Wassersportverein Fraueninsel: Seit 97 Jahren ein gar nicht elitärer Segelclub

Plättenseglerin den 1920er Jahren am Chiemsee: Sie bilden den Ausgangspunkt für de Gründung des WVF im Jahr 1923. Seer
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Plättenseglerin den 1920er Jahren am Chiemsee: Sie bilden den Ausgangspunkt für de Gründung des WVF im Jahr 1923. Seer

Im Vereinsporträt: Die Wassersportler von der Fraueninsel. Es geht um Menschen, die am liebsten auf, aber seltener im Wasser sind. Und um solche, die die alte Tradition der Chiemsee-Plätte fortführen.

Fraueninsel – Ohne die Chiemsee-Plätten – einfache und robuste Flachboote, wie sie einst den Fischern der Chiemseeinseln gute Dienste leisteten – wäre der Wassersportverein Fraueninsel (WVF) nicht das, was er heute ist: „Eine bodenständige Vereinigung von begeisterten Wassersportlern, die aus einer breiten Bevölkerungsschicht kommen“, wie es Ulli Seer beschreibt. Der WVF sei kein elitärer Zirkel, sondern hier kämen Menschen aus der Gegend rund um den Chiemsee zusammen, denen die Faszination am Segeln gemein sei. Auf die Frage, ob ein Segler zugleich ein guter Schwimmer sein sollte, lacht Seer: Dies sei zwar von Nutzen, aber: „Wir versuchen, die meiste Zeit auf dem Wasser und weniger darin zu sein.“

Er ist selbst das beste Beispiel dafür, dass viele der rund 200 Mitglieder schon seit Generationen dem Verein angehören, daher hat ihm Vereinsvorsitzender Charly Zipfer für das OVB-Porträt den Vortritt gelassen. Viele WVF-Mitglieder segeln noch heute auf einer Plätte, auch wenn es kein Muss ist, erklärt Seer. „Meine Berchtesgadener Familie fuhr schon in den 1960er Jahren regelmäßig in den Urlaub an den Chiemsee. Mit meinem Vater war ich von Kindesbeinen an auf unserer Plätte unterwegs“, erinnert sich Seer.

Die Plätte, heute oft ein begehrtes Objekt

Die Familien-Plätte, erzählt Seer weiter, schippere sie seit 30 Jahren zuverlässig übers Wasser, „und davor rund 50 Jahre den Vorbesitzer.“ Dass ein Flachboot dieses Typs bei guter Pflege durchaus 100 Jahre und mehr im Dienst sein könne, sei keine Seltenheit. „Dann kann es durchaus zum Wertobjekt werden.“ Warum man ausgerechnet die Chiemsee-Plätte im Verein so schätzt, hat mehrere Gründe. In den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen reifte am Chiemsee diese Bootsklasse heran, welche die Fischer aufgrund ihrer Einfachheit und Zuverlässigkeit zu schätzen wussten. Anfangs bauten sie die Plätte sogar selbst; heute schätzt man sie wegen ihres vergleichsweise günstigen Preises, obgleich längst professionell gebaut: Eine gebrauchte Plätte ist für 5000 bis 7000 Euro zu bekommen, eine neue für etwa das Doppelte.

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Der 1923 gegründete Wassersportverein Fraueninsel jedenfalls begann früh, die Plätte zu fördern – neben der Nationaljolle und der Rennjolle. Die Anfänge des Segelsports auf dem Chiemsee. liegen allerdings noch viel weiter zurück.

Frühe – und tragische – Zeugnisse dafür liefert die Gedenktafel im alten Münster auf der Fraueninsel für die am 5. Juli 1879 bei einer der ersten Segeltouren ertrunkenen Insulaner Georg Müller und Adam Schweiberer. Eine Gedenksäule erinnert an den Bootseigner und Steuermann des Bootes, den böhmischen Advokaten Franz Josef Stradal. Erst Jahre später wagten sich wieder Segler auf den Chiemsee, und nahmen in Kauf, mehrmals pro Tag zu kentern.

Die ersten Regatten fanden 1913 und 1914 vor der Fraueninsel statt. Der Lust am Wettsegeln frönen heute knapp die Hälfte der Mitglieder des WVF.

Warten auf Erlaubnis für Regatten

„Die anderen segeln lieber gemütliche Touren“, weiß Seer. Am Ende des Tages zähle für alle aber das ungezwungene Beisammensein im „eher bescheidenen“ Clubhaus auf der Fraueninsel. Hier treffe der Handwerker auf den Juristen, der Landbewohner auf den Insulaner. Sie alle können ihre Boote derzeit nicht zu Wasser lassen, und die Ansteckungsgefahr durch Corona hat auch dem diesjährigen Regattenplan einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Von Mai bis Oktober dauert normalerweise die Regatten-Saison. Jetzt hofft der WVF stark darauf, dass wenigstens die Klampfleuthner-Gedächtnisregatta im Juli auf Plätten nicht abgesagt werden muss, zumal hier immer nur eine Person pro Boot auf dem Wasser sei. Der Name dieser besonderen Regatta geht auf den Insulaner Georg Klampfleuthner zurück, der den Verein 43 Jahre lang führte, von 1946 bis 1989, unterbrochen nur von einem Jahr, 1951, als Holmer Lex die Amtsgeschäfte innehatte. Klampfleuthner wird zugeschrieben, im Verein den Kontakt zu den Seglern sowie selbstlose Bescheidenheit, Traditionsbewußtsein und sportliche Kompetenz perfekt praktiziert zu haben. sen

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