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95 Jahre „Evangelisch in Prien“

Kinder wurden verdroschen - weil sie evangelisch waren: Wie es Protestanten in Prien erging

„Jeder Mensch muss seine Gottesbeziehung selbst verantworten“: Der evangelische Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth vor der Christuskirche, die vor 95 Jahren geweiht wurde.
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„Jeder Mensch muss seine Gottesbeziehung selbst verantworten“: Der evangelische Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth vor der Christuskirche, die vor 95 Jahren geweiht wurde.
  • Ulrich Nathen-Berger
    VonUlrich Nathen-Berger
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Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth im Interview über 95 Jahre „Evangelisch in Prien“, verdroschene Protestanten-Kinder und die Mitsprachepflicht jedes Gemeindemitglieds.

Prien – Vor 95 Jahren wurde die Christuskirche in Prien eingeweiht. 120 Protestanten fanden darin Platz. Mehr gab es damals nicht zwischen Amerang, Prien und Sachrang. Das stellt sich heute völlig anders dar. Über die Entwicklung der evangelischen Gemeinde in ihrer Größe und ihrem Selbstbewusstsein in dieser Zeitspanne sprachen die OVB-Heimatzeitungen im Interview mit Pfarrer Karl Friedrich Wackerbarth.

In Prien geboren, hier wohnen und evangelischer Christ sein – das war doch damals in diesem katholischen Umfeld eigentlich undenkbar, oder?

Karl-Friedrich Wackerbarth: (Lacht) Soweit ich weiß, gab es zu der Zeit hier nur einen Protestanten.

Wie bitte? Und warum wurde dann die Kirche gebaut?

Wackerbarth: Das war das Interessante – Großkarolinenfeld war die erste Bastion der Protestanten hier in der Region. Dort entstand 1822 mit der Karolinen-Kirche der erste eigenständige evangelische Kirchenbau Altbayerns. Es dauerte dann nochmals 100 Jahre, bis sich nach dem Ersten Weltkrieg eine evangelische Gemeinde in Prien entwickelte. So ergab eine Zählung um das Jahr 1919 rund 120 Evangelische im Umfeld des Ortes – von Amerang bis Sachrang. Die wurden zu derzeit von Rosenheimer Pfarrern versorgt. 1920 wurde der Evangelische Verein Prien gegründet; sein Hauptzweck war, einen Kirchenbaufonds ins Leben zu rufen. 1927 wurde dann die Priener Christuskirche eingeweiht, mit 120 Sitzplätzen; für die 120 Protestanten.

Gab’s dann für die Gemeinde auch einen eigenen Pfarrer?

Wackerbarth: Nein, erst 1934 wurde Prien eigenständiges Vikariat, 1940 unter Pfarrer Stock schließlich Pfarrei. Zu dem Zeitpunkt wurden im Bereich von Amerang bis Sachrang über 1000 evangelische Erwachsene erfasst. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Zahl explosionsartig nach oben.

Und wo steht die Gemeinde heute?

Wackerbarth: In der genannten Region zwischen Amerang und Sachrang gibt es mittlerweile drei selbstständige evangelische Kirchengemeinden mit viereinhalb Pfarrstellen, eineinhalb Klinikpfarrstellen sowie ungefähr 7.000 Mitgliedern.

Der Weg dahin war sicherlich kein leichter. Wie hat sich in den knapp 100 Jahren die evangelische Gemeinschaft gegenüber des über Jahrhunderte gewachsenen katholischen Umfelds behaupten können?

Wackerbarth: Die Evangelischen wurden einfach nicht ernst genommen. Was zum Beispiel eine Erzählung von Hans-Jürgen Schuster, Kirchenpfleger und langjähriges Mitglied im Kirchenvorstand, verdeutlicht. Er war nach dem Krieg im Priener Ortsteil Urschalling daheim. Wenn er mit anderen Kindern von dort zur Schule ging, seien sie in der Regel von anderen Kindern verdroschen worden. Weil sie evangelisch waren. Die Protestanten insgesamt haben hier lange Zeit eine große – ich sag‘ mal – Ablehnung erdulden müssen. Das wurde mit dem großen Zuzug von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg anders, weil dadurch die Zahl der evangelischen Christen extrem zunahm.

Was auch das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinschaft in Prien stärker machte…

Wackerbarth: Absolut – und ihre Kirche war der Identifikationsort für sie. Der Name Protestant war Programm: Sie standen aufrecht der katholischen Übermacht entgegen.

Was waren denn die maßgeblichen Reibungspunkte?

Wackerbarth: Im Grunde genommen waren es alles Vorurteile gegenüber den Protestanten, die über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben worden sind. Sie waren Ketzer mit einem falschen Glauben. Allerdings: Noch in den 1990er Jahren sind katholische Christen in unsere Kirche gekommen und waren darüber erstaunt, dass auch an unsere Kirchenwand ein Kreuz hängt, dass auch wir das Vaterunser beten und das Glaubensbekenntnis sprechen.

Beide Seiten haben offenbar zu wenig voneinander gewusst…

Wackerbarth: Ja – die Protestanten haben mit dem Finger auf die Katholiken gezeigt wegen ihrer Anbetung Marias und der Heiligen; die Katholiken auf die Protestanten, weil sie doch völlig nüchterne Gottesdienste feiern, ohne Ausstrahlung und Sinnlichkeit – sie waren einfach nur die abgefallenen Katholiken.

Wackerbarth: Es ist doch eine Frage des Gewissens. Jeder Mensch ist gefordert in seinem Christsein und muss seine Gottesbeziehung selbst verantworten. Das kann ich nicht abgeben an eine Institution oder eine Tradition. Dafür braucht es keine Kirche und keinen Priester, weil es nicht hilft. Und jedes Gemeindemitglied hat deshalb nicht nur ein Mitspracherecht, sondern eine Mitsprachepflicht bei der Entwicklung der Gemeinschaft.

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