Walter Kellermann aus Reit im Winkl: Ein Leben mit den Bergen

Walter Kellermannauf dem Klettersteig am Stripsenjoch, Wilder Kaiser. Fotos: privat, Giesen

Eine ganze Reihe von Jubiläen hat der Lawinenexperte schon hinter sich – bis auf seine Geburt vor fast 80 Jahren haben alle diese Jubiläen irgendwie mit dem Gebirge zu tun.

Von Christiane Giesen

Reit im Winkl – Als staatlich geprüfter Berg- und Skitourenführer, dazu europaweit anerkannter Lawinenxeperte, ist Walter Kellermanns ganzes Leben wie das weniger anderer von den Bergen bestimmt. „Auf dem Berg fühle ich mich glücklich wie nirgendwo anders“, erzählt er bei einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Seine erste Tour ging barfuß zum Funtensee

Im Mai 1940 in Oberteisendorf geboren war Kellermann schon mit fünf Jahren in den Berchtesgadener Bergen zu Fuß und auf Skiern unterwegs. Damals unternahm er seine erste Bergtour barfuß zum Funtensee im Steinernen Meer mit seiner Mutter, die dort eine Freundin besuchte, nämlich Burgi Hasenknopf, Jahrgang 1885, die damals dienstälteste Sennerin in Berchtesgaden. Eine beachtliche Leistung für einen so kleinen Knirps, denn immerhin gut 1000 Höhenmeter waren zu überwinden. Seine „Spezialverpflegung“ seien damals, im Jahr 1945, „Zuckerstückln“ gewesen, erinnert sich Kellermann.

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Später absolvierte er viele Kletter- und Eistouren im ganzen Alpenraum, bis er 1965 mit 25 Jahren eine Erkundungsfahrt in den Hohen Atlas in Nordafrika leitete. 1967 nahm er an einer Hindukusch-Expedition der legendären AV-Sektion Bayerland teil. Fünf Sechstausender und sechs Fünftausender wurden damals im Grenzkamm zwischen Afghanistan und Pakistan erstmals bestiegen.

Um auch einen „richtigen“ Beruf zu erlernen, absolvierte Walter Kellermann von 1954 bis 1957 ein Schlosserlehre, leistete seine Wehrdienstzeit bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall und besuchte anschließend die Zollschule in Bad Gandersheim im Harz. Von 1962 bis 1978 war Walter Kellermann Zollbeamter, davon fünf Jahre auf der Zugspitze. 1978 machte er sich als staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und Lawinenexperte selbstständig.

Walter Kellermann: "Angst ist wichtig"

Bei all dieser alpinen Erfahrung – kennt Kellermann das Gefühl Angst? „Angst ist sehr wichtig“, erklärt er. „Als Kind war ich sogar ziemlich ängstlich. Diese Angst habe ich durch das Klettern langsam immer mehr abgebaut.“ Dabei hält er die Fähigkeit, auch mal umzukehren, für besonders wichtig. Von Anfang an müsse der Mensch lernen, seinen Instinkten zu vertrauen. „Ich gehe bei jedem Wetter, aber wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, dann kehre ich um.

Als Zöllner war Kellermann von 1965 bis 1967 Mitglied der ersten bayerischen Lawinenkommission auf der Zugspitze. Im Winter 1974/75 war er der erste Experte zumindest in Deutschland und Österreich, der Lawinenlehrgänge speziell für Tiefschneefahrer und Skibergsteiger durchführte. Heute gilt er als einer der profiliertesten Lawinen-Experten Europas. Mit seinem norwegischen Freund Nils Faarlund entwickelte er die so genannte Norwegermethode, mit der die lokale Schneebrettgefahr getestet werden kann. Mit Hilfe eines Schneeprofils wird geprüft, wie die einzelnen Schneeschichten untereinander verbunden sind.

Seit 1980 bot er weltweite Berg- und Skireisen an

1980 begann Kellermann mit seinen „Berg- und Skitourenreisen weltweit“. Diese Reisen waren bis zuletzt sein Markenzeichen – er versuchte damit, seinen Gruppen mit schönen Berg-, Natur- und Skitourenerlebnissen Freude zu vermitteln. Auch im Alter ist Kellermann noch aktiv und zwar am liebsten im steileren Fels oder auf blumenreichen Bergtouren.

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Was tut der Ende Mai 80-Jährige, um fit zu bleiben? „Gar nichts Besonderes. Ich esse alles, und Bier und Wein – mäßig genossen – schaden bei genügend Bewegung auch nicht“, sagt Kellermann. Das Bergsteigen sei außerdem eine eher gemütliche Sportart, die man bis ins hohe Alter ausüben könne. Sein väterlicher Freund Anderl Heckmair, Erstbesteiger der Eiger-Nordwand, sei zum Beispiel bis zu seinem Tod mit 98 Jahren in die Berge gegangen.

Kellermann war einer der Ersten, der von der Regierung von Oberbayern zum „öffentlich bestellten und beeidigten Sachverständigen für Bergsteigen, Tourenskilauf und skitouristische Lawinenkunde“ ernannt wurde. Er bekam viele andere Ehrungen, zum Beispiel 1983 die „Ata-Türk-Medaille“ für seine Tätigkeit als Ausbilder für die Jugendlichen des Türkischen Verbandes für Alpinismus. 2018 erhielt er das Vereinsabzeichen in Gold vom BUND Naturschutz in Bayern, und 2019 wurde er Ehrenmitglied beim Verband Deutscher Berg- und Skiführer, besonders wegen seiner Verdienste bei der Lawinenschulung.

Auch heute noch, betont Kellermann, dass Berg- und Skitouren zwar wunderschön seien, aber nicht wert, dass man sein Leben dafür riskierte. Zu viele seien sich der alpinen Gefahren nicht bewusster als früher. „Die meisten, die in die Berge gehen, kaufen sich nur eine teure Ausrüstung, zum Beispiel ABS-Lawinenrucksäcke und LVS-Geräte (Lawinenverschütteten-Suchgeräte). Die sind aber keineswegs die Garantie dafür, zu überleben“, sagt der Experte. Ein Verschütteter werde damit zwar schneller gefunden, aber oft sei es dennoch zu spät.

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