderen Stellenwert und ist hier förmlich explodiert. Ich beobachte das Treiben aus der Ferne und werde hier in Mittel- und Südamerika meiner Arbeit weiter nachgehen .

Was wird aus Ihrer Sicht nach Corona vom Chiemgauer Nachtleben übrig bleiben?

DJ Hell: Nicht viel. Die musikalische Weiterentwicklung innerhalb der Szene war mir immer am wichtigsten . Im Moment stagniert das alles und ist fast stehengeblieben, es haben ja viele Kollegen nichts mehr veröffentlicht an neuer Musik im Lockdown. Festivals sind abgesagt, Tourneen verschoben. In Berlin kenne ich viele DJs, Clubbetreiber, Barleute oder Türsteher, die in Impfzentren gearbeitet haben. Ich finde es fatal, dass das Nachtleben nicht als systemrelevant eingestuft wurde und die Freiberufler kaum unterstützt werden.

Ferner ist zu bewundern, wenn Clubbesitzer durchhalten, weiterkämpfen aber viele sagen mir, sie wissen nicht, wie und ob es weitergeht. Wir Künstler und Freiberufler standen wirklich an allerletzter Stelle der Nahrungskette. Die Schweiz hat da vieles besser gelöst und nicht alles sofort geschlossen, hier wurden Veranstaltungen mit 300 Leuten ohne große Probleme organisiert.

Gleichzeitig gilt das Nachtleben in Ischgl als einer der Auslöser der ersten Welle.

DJ Hell: Ischgl spricht eine bestimmte Gesellschaftsschicht an aus ganz Europa. Schauen Sie sich die Bilder in dem Bildband von Lois Hechenblaikner an, da pinkeln Menschen nackt in den Schnee von der Hotelterrasse oder wüten mit Gummipuppen in der Öffentlichkeit. Da ist vieles falsch gelaufen. Ich persönlich trinke keinen Alkohol und lege Wert auf einen gesunden Lebensstil mit viel Schlaf.

Jetzt sind Sie 59 und Ihre Freiheit scheint Ihnen sehr wichtig zu sein. Haben Sie Angst vor dem Alter?

DJ Hell: Ich erkämpfe mir derzeit viele Freiheiten wieder in Mittel- und Südamerika und habe großartige Kontakte und viele Auftritte hier. Ob und wann ich nach Bayern zurückkehren werden, weiß ich noch nicht. Im Grunde arbeite ich gerade meine Lebensgeschichte auf, was zu einer Biografie führen wird und eine Filmdokumentation über mein künstlerisches Schaffen ist in Vorbereitung. Zum anderen spiele ich einen Schlagersänger namens- Helmut in einem kleinen Kinofilm, der 2022 auf Tour geht.

Das klingt nach viel Arbeit. Haben Sie auch mal Freizeit oder Feierabend?

DJ Hell: Ich denke in anderen Kategorien. Für mich ist Kunst oder Musik produzieren, für Menschen aufzulegen oder Visionen umzusetzen keine Arbeit. Wenn man so will, arbeite ich also immer – oder habe immer Freizeit.

Zum Abschalten und Freischwimmen bietet die Alz beste Voraussetzungen. Sehr störend sind hier aber vor allem die Partys mit lauter Musik auf Schlauchbooten, Luftmatratzen und aufblasbaren rosa Pelikanen. Am besten wenn Hochwasser ist, und die Alz gesperrt wurde, muss das mit viel Alkohol gefeiert werden. Im Grunde wird hier die Alz von Seebruck bis Altenmarkt mit leeren Flaschen und Müll verunreinigt.

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