Verlorene Gestalten im Zickzackmuster in der Pfarrkirche Übersee

Mit Meterstäben haben (von links) Kirchenpfleger Ludwig Klarwein, Diakon Heiko Jung, Dekan Georg Lindl und Mesner Simon Falkinger die erlaubte Verteilung der Sitzplätze genau ausgerechnet und demonstrieren sie hier. Mergenthal

Die großen Kirchen im Chiemgau rüsten sich für Messen mit Hygieneabstand und Maskenpflicht. Pfarrer beklagen Defizite beim spirituellen Erlebnis

Von Viktoria Mergenthal

Übersee/Traunstein – Der „Dom des Achenthals“, die Überseer Pfarrkirche St. Nikolaus, ist stolze 50 Meter lang und bietet normalerweise 600 Besuchern Platz. Wenn hier wieder öffentlich zelebriert wird, zum ersten Mal seit Mitte März, haben nur 56 Personen Platz – nach dem Infektionsschutzkonzept im Erzbistum München und Freising.

So hat es jedenfalls Mesner Simon Falkinger errechnet. Ein paar Plätze könnten dazu kommen, wenn die Pfarrei Übersee, wie von Diakon Heiko Jung anlässlich einer „Kirchenvermessung“ angeregt, spezielle Familienbänke schafft. Denn Menschen in Hausgemeinschaften sind zur Einhaltung der vorgeschriebenen zwei Meter Abstand nicht verpflichtet.

Kirchen müssen regelrecht umgerüstet werden

In allen Kirchen der Erzdiözese München und Freising und auch des Chiemgaus wird nun wie hier gemessen, berechnet und markiert. Sitzpläne und Planungen für den Zugang zur Kirche werden erstellt. Die Kirchen sind regelrecht umzurüsten, und das eventuell nur für ein einziges Wochenende, denn eine Lockerung der Corona-Vorschriften  nach dem 11. Mai könnte auch für die Kirchen Entspannung bringen.

„Die Schutzbestimmungen trage ich inhaltlich voll mit. Wir unterstützen den Staat hier ohne Wenn und Aber. Wir wollen gesund bleiben und vermeiden, dass sich jemand ansteckt“, stellt Landkreis-Dekan Georg Lindl klar. „Wir sind kooperativ aus Überzeugung, damit wir unseren Beitrag dazu leisten, dass dieser Ausnahmezustand baldmöglichst beendet wird.“

Lesen Sie auch: Kirchen in der Coronakrise – beten ja, Abendmahl nein

Zugleich spart der Traunsteiner Stadtpfarrer, auch Pfarradministrator in Übersee, nicht mit deutlichen Worten: „Mit Mundschutz und Handschuhen Kommunion austeilen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für die Menschen ein erhebendes Erlebnis ist.“ Zwar sind Priester und Sprecher vom Tragen des Mund-Nasenschutzes befreit. Um den Leib Christi austeilen zu dürfen, muss der Priester indes nach dem Desinfizieren der Hände ebenfalls Maske und Handschuhe anlegen. „Er reicht den Gläubigen unter Wahrung des für eine würdige Form der Kommunionspendung größtmöglichen Abstandes (…) und ohne direkten Kontakt die Heilige Kommunion“, heißt es wörtlich im Infektionsschutzkonzept.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Sollten sich die Hände von Priester und Kommunikant direkt berühren, muss der Priester die Handschuhe wechseln. Mundkommunion ist verboten. Wie die verlorenen Gestalten in der Riesenkirche wirken, kann er sich beim Vermessen in Übersee schon ein bisschen vorstellen. Zwischen den versetzt im Zickzackmuster sitzenden Gläubigen muss jeweils eine komplette Sitzbank frei bleiben. Lindl: „Sonst schaut man, dass man Lücken füllt, jetzt müssen wir Lücken schaffen.“

An den Kirchentüren brauche man „Türsteher wie in der Disko“. Diesen undankbaren Job überlässt Lindl Hauptamtlichen wie Mesner, Sekretärin oder Seelsorger. Die Stadtkirche Traunstein hat sich für ein Anmeldeverfahren entschieden. Wer nicht vorher im Pfarrbüro angerufen hat und auf der Liste steht, und wer ohne Maske ist, bleibt draußen. In den Sakristeien liegen Masken zum Verkauf bereit. Vorerst lässt Lindl nur die drei größten Kirchen bespielen, die alle breite Mittelgänge und mehrere Eingänge haben – für die jeweils Ordner nötig sind. Neben Übersee sind das die Pfarrkirchen Haslach und Heilig Kreuz. Kammer, Surberg und die Salinenkapelle stehen vorerst nicht zur Debatte.

Als schwer durchsetzbar erachtet der Traunsteiner Dekan das Verbot, dass die Menschen nach der Messe vor der Kirche beisammen stehen. „Liturgie lebt halt auch von sinnenhaften Zeichen und Berührungen. Wenn diese alle verdunkelt werden – durch Distanz, Handschuhe, Mundschutz, kein normales Singen und normales Sprechen – hängen alle Symbole in der Luft“, bedauert der Traunsteiner Dekan Lindl.

Konrad Roider, Dekan im Dekanat Altenmarkt, hält die Regeln für „etwas kompliziert bis nicht praktikabel“, auch angesichts der oft kleinen Kirchen im Norden des Kreises Traunstein. „Normale Gottesdienste werden es nicht werden.“

Gläubige fanden neue Wege, den Glauben zu leben

Während der gottesdienstfreien Zeit fanden die Gläubigen neue Wege, ihren Glauben zu leben: So wurde am Karfreitag in Übersee ein Kreuz aufgestellt, die einzelnen Kirchenbesucher konnten Bitten oder Dankgebete am Kreuz lassen, und diese Zettel wurden dann dem Osterfeuer übergeben.

Da es auch keine Kommuniongruppen gab, erhalten die Kinder stattdessen von Diakon Heiko Jung jeden Sonntag eine E-Mail mit dem Evangelium in kindgerechter Sprache, Ausmalbildern und Anregungen für Aktivitäten daheim. Diese greifen die Kinder gerne auf und mailen ihm Fotos. „Ein Bub hat  mit seiner Mama Kuchen gebacken und ihn älteren Menschen gebracht.“

Kommentare