Die Vergessenen: Private Vermieter

Den Schlüssel zum Urlaubsglückkönnen Hotels und auch private Vermieter in Bayern ab dem 30. Mai wieder an Gäste überreichen. Besonders Klein- und Kleinstvermieter in der Region dürften aufatmen. Doch es gibt noch viele Unsicherheiten. dpa
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Den Schlüssel zum Urlaubsglückkönnen Hotels und auch private Vermieter in Bayern ab dem 30. Mai wieder an Gäste überreichen. Besonders Klein- und Kleinstvermieter in der Region dürften aufatmen. Doch es gibt noch viele Unsicherheiten. dpa

Trotz Öffnung am 30. Mai: Ruhpoldings Tourismuschef fordert Soforthilfe auch für kleine Anbieter. Denn wer privat Betten oder eine Ferienwohnung anbietet, fiel bislang durchs Raster. Dabei gelten Privatvermieter als Stütze des Tourismus. Eine Vermieterin schildert die große Unsicherheit bei der Frage, ob Geld vom Staat für sie rechtens ist.

Von Elisabeth Sennhenn

Ruhpolding – Auf diese Nachricht hat sehnlichst gewartet, wer in Bayern im Tourismus tätig ist: Hotels und Pensionen dürfen ab dem 30. Mai wieder Gäste beherbergen. „Allerdings ohne Sauna, ohne Wellness, ohne Schwimmbäder, mit strengen hygienischen Konzepten“, betonte Ministerpräsident Markus Söder zuletzt. Eine Gruppe, die sich besonders freuen dürfte, ist die der privaten Gastgeber – also solche mit bis zu acht Betten im Angebot. Sie gelten rechtlich gesehen in nicht als Gewerbetreibende und sind in der Corona-Krise daher bislang durchs Soforthilfe-Raster gefallen. Eigentlich.

Angst, sich durch Antrag strafbar zu machen

„Es herrscht in unseren Reihen immer noch eine große Unsicherheit, ob wir Soforthilfe beantragen dürfen oder nicht“, weiß Barbara Christofori vom Bojernhof aus Ruhpolding. Ein großes Thema unter den privaten Vermietern im Ort sei daher in den ersten Wochen der Schließung gewesen: „Sollen wir den Antrag ausfüllen oder lieber nicht?“

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Es gehe die Angst um, sich strafbar zu machen – denn rückzahlbar sind die Beträge nicht. So sei es vorgekommen, dass der Verband der privaten Gastgeber im Chiemgau zu einem Antrag riet, während der Steuerberater sein Veto eingelegt habe. So gut wie alle Ruhpoldinger privaten Gastgeber haben in den vergangenen Jahren tüchtig investiert, um attraktiv für de Gäste zu sein und im Wettbewerb mit größeren Anbietern bestehen zu können, schildert Sepp Hohlweger, Vorsitzender des Tourismus- und Wirtschaftsverbands Ruhpolding.

Dann bliebe nur der Verkauf von Grund

Barbara Christofori erzählt: „Wir haben aus unseren alten Gästezimmern zwei moderne Ferienwohnungen gemacht und dafür viel Geld in die Hand genommen.“ Der Kredit müsse noch abbezahlt werden. Das Reiseverbot hat der Familie zugesetzt: „Wir betreiben nebenher einen Bauernhof, aber wir können nicht von der Landwirtschaft leben. Auf die Einnahmen aus der Gästevermietung sind wir deutlich angewiesen.“ Komme es hart auf hart, bliebe nur der Verkauf von Grund: „Das würde sehr weh tun.“

So, wie der Familie vom 400 Jahre alten Bojernhof geht es den meisten Privatvermietern, weiß Hohlweger. In Ruhpolding entfielen auf sie etwa die Hälfte der angebotenen 4600 Betten. Hohlweger ist besorgt um ihre Existenz und hat jüngst einen offenen Brief an die Staatsregierung verfasst, der unserer Zeitung vorliegt.

Sein Appell an die Politik: Legale Soforthilfe auch für die nicht-gewerblichen Gästevermieter: „Diese Betriebe dürfen nicht leer ausgehen, sind sie doch gerade bei uns im Chiemgau immer noch eine tragende Säule im Tourismus.“

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Schleswig-Holstein als gutes Vorbild

Er zieht Schleswig-Holstein als gutes Vorbild heran, wo Privatvermieter zu den Bezugsberechtigten der staatlichen Corona-Hilfen zählen. Die dort angesetzten Kriterien gelten auch für hiesige Vermieter: Gästebetten und -wohnungen dürfen insgesamt nur sechs Wochen im Jahr vermietet werden, zusätzliche Dienstleistungen wie Endreinigung oder Frühstück müssen angeboten werden sowie fortlaufend und geschäftsmäßig Werbung betrieben werden. Dann ist von einem „gewerblichen Gepräge“ auszugehen. Eine Antwort von der Staatsregierung hat Hohlweger (Stand bis Redaktionsschluss) noch nicht bekommen, nur eine Eingangsbestätigung.

Rückgang der Privaten zieht Probleme nach sich

Während es keine verlässlichen statistischen Angaben über die Zahl der Klein- und Kleinstvermieter in Bayern gibt, weiß man, dass sie im Jahr 2019 in Oberbayern fast zehn Millionen Euro in ihre Angebote investiert haben, so der Bayerische Landtag auf eine Anfrage der Grünen im Herbst 2019. In diesem Zuge gab der Staat auch einen Förderbetrag von rund einer Million Euro aus dem Sonderprogramm „Tourismusland Bayern“. Der Landtag streicht in seiner Antwort heraus, was auch Hohlweger betont: „Insbesondere in den ländlichen Regionen haben Privat- und Kleinvermieter eine wichtige Funktion als nachhaltiges und sozial-integratives Tourismusangebot. Ein Rückgang des Sektors kann sich mittel- bis langfristig negativ auf die Kaufkraft der Region, das Arbeitsplatzangebot, die Authentizität der Destination und die Akzeptanz des Tourismus vor Ort auswirken.“

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Noch zu viele Unsicherheiten für ungetrübten Urlaub

Vermieterin Barbara Christofori stimmt dem zu: „Ich glaube, erst jetzt wird klar, welchen Rattenschwanz das Ausbleiben der Gäste nach sich zieht.“ Nicht nur Touristiker Hohlweger, auch die Familie vom Bojernhof ist trotz der Aussicht auf den 30. Mai in Wartestellung. Denn obwohl ihr so manche Stammgäste signalisieren, gern wieder kommen zu wollen, hätten andere Zweifel: „Ich höre oft, dass die Leute befürchten, in ihrem Urlaub vor verschlossenen Schwimmbädern, Museen und Parks zu stehen.“ Für ungehinderten Urlaubsspaß gebe es momentan noch einige Unsicherheiten.

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