Verein Leben mit Handicap vergibt Plätze in Priens erster WG für Behinderte

In der Wohnanlage von Leben mit Handicap leben 30 behinderte Menschen in Wohngruppen.
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In der Wohnanlage von Leben mit Handicap leben 30 behinderte Menschen in Wohngruppen.

Seit über zehn Jahren gehört die Wohnanlage von Leben mit Handicap für 30 Behinderte zu Prien. Jetzt geht der Verein einen Schritt weiter und schafft in Prien die erste barrierefreie Wohngemeinschaft nur für Behinderte. Die Chiemgau-Zeitung spricht mit Vorsitzendem Günther Bauer über das Projekt.

Von Dirk Breitfuß

Reichen die Kapazitäten in der Wohnanlage nicht mehr für den Bedarf in der Region?

Günther Bauer: Nein. Die Nachfrage ist sehr groß. Es gibt in Prien und im Landkreis bei weitem nicht genügend barrierefreien Wohnraum. Dieser muss aber sehr unterschiedlichen Anforderungen genügen. Jemand, der eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigt, hat andere Anforderungen, als jemand, dem nur zweimal die Woche ein Sozialpädagoge bei der Organisation seines Alltags helfen muss.

Vor zwei Jahren hat der Verein jungen behinderten Menschen den nächsten Schritt in die Selbstständigkeit ermöglicht und für sie eine gemeinsame Wohnung in der Nähe der Wohnanlage angemietet, in der die drei Bewohner ambulant betreut werden. Wie sind die bisherigen Erfahrungen dieses Experiments?

Bauer: Es ist im Konzept der Wohnanlage und des Betreuungsdienstes, dass wir den Bewohnern kein „all inclusive“ bieten wollen. Jeder einzelne soll genau die Hilfe bekommen, die er oder sie gerade braucht. Und diese Hilfestellungen werden so gestaltet, dass sie den Menschen eine Chance zum Lernen geben: irgendwann einmal braucht er oder sie die eine oder andere Hilfestellung nicht mehr.

Und so war und ist es für uns eine sehr schöne Erfahrung, zu erleben, dass zwei unserer Bewohner selbstständiger leben und mit weniger Betreuung auskommen konnten und sich mit einem dritten von außerhalb zusammentaten, um die neue Wohngemeinschaft zu gründen. Sie genießen es, selbstständiger zu leben und trotzdem entweder zu festen Zeiten oder auf Bestellung Hilfe zu bekommen.

Jetzt plant Leben mit Handicap eine barrierefreie Wohngemeinschaft für vier Personen in einem Neubau im Zentrum. Wer kommt als Mieter infrage?

Bauer: Es dürfen erwachsene Menschen mit vorwiegend körperlicher oder geistiger Behinderung einziehen. Art und Umfang der Behinderung spielen keine Rolle. Auch in dieser WG bekommt jeder passgenau die Unterstützung, die er individuell benötigt.

Grundvoraussetzung ist aber, dass jemand überhaupt gemeinschaftsfähig ist. Schließlich muss er sich mit seinen drei Mitbewohnern arrangieren können. Deshalb kommen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung eher nicht in Betracht.

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In einer WG muss auch die „Chemie“ untereinander stimmen. Wie wollen Sie das herausfinden?

Bauer: Ja, das gegenseitige Verstehen, die Toleranz den Mitbewohnern gegenüber, die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich in das Alltagsleben einer WG einzufinden, sind natürlich Voraussetzung, die jeder mitbringen muss. Und nicht jeder kommt mit jedem aus. Deshalb planen wir Gruppenaktivitäten als wichtige Bausteine eines Vorbereitungsseminars. So können wir herausfinden, wer mit wem kann.

Im Vorbereitungsseminar geht es aber nicht nur ums Kennenlernen, sondern zum Beispiel auch um Kosten. Was fällt außer der klassischen Miete in dieser besonderen WG noch an?

Bauer: Voraussichtlich wird die Miete der geringere Teil der Gesamtkosten jedes einzelnen Mieters sein, weil sie über den sozialen Wohnungsbau gefördert wird. Den größeren Teil der Kosten machen erfahrungsgemäß Assistenz, Pflege und hauswirtschaftliche Versorgung aus. Die Kosten überschreiten regelmäßig das Einkommen unserer Mieter und werden deshalb auf Antrag vom Bezirk Oberbayern übernommen.

Welche bürokratischen Hürden müssen Interessenten nehmen und wie kann Ihnen der Verein dabei helfen?

Bauer: Der erste Schritt ist einfach: ein kurzer, formloser Antrag an den Bezirk Oberbayern. Für dieses Schreiben bekommt jeder Interessent ein Muster von uns. Sehr viele Gedanken sollte man sich vor der darauffolgenden Feststellung des Hilfebedarfs machen. Dazu muss erst einmal ein längeres Formular ausgefüllt werden. Dafür bekommt der Interessent Unterstützung durch den Betreuungsdienst. Und dieser unterstützt ihn dann auch bei der Personenkonferenz.

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Werden auch die Angehörigen, also vor allem die Eltern, in die Überlegungen und Vorbereitungen einbezogen?

Bauer: Eltern und Geschwister sind entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Umzugs aus dem Elternhaus in eine WG oder in die Wohnanlage. Häufig waren sie über Jahre und Jahrzehnte die Pflegepersonen und rund um die Uhr für ihr Kind oder ihr Geschwister verantwortlich. Mit dem Umzug in eine WG entfällt diese Last. Die aber häufig nicht bloß Last ist, sondern zum Lebensinhalt wurde. Es ist ganz normal, dass Eltern zunächst ihren Kindern nicht zutrauen, allein zurecht zu kommen. Aber sie müssen lernen, ihr Kind loszulassen. Das ist ein langer und manchmal mühsamer Prozess, den wir im Seminar anstoßen wollen und der nach dem Umzug vom Assistenzdienst weiter begleitet wird.

Welche Hilfestellungen können Bewohner bekommen, um den Alltag zu bewältigen, also zu Kochen, zu putzen, zu waschen usw.?

Bauer: „Mit so wenig Hilfe wie nötig zu so viel Selbstständigkeit wie möglich“ gilt für alle Wohnmöglichkeiten die wir anbieten. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass jeder die Hilfe bekommt, die er individuell braucht. Wer sich nicht selbst waschen kann, für den erledigt das eine Pflegekraft. Wer zwar das Fleisch klopfen, aber das Schnitzel nicht braten kann, dem hilft ein Assistent beim Braten. Wer Wäsche sortieren kann, der sortiert sie selbst und wenn ihm dann die Waschmaschine ein Rätsel ist, unterstützt ihn eine Hauswirtschafterin.

Ist diese WG für Sie ein Einzelfall oder soll sie Nachahmer finden?

Bauer: Unsere Wohnanlage wird immer unser zentrales Haus sein. Aber der eine oder andere Bewohner wird irgendwann soweit gefördert sein, dass er woanders, weniger intensiv betreut leben möchte. Auch will nicht jeder, der bei seinen Eltern oder aus einer stationären Einrichtung ausziehen will, in ein Haus mit 29 anderen Menschen mit Behinderung umziehen. Deshalb werden wir nach Möglichkeit immer wieder neue WGs gründen.

Info-Nachmittag am Samstag. 20. Juni:

Über Priens erste Behinderten-WG und das geplante Vorbereitungsseminar informiert der Verein Leben mit Handicap am Samstag, 20. Juni, von 14 bis 16 Uhr. Zur Teilnahme am Info-Nachmittag ist eine Anmeldung erforderlich unter 0 80 51/96 444 94 oder info@handicap-rosenheim.de.

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