Wirtschaftlich auf der Kippe

Warten auf die Ausgleichszahlung: Chieminger Eltern-Kind-Klinik Alpenhof benötigt Hilfe

Bürgermeister Stefan Reichelt (von links), Geschäftsführerin Nadine Espey, Klaus Steiner und Klinikleiterin Annegret Obermaier tauschten sich über die Nöte der Klinik in der Corona-Pandemie aus.
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Bürgermeister Stefan Reichelt (von links), Geschäftsführerin Nadine Espey, Klaus Steiner und Klinikleiterin Annegret Obermaier tauschten sich über die Nöte der Klinik in der Corona-Pandemie aus.

Die Auslastung liegt heuer nur bei 50 Prozent, und trotz öffentlicher Corona-Hilfen wartet die Klinik Alpenhof in Chieming noch auf Geld. So reagiert der Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner auf die Situation.

Von Arno Zandl und Heidi Geyer

Chieming – Corona hat auch die Eltern-Kind-Klinik Alpenhof in die Krise gestürzt. Die Klinik war bereits seit Beginn des ersten Lockdowns von Mitte März bis Ende Juli komplett geschlossen, sagt die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Eltern & Kind Kliniken aus Neuhaus am Inn, Nadine Espey. Sie ist für insgesamt zwölf ähnliche Einrichtungen in vier deutschen Bundesländern unter demselben Träger zuständig.

Der Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner (CSU) hatte Kontakt zur Klinik Alpenhof aufgenommen, um sich gemeinsam mit Espey, Klinikleiterin Annegret Obermaier und Chiemings Bürgermeister Stefan Reichelt (CSU) ein Bild der Lage vor Ort zu machen.

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Espey zog als Zwischenfazit des ersten Lockdowns, dass aufgrund des Krankenhausentlastungsgesetzes Ausgleichszahlungen rückwirkend geleistet wurden. In der Zeit der Klinikschließung mussten die 120 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden, „aber es wurde immerhin 60 Prozent des Umsatzes, für leer stehende Betten erstattet“.

Vorleistung bei Kurzarbeit

Die letzten Ausgleichszahlungen für September stünden noch aus. Diese seien erforderlich, um bei einem weiteren Lockdown eine eventuelle erneute Kurzarbeit stemmen zu können. Der Arbeitgeber müsse dabei in Vorleistung gehen, bevor das Arbeitsamt diese ausgleicht. Dafür seien die Ausgleichszahlungen zum Erhalt der Liquidität erforderlich. „Da die Berechnungsgrundlagen der gesetzlichen Krankenversicherungen die Berechnungsformel der Kinder nicht differenziert einbezogen habe, entspricht das einem realen Ausgleich von rund 50 Prozent“, sagte Espey.

Verlust noch unklar

Während der Schließpause seien die Betriebskosten soweit als möglich reduziert worden. Mithilfe der Ausgleichszahlungen, des Kurzarbeitergeldes und einer Betriebskostenreduzierung konnte die Klinik Alpenhof diese behördliche Schließpause überstehen. Die Jahresauslastung liegt derzeit bei rund 50 Prozent statt wie in den letzten Jahren üblich bei 100 Prozent. Die Höhe des Verlustes sei derzeit noch nicht genau zu beziffern, da sich die Rahmenbedingungen fortwährend ändern.

Ab 90 Prozent Auslastung profitabel

„Die neuen Ausgleichszahlungen, die Mitte November beschlossen worden sind und bis Ende Januar 2020 gelten, sind eine große Hilfe, sodass wir für die Mitarbeiter der Klinik Alpenhof noch keine Kurzarbeit beantragen mussten. Denn trotz der Minderbelegung, die sich im letzten Quartal dieses Jahres derzeit auf rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr beläuft, werden alle Hände dringend benötigt.“

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Das Pandemie- und Sicherheitskonzept der Klinik lasse derzeit keine Vollauslastung zu. Espey betonte, dass Eltern-Kind-Kliniken aufgrund der Vergütungsstruktur erst ab einer Jahresauslastung um die 90 Prozent wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. „Deshalb treffen Belegungsreduktionen die Kliniken besonders hart“, sagte Espey

Die an Steiner herangetragene Kritik besteht in erster Linie an der Übertragung der Ausgleichszahlungsabwicklung an das Bayerische Landesamt für Pflege. Dessen Mitarbeiter müssen sich erst mühsam in die Materie einarbeiten, was zu verzögerten Ausgleichszahlungen führe. „Andere Bundesländer lassen das über die Krankenkassen laufen, die das sehr routiniert machen, dort wurden Ausgleichszahlungen für September bereits Anfang Oktober geleistet. In Chieming warten wir jetzt im Dezember noch darauf“, sagte Espey.

Steiner signalisiert Unterstützung

Steiner sagte zu, die vorgebrachte Kritik zeitnah im Landtag an die zuständigen Stellen zu tragen, damit geprüft werden könne, ob andere Bundesländer tatsächlich eine bessere Strategie verfolgen. Der Landtagsabgeordnete möchte das Anliegen persönlich an Gesundheitsstaatssekretär Klaus Holetschek, die Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner, und an die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml herantragen.

Sorge vor Rückstau im Kurbetrieb

Steiner vertrat die Ansicht, dass die Minderbelegung zu einem Rückstau der Kurbedürftigen führt, sodass möglicherweise in den Folgejahren nach der Pandemie wieder ein erhöhter Bedarf zu erwarten sei. Das Corona-Virus sei „ein unberechenbarer Gegner , den wir nicht kennen“, so Steiner. Obermaier dankte Reichelt und Steiner für deren Interesse an der Klinik Alpenhof. Sie hoffe auf begünstigende Entscheidungen des Staatsministeriums, um weiteren Schaden von den Eltern-Kind-Kliniken fernzuhalten.

Lockdown sehr belastend für Eltern

Fast die Hälfte der Eltern – und damit ein deutlich höherer Anteil als bei den Personen ohne Kinder – empfand die Lockdown-Phase als sehr belastend. Das geht aus einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervor. Frauen berichteten häufiger als Männer von einer hohen Belastung. Bei den alleinerziehenden Müttern gaben sogar rund 60 Prozent eine hohe Gesamtbelastung an. Bei einem kleineren Teil der Eltern lassen die Analysen eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit erkennen. So seien besonders Mütter von Kindern unter 16 Jahren öfter niedergeschlagen oder deprimiert. Der Verlust freiheitlicher Grundrechte, Ängste um Angehörige, die zu Risikogruppen zählen sowie das Leben mit physischem Abstand können laut Studienautoren psychisch destabilisieren. Neben Sorgen um die Gesundheit oder die finanzielle Absicherung kommen auf Mütter noch gestiegene Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinzu.

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