Wegen Corona: Chiemgau-Wallfahrt zum ersten Mal seit 68 Jahren abgesagt

Fester Termin an Christi Himmelfahrt: Die Wallfahrt der Chiemgauer Vereine zur Kirche „Maria zu den Sieben Linden“ in Raiten in der Gemeinde Schleching. Hötzelsberger

Zum ersten Mal seit 68 Jahren fällt die Prozession der Chiemgauer Trachtler nach Raiten aus. Die ersten Gottesdienste für die gefallenen Soldaten gab es zu Beginn der 50er-Jahre. Bis heute hat sich an dem ursprünglichen Wallfahrts-Gedanken nichts geändert.

Von Anton Hötzelsberger

Chiemgau/Schleching – Seit 1952 gibt es für die 23 Trachtenvereine des Chiemgau-Alpenverbandes für Tracht und Sitte die Bitt- und Dank-Wallfahrt zur Kirche „Maria zu den Sieben Linden“nach Raiten in der Gemeinde Schleching (Landkreis Traunstein). Heuer kann sie nicht, wie es Tradition ist, am Feiertag „Christi Himmelfahrt“ stattfinden. Aufgrund der Corona-Krise musste sie für diesen Donnerstag abgesagt werden. Ein Blick zurück erinnert an Entstehung, Sinn und Pflege der Wallfahrt im Chiemgau-Ort Raiten.

Gottesdienste für die gefallenen Soldaten seit dem Jahr 1951

Erstmals im Jahr 1951 waren es der GTEV „D´Gamsgebirgler“ Schleching mit den Trachtenvereinen Unterwössen, Marquartstein und Piesenhausen sowie die drei Kriegervereine von Schleching, Unterwössen und Marquartstein, die einen Gedächtnisgottesdienst für die gefallenen und vermissten Kameraden des letzten Weltkrieges vereinbarten. In Absprache mit Pfarrer Eduard Bichler aus Schleching wurde Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler eingeladen. Dieser zelebrierte den Gedächtnisgottesdienst und zum Abschluss der Feierlichkeiten war am Kriegerkreuz eine Heldenehrung mit Kranzniederlegung.

Weihbischof Franz Dietl zelebrierte die Messe 2001.

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Bereits am 22. Juli 1951 kam bei der Delegiertenversammlung der Chiemgauer Trachtler anlässlich des Festes zur Gründung vor 25 Jahren in Marquartstein der Vorschlag, künftig diese Wallfahrt für den gesamten Gauverband durchzuführen. Dieser Vorschlag wurde jedoch abgelehnt, da die Delegierten es für besser hielten, in den einzelnen Vereinen eine Gefallenen-Ehrung vorzunehmen. Gauvorstand Hias Schrobenhauser nahm jedoch bei der Gau-Herbstversammlung am 20. Oktober in Grassau nochmals Stellung zur Toten- und Gefallenen-Ehrung. Zugleich erwähnte er die beispielhafte Kriegerwallfahrt des Gauverbandes I nach Maria Eck.

Für das Jahr 1952 einigte man sich, dass es den Trachtenvereinen des Chiemgau-Alpenverbandes auf freiwilliger Basis überlassen blieb, ob sie an der Wallfahrt teilnehmen wollten oder nicht. Zugleich beschloss man, die Wallfahrt regelmäßig am Fest „Christi Himmelfahrt“ durchzuführen.

Bei der Gauversammlung am 6. März 1953 in Staudach bat Toni Speicher aus Reit im Winkl, die Wallfahrt als verpflichtenden Teil des Jahres für alle Vereine durchzuführen. Karl Bauer aus Aschau (später dortiger Bürgermeister und Zweiter Gauvorstand des Chiemgau-Alpenverbandes) schlug vor, jedes Jahr zwischen Raiten und der Kampenwand (Steinling Alm) mit der Wallfahrt abzuwechseln. Dieser Vorschlag fand jedoch in der Gauversammlung keine Mehrheit.

Von Anfang an war es nicht möglich, für die vielen Wallfahrer in der Kirche „Maria zu den Sieben Linden“ Platz zu finden, deshalb wurde auf dem Kirchenhügel ein Altar aufgestellt, der ab 1975 erstmals überdacht war.

Bis heute hat sich an dem ursprünglichen Wallfahrts-Gedanken nichts geändert. So wird im Rosenkranzgebet beim Gang von Unterwössen (nur die „Gamsgebirgler“ kommen von Schleching) und beim gemeinsamen, musikalisch gestalteten Gottesdienst an die Toten und Verstorbenen der Vereine gedacht, es wird für das Kriegsende vor nunmehr 75 Jahren gedankt und die Mutter Gottes wird um weiteren Frieden gebeten.

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Jedes Jahr ist ein anderer Trachtenverein mit der Organisation des Geistlichen und des Altardienstes beauftragt, die Blasmusik kommt immer aus Schleching. Nach Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler im Jahr 1952 kamen noch viele weitere hohe Geistliche, unter anderem 1968 Kardinal Julius Döpfner, 1973 und 1977 Weihbischof Franz Schwarzenböck, 1974, 1976 und 1984 Weihbischof Matthias Defregger sowie 1981 Weihbischof Heinrich Graf von Soden-Frauenhofen.

Zum Jubiläum „40 Jahre Chiemgauer Wallfahrt“ kam Kardinal Friedrich Wetter aus München nach Raiten. Damals sagte er in seiner Predigt unter anderem zu den Trachtlern: „Mit dieser Wallfahrt legt Ihr ein Bekenntnis zur Heimat ab. Heimat kann man sich nicht machen, sie ist ein Geschenk, letztlich ein Geschenk Gottes. Liebe Trachtler, bekennen Sie sich nicht nur an Festtagen wie heute zu unserer Heimat und zu ihrem Brauchtum. Sorgen Sie auch im Alltag dafür, dass die vom Geist des Glaubens geprägte Heimat, die uns geschenkt worden ist, nicht zerstört wird, sondern uns und den kommenden Generationen erhalten bleibt“.

Heuer bleiben nur Gebete und stilles Gedenken

In seinen weiteren Ausführungen erläutert der Kardinal den mehrdeutigen Begriff der Tracht wie folgt: „Ihre Tracht weist auf die Heimat, sie weist aber auch noch auf eine andere Tracht hin, die nicht Ihren Leib, sondern Ihre Seele schmückt; die nicht geschneidert, nicht von Menschenhand gemacht ist, sondern uns von Gott selbst geschenkt wurde. Dieses Gewand, diese Tracht trägt einen lebendigen Namen: Jesus Christus“.

Damit zusammenhängend zitierte der hohe Geistliche den Apostel Paulus mit den Worten: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angezogen“.

Heuer wäre es bereits zum 69. Male gewesen, dass die Chiemgauer Wallfahrt an Christi Himmelfahrt stattfindet. So kann es derzeit nur gelten, daheim und im Stillen der verstorbenen Trachtler im Gebet zu gedenken.

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