Warum in Prien Lichter ausgehen sollen: „Paten der Nacht“ kämpfen gegen Lichtverschmutzung

Strahler wie dieser am Prienavera blenden nicht nur, sondern sind für Manuel Philipp maßgebliche Lichtverschmutzer in den Himmel. berger
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Strahler wie dieser am Prienavera blenden nicht nur, sondern sind für Manuel Philipp maßgebliche Lichtverschmutzer in den Himmel. berger
  • Silvia Mischi
    vonSilvia Mischi
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Die Nacht soll wieder ihre natürliche Dunkelheit beziehungsweise Helligkeit durch Mondlicht erhalten – das ist – einfach gesagt – das Ziel von Manuel Philipp. Warum? Zum Wohle von Mensch, Tier, Insekten und der Natur allgemein. Vor Ort kann jeder seinen Teil beitragen.

Prien – Manuel Philipp wohnt in Rimsting und ist Initiator und Motor hinter der bundesweiten Initiative„Paten der Nacht“. Diese ist ein Projekt zur Reduzierung der Lichtverschmutzung in Deutschland, das im September 2019 an den Start gegangen ist. Getragen wird es aktuell von 20 Ehrenamtlichen, die in ganz Deutschland ansässig sind. Sie sind im Einsatz und machen Behörden, Gewerbe und Privatpersonen auf unnötiges Licht aufmerksam. Aktuell erhält das Prienavera ein Schreiben, da die Strahler in den Himmel ein leicht behebbares „Übel“ seien. auch illuminierte Speisekarten einer Fastfoodkette um 3 Uhr nachts „braucht es nicht“.

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Unter Lichtverschmutzung (auch Lichtmüll oder Lichtsmog genannt) versteht man die Aufhellung des Nachthimmels durch menschengemachtes künstliches Licht. „Das schadet Menschen, Tieren, Pflanzen und der Umwelt, wenn man nur an das Stichwort Insektensterben denkt“, so der Diplom-Ingenieur.

Zeitschaltuhren und Bewegungsmelder als Abhilfen

Aber: „Kaum jemand denkt an diese Art der Verschmutzung und an rasche Abhilfen. Nicht aus Unwillen, sondern rein aus Unwissenheit heraus“, betont Philipp. Parkplätze am See oder rund um Kliniken in Prien hätten ebenfalls Verbesserungspotenzial. Etwaige Sicherheitsbedenken kann er dabei im Keim ersticken. „Zeitschaltuhren und Bewegungsmelder können helfen und garantieren Sicherheit zugleich für Kommunen, Gewerbe als auch Privathaushalte.

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Ein Dorn in Philipps Augen ist das nur „eindimensional gedachte Umrüsten“ der Straßenbeleuchtungen. Denn: „Das energieeffiziente Umrüsten auf LED bei Straßenlaternen ist zum Energiesparen gut, aber nichts gegen die Lichtverschmutzung“, kritisiert Philipp. Im Gegenteil: Es würden statt der 400 Kelvin leicht die Hälfte genügen, wenn man auch die Höhe der Masten von acht auf vier Meter beispielsweise halbiert“, so der Diplom-Ingenieur. „Jeder rüstet aktuell um, weil es staatliche Fördergelder gibt. Aber hier macht man viel kaputt, weil man neue, stärkere Lichtverschmutzung erzeugt“, urteilt der Experte.

So sterben ihm zufolge in Deutschland allein im Sommer über 100 Milliarden Insekten an Straßenlaternen und Millionen von Zugvögeln (meist nachts unterwegs) würden desorientiert oder geblendet an Hausfassaden prallen. Denn nach Sonnenuntergang würden mehr und mehr Lichter angeschaltet und blieben zudem teils die ganze Nacht brennen. Beispiele seien Werbeschriften an Häusern, beleuchtete Schaufenster und Restaurants, illuminierte Kirchtürme. Die Gemeinde hat bereits reagiert und beleuchtet den Kirchturm seit Lichtmess nicht mehr. Dabei gelte: Schon ein Lux entspreche dabei der zweifachen Stärke der Vollmondhelligkeit. „Es kann jeder einmal bei Vollmond rausgehen und schauen, wie hell bereits das einfache, natürliche Licht ist“, sagt der Ingenieur. Das Licht die ganze Nacht durchbrennen zu lassen, sei vergleichbar damit, „das Wasser von abends an laufen zu lassen, weil man am Morgen duschen will“.

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Dabei sei seit rund drei Milliarden Jahren in den Genen der Lebewesen ein täglicher Hell-Dunkelrhythmus verankert. „Dieser ist für die Wach- und Schlafphasen sowie die Zell-Reparatur- und -Regenerationen wichtig“, betont der Ingenieur. So gelte schon lange: Für einen gesunden und erholsamen Schlaf sollte helles, vor allem bläuliches Licht unbedingt gemieden werden. Zugleich würde die Bestäuberfunktion von Insekten durcheinandergeraten. „Das Ausmaß an Ernteausfällen, Artensterben und Co. ist hinlänglich durch das Bienenbegehren bekannt“, untermauert der Rimstinger die Zusammenhänge.

Die 20 Ehrenamtlichen haben binnen sechs Monaten 100 Paten (Firmen und Kommunen) angeworben. Dabei wird folgenden Varianten unterschieden: Vorreiter, Umrüster und Unterstützer. Die Beteiligung ist kostenlos und freiwillig. Philipp zufolge sind seine Forderungen an die Kommunen nichts Neues. Es gibt ein Bundesgesetz von 2019, dass der Lichtverschmutzung den Kampf ansagt. Demnach sind „Himmelstrahler und Einrichtungen mit ähnlicher Wirkung unzulässig.“ Hier passt das Beispiel genau hinein.

Philipp hält Vorträge und setzt auf Aufklärung. So gebe es beispielsweise bald eine Begehung am Ludwig-Thoma-Gymnasium. An der Waldorfschule sei – nach seinem Vortrag – einem Außenstrahler bereits „das Licht abgedreht“ worden. Und: Die sogenannte WWF-Earth Hour (Millionen von Menschen machen am gleichen Tag um 20.30 Uhr das Licht aus) soll laut Philipp am 28. März auf die Nacht ausgeweitet werden.

Beleuchtung eine Frage der Farbe:

Abend und nachts sollte laut „Partner der Nacht“-Chef Manuel Philipp nur gelbliches bis orangefarbenes Licht mit geringer Intensität genutzt werden. Denn je mehr Blauanteile in der Lichtquelle im Spektrum seien, desto stärker sei die Blendwirkung, desto intensiver sei die Lichtglockenbildung in der Atmosphäre, desto stärker sei die Anziehungskraft auf Insekten und desto schlechter sei der Schlaf tagaktiver Lebewesen.

Von 1700 bis 3000 Kelvin reicht dabei die Bandbreite der „guten“ Beleuchtung laut „Partner der Nacht“ , ab 4000 bis 6500 ist der Blauanteil sehr hoch. Richtlinien für die maximale Helligkeit von LED-Lichtquellen am Haus besagen circa 500 Lumen (circa fünf Watt) ungeschirmt und circa 800 Lumen (etwa acht Watt) geschirmt.

Sechs einfache Tricks für ein optimales Außenlicht:

1.Intensität: möglichst geringe Lumen-Werte nutzen; größere Bodenflächen besser mit mehreren schwachen Lichtquellen ausleuchten, anstatt mit nur einer einzigen sehr, sehr hellen. 2.Richtung: nur nach unten. Streulicht zur Seite und vor allem nach oben vermeiden. Hier helfen geschirmte Gehäuse oder LED-Reflektorlampen. 3. Farbe: je gelber, desto besser. Farbtemperaturen von 2700 Kelvin möglichst nicht überschreiten. 4. Montagehöhe: je niedriger, desto besser. Dadurch entsteht weniger Blendung und die Streuverluste des Lichts in die Umgebung werden reduziert. 5. Dauer: Beleuchtung nur während und nur solange man sie benötigt. Hier helfen Bewegungsmelder. Dauerlicht vermeiden und spätestens um 22 Uhr abschalten. 6. Notwendigkeit: Licht nur zur Wegesicherheit und Orientierung nutzen. Außenlicht zu dekorativen Zwecken sollte generell vermieden werden – speziell in Gärten, auf Pflanzen, Naturflächen und Teichen.

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All dies hält laut den „Paten der Nacht“ Insekten vom Haus fern, schützt tag- und nachtaktive Lebewesen, lässt den Sternenhimmel wieder erstrahlen und spart auch noch jede Menge Energie.

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