Satirischer Brief an Minister Piazolo

Weiterhin Distanzunterricht: Lehrer in Prien mussten erst die Online-Schulbank drücken

Mathematik-Unterricht per Video-Stream: Studiendirektor Willi Weiß prüft am heimischen Schreibtisch Antworten aus der zehnten Klasse des Ludwig-Thoma-Gymnasiums.
+
Mathematik-Unterricht per Video-Stream: Studiendirektor Willi Weiß prüft am heimischen Schreibtisch Antworten aus der zehnten Klasse des Ludwig-Thoma-Gymnasiums.
  • Ulrich Nathen-Berger
    vonUlrich Nathen-Berger
    schließen

Hier und da hatte es zunächst gehakt mit dem Online-Service, aber jetzt sind die Priener Schulleiter zufrieden. Der Distanz-Unterricht per Videokonferenzen läuft in ihren Schulen mittlerweile rund.

Prien – Die Schulen bleiben geschlossen, die Schüler zu Hause: Seit Dienstag, 19. Januar, steht fest, dass der Corona bedingte Lockdown bis zum 14. Februar verlängert wird, um die Infektionszahlen wieder in den Griff zu kriegen. Weiter geht’s also mit Distanzunterricht per Videokonferenzen, Email-Austausch und Telefon. Die Priener Schulen sind dafür offenbar gut gerüstet, denn der Online-Unterricht läuft wohl ohne größere Probleme, wie die Chiemgau-Zeitung gestern in Gesprächen mit den Schulleitungen erfuhr.

„Natürlich wäre mir lieber, wenn wir den Präsenzunterricht hier am Ludwig-Thoma-Gymnasium wieder aufnehmen könnten“, sagt Oberstudiendirektor Andreas Schaller. „Es ist zwar eine harte Entscheidung vor allem für die Schüler, aber sie ist nötig und muss von uns mitgetragen werden.“ Der Online-Unterricht sei aufgrund der guten Vorbereitungen bislang sehr gut gelaufen. „Wir haben schon in den Wochen vor den Weihnachtsferien die Software Teams bei uns eingeführt und etliche Fortbildungen für unsere Lehrkräfte gemacht. Auch unsere Schüler wurden vorher durch die Lehrer in die Software eingeführt“, so Schaller.

Von Schülern, Eltern und Lehrer positive Rückmeldungen

Von Schülern, Lehrern und auch Eltern habe er hauptsächlich positive Rückmeldungen bekommen.

Auch Marcus Hübl, Rektor der Franziska Hager Mittelschule, steht „vor dem Hintergrund der hohen Infektionszahlen“ zur Entscheidung, die Schulen geschlossen zu halten. „Das Lehrerkollegium hatte sich in schulinternen Fortbildungen in das Thema gut eingearbeitet, auch die Schüler wurden eingewiesen.“

Technisches Problem machte Unterricht per Video unmöglich

Ein technisches Problem machte dann allerdings den Distanzunterricht per Video unmöglich, berichtet Hübl. „Wir hatten uns auf das Webkonferenzsystem ‚BigBlueButton‘ des Pädagogischen Medienzentrums des Landkreises Rosenheim verlassen. Das System lief aber sehr instabil, Unterricht war so nicht möglich, sodass wir schnell wieder auf die klassische Versorgung der Schüler mit Unterrichtsmaterial per Email und Telefon übergehen mussten.“

Zwischenzeitlich habe die Schule vom Landratsamt den Hinweis bekommen, dass die Serverkapazitäten ausgebaut würden, „aber nach den Ferien lief es auch nicht besser“, so der Rektor. „In einer Hau-ruck-Aktion haben wir dann auf Microsoft-Teams umgestellt. Das funktioniert jetzt zuverlässig, das Kollegium ist begeistert, auch beim Großteil der Schüler läuft’s einwandfrei.“

Zufrieden mit dem Ablauf des Online-Unterrichts

Zufrieden mit dem Ablauf des Online-Unterrichts an der Kommunalen Realschule ist Realschuldirektorin Andrea Dorsch. „Gleich zu Beginn des Jahres haben wir in der Lehrerkonferenz das Procedere für den Distanzunterricht festgelegt, der jetzt gemäß den Vorgaben des Stundenplans problemlos läuft.“ Das Lehrerkollegium sei mit Tablets und PC’s von der Schule technisch gut ausgestattet worden. Zudem habe es vor Weihnachten eine entsprechende Fortbildung gegeben. „Wir haben uns ‚online getroffen‘ und geübt; es gibt aus dem Kollegium derzeit keine Klagen, dass etwas nicht funktioniert“, freut sich Dorsch. „Ich weiß, dass nicht alle Eltern glücklich mit der Situation sind, aber bei mir hat es von deren Seite noch keine Beschwerden gegeben.“

Auch heuer wird es kein normales Schuljahr geben

Auch sie zeigt Verständnis für die Lockdown-Verlängerung. „Die verantwortlichen Politiker haben sich die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht.“

Wie sie zu den staatlichen Vorgaben steht, bewertet Kerstin Haferkorn, Rektorin der Chiemsee Realschule, kurz und knapp: „Emotionslos.“ Allerdings tun ihr die Schüler leid, dass sie nicht in der Schule sein können, denn Präsenz-Lernen sei einfach was anderes als zuhause zu lernen. „Es steht wohl fest, dass wir auch heuer kein normales Schuljahr haben und wir mit den Noten in Zeitnot kommen werden. Die neunten Klassen brauchen die Zeugnisse für ihre Bewerbungen“, bedauert Haferkorn.

Der Online-Unterricht laufe sehr gut. „Die Kollegen wie auch die Schüler bringen sich stark ein.“ Der Stundenplan werde mit Online-Konferenzen und Arbeitsaufträgen eingehalten, so die Rektorin. „Wir haben den Ablauf so geregelt, dass sich die Online-Zeit abwechselt mit selbstständigem Arbeiten sowie Rückfragen stellen, damit die Schüler nicht bis zu sechs Schulstunden ständig vor dem Bildschirm sitzen müssen.“

„Wir haben unseren Unterricht aufgeteilt“, erklärt Christoph Ascher, Rektor des Sonderpädagogischen Förderzentrums. „Zum einen bieten wir ihn per Video an – was wir zunächst über das BigBlueButton-System versucht hatten. Aber trotz der vom Landratsamt angekündigten Server-Erweiterung lief das System völlig instabil, sodass wir auf Teams umgestiegen sind.“

Lehrer mussten sich kurzfristig auf neues System einarbeiten

Die Kollegen hätten sich kurzfristig auf die neue Plattform einarbeiten müssen, „verzeichnen jetzt aber die ersten Erfolge mit dem Online-Unterricht. Wir bedienen jetzt schon ab der ersten Klasse unsere Schüler über diesen Weg“, so Ascher. „Im Klientel haben wir allerdings viele Familien, die durch diese Situation sehr belastet sind und auch leiden, dementsprechend wachsen täglich die Anfragen für unsere Notbetreuungsgruppe. Verteilt auf alle Klassen sind derzeit 15 Kinder in dieser Gruppe. Ab der kommenden Woche werden wir sie nochmals erweitern müssen.“

Lockdown für Kinder und Jugendliche fatal

„Online-Unterricht und Waldorf-Pädagogik ist ungefähr so wie Sauerkraut und Schokocreme“ – Dr. Evelyn Bukowski, Leiterin der Freien Waldorfschule Chiemgau in Prien macht sich große Sorgen. „Ich habe Angst, dass wir die Beziehungen zu den Schülern verlieren, dass wir das Herz der Waldorf-Pädagogik verlieren.“ Die momentane Vermittlung von kognitivem Wissen laufe derzeit über einen Weg, „der nichts mit unserer Pädagogik im engsten Sinne zu tun hat. Das machen wir zwar auch, aber mit anderen Methoden“, so die Schulleiterin. „Wir arbeiten dennoch im Online-Unterricht, allerdings über einen eigenen Server, der wohl wesentlich stabiler läuft als MEBIS – wie ich es von Kollegen mitbekomme. Wir unterrichten die gesamte Oberstufe online, das heißt ab Klasse neun, und zwar alle prüfungsrelevanten Wissensfächer.“

Der Lockdown möge in punkto Maßnahmen gegen die Infektionen wirksam sein, „aber für die Kinder und Jugendlichen ist er fatal. Weil den Kindern jetzt das abtrainiert wird, was eigentlich Kindheit ausmacht“.

Auf die Frage nach einem anderen Lösungsansatz, um der Pandemie Herr zu werden, findet die Schulleiterin keine Antwort. Evelyn Bukowski: „Dann wäre ich der liebe Gott.“

Prien-Partner bedanken sich beim Kultusminister mit analogem Ersatz-PC

Mit einem Satire-Schreiben an den Bayerischen Kultusminister Prof. Dr. Michael Piazolo hat der Gewerbeverein Prien-Partner auf die anhaltenden Probleme mit der Internet-Lernplattform„MEBIS“reagiert. Staatsminister Piazolo hatte darauf verwiesen, die Lernplattform des Ministeriums nur zurückhaltend zu nutzen.

Hier der Brief in vollem Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Prof Dr. Piazolo, erlauben Sie bitte, dass wir uns bei Ihnen für die epochalen, mythenbildenden Vorschläge, den Distanzunterricht in den Schulen zu etablieren, aufs Herzlichste bedanken. Nach fast einem Jahr intensivster, virtueller und digitaler Anstrengung haben Sie Eltern, Schülern und Lehrkräften empfohlen, MEBIS nicht allzu sehr zu ‚strapazieren‘, sondern auch auf althergebrachte und bewährte (schulische) Hilfsmittel wie Brief, Telefon usw. zurückzugreifen.

Ein nicht mehr verstummendes homerisches Gelächter

Sie waren/sind wohl der Meinung, dass das daraufhin landauf und landab ausgebrochene, nicht mehr verstummende, homerische Gelächter die beste Medizin für alle geplagten Beteiligten darstellt. Gekonnt und professionell zogen Sie sich das Ornat des Faschingsprinzen über und haben den nach Karneval lechzenden Menschen den Karneval durch die schon fest verschlossene Hintertüre eintreten lassen. Auch dafür möchten wir Ihnen unseren nicht virtuellen, sondern realen Dank entbieten.

Ein Geschenk aus Prien für den Kultusminister: der „analoge Ersatz-PC“ mit „Löschtaste“.

Mit diesem Dank verbinden wir die Bitte, mit Ihren kreativen Ideen nicht nachzulassen und für die Bevölkerung mit Ihrer ‚bitteren‘ Medizin auch weiterhin einen substanziellen Beitrag zur Therapie der gegenwärtigen Situation zu leisten. Sehr geehrter Herr Staatsminister, wir gehen davon aus, dass Ihnen der für Bayern typische Slogan ‚Laptop & Lederhose‘ geläufig ist. Wo Sie Ihren vielbenutzten Laptop verlegt haben, wissen wir nicht.

Sie erhalten von uns einen Ersatz mit fest installierter ESC-Löschtaste. Eine unsachgemäße Betätigung dieser Taste kann zu einer Ex-Situation führen. Sie werden wohl mit unserem Laptop besser umgehen können, als die Schüler und Lehrer mit MEBIS!! In der Hoffnung von Ihnen bald wieder etwas Unterhaltsames, Lustiges und Aufheiterndes zu hören, verbleiben wir mit freundlichen virtuellen Grüßen, Dr. Herbert Reuther, Vorsitzender Prien-Partner e.V.“

Mehr zum Thema

Kommentare