"Es ist unser Herzenswunsch"

Ulrike Duda plant, Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen vorübergehend aufzunehmen. Foto re
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Ulrike Duda plant, Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen vorübergehend aufzunehmen. Foto re

Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen erhalten eine Betreuung in Unterwössen: In Notfällen können sie künftig einige Zeit in Zimmern auf dem Campingplatz Litzelau wohnen. Die Vorbereitungen von Ulrike Duda, der Betreiberin des Campingplatzes, und ihres Lebensgefährten Christian Schmid laufen auf Hochtouren.

Sie beabsichtigen, in der Gaststätte und in der Kegelbahn Zimmer zu schaffen. Der Gemeinderat hat dem Vorhaben grünes Licht gegeben (wir berichteten). Im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung betont Duda, dass der Bedarf an Betreuungsplätzen stetig steige - und dass sie und ihr Lebensgefährte nun mithelfen wollen, ihn zu decken.

∗ Die Gemeinde hat Ihrem Projekt grünes Licht gegeben und beschlossen, die nötigen baurechtlichen Verfahren einzuleiten. Sind Sie jetzt wunschlos glücklich?

Wunschlos glücklich ist man in einem sozialen Projekt wahrscheinlich nie. Jedoch bin ich glücklich darüber, dass ich von Seiten der Gemeinde die nötige Unterstützung bekomme. Es ist unser Herzenswunsch, hier weiter auszubauen, um das Projekt zu verwirklichen. Ich bin glücklich, wenn wir die Baugenehmigung in der Hand halten und der erste Spatenstich getan ist!

∗ Wie kamen Sie auf die Idee, auf Ihrem Campingplatz Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen zu betreuen?

Vor gut zehn Jahren habe ich ein Kind einer befreundeten Familie in einer Notsituation bei mir aufgenommen. Von Seiten des Jugendamtes bekam ich dann Unterstützung. Das Amt ist dann auf mich zugekommen, ob wir uns nicht vorstellen könnten, im Rahmen der Familienhilfe weitere Kinder aufzunehmen. Aufgrund des ständig wachsenden Bedarfs, Kindern Schutz zu bieten, ist dies dann gewachsen.

∗ Welche baulichen Veränderungen auf Ihrem Campingplatz nehmen Sie vor?

Im hinteren Bereich der Gaststätte und in der Kegelbahn stehen gut 400 Quadratmeter nutzbare Wohnfläche leer, die sich für die Unterbringung der Kinder eignen. Wir werden die Kegelbahn in acht Kinderzimmer, ein Erzieherzimmer, Wohnküche, Aufenthaltsraum und Nebenräume umbauen. Den Campingplatz selbst wird der Umbau nicht betreffen. Lediglich ein neuer zentraler Spielplatz für Campinggäste wird entstehen.

∗ Welche weiteren Genehmigungen - abgesehen von der baurechtlichen Erlaubnis, Räume so einzurichten, wie Sie sie benötigen - brauchen Sie, ehe Sie ihr Projekt starten können?

Von Seiten der Regierung von Oberbayern bedarf es einer Betriebserlaubnis. Die Konzeption dafür liegt bereits vor und wurde auch schon bearbeitet. Einige finanzielle Hürden sind noch zu nehmen, und dann kann es aber losgehen.

∗ Wie steht das Jugendamt zu Ihrem Vorhaben?

Das Amt für Kinder, Jugend und Familie Traunstein steht voll hinter unserem Vorhaben. Wir haben den Bedarf dafür und auch die Konzeption im Vorfeld gemeinsam ausgearbeitet.

∗ Wenn alles für Sie nach Wunsch läuft, wann kommen dann die ersten Kinder zu Ihnen?

Unser persönlicher Wunsch wäre es, dass wir bereits an Weihnachten zusammen mit den Kindern den Christbaum aufstellen dürfen. Ob dies jedoch realisierbar ist, wissen wir noch nicht. Wir stehen jedoch in den Startlöchern.

∗ Wer vergibt künftig die Betreuungsplätze, die sie anbieten?

Das Jugendamt Traunstein hat die Möglichkeit, sich eine gewisse Anzahl an Betreuungsplätzen zu sichern. Die restlichen Plätze stehen dann allen anderen umliegenden Jugendämtern zur Verfügung.

∗ Wie viele Kinder können sie künftig gleichzeitig in ihre Obhut nehmen, wie lange bleiben sie dann bei Ihnen?

Wir werden neun Kinder gleichzeitig in Obhut nehmen können. Die Kinder bleiben erfahrungsgemäß zwischen einigen Tagen bis zu vier Monaten bei uns. Die Dauer richtet sich immer danach, wie es für das einzelne Kind weitergehen kann. Wir haben 365 Tage im Jahr geöffnet und nehmen 24 Stunden auf.

∗ Ihre jungen Gäste werden, wie Sie das Projekt ausrichten, aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Wie alt werden denn die Kinder sein, was werden sie schon alles erlebt haben, wenn sie bei Ihnen einziehen?

Die Kinder sind zwischen null und 14 Jahre alt. Gewalt, Missbrauch, Verwahrlosung und Vernachlässigung, Drogensucht oder psychische Erkrankungen der Eltern sind ein häufiger Grund. Auch traumatisierende Familienereignisse führen zu einer Inobhutnahme. Oftmals werden aber auch Ausreißer aufgenommen. In jedem Fall steht der Schutz des Kindes vor einer Kindeswohlgefährdung. Die Inobhutnahme ist eine schnelle und möglichst unbürokratische Maßnahme zugunsten des Kindes und dient als Klärungshilfe für Betroffene in Krisensituationen sowie dem unmittelbaren Kinderschutz. Sucht ein Kind oder Jugendlicher selbst um Schutz nach, so ist das Jugendamt verpflichtet, dieser Bitte nachzukommen.

∗ Sie sind gelernte Erzieherin und somit vom Fach. Wie betreuen Sie die Kinder?

Wir legen sehr viel Wert auf familienähnliche Strukturen und bieten große soziale Kompetenz und Lebenserfahrung. Die Kinder brauchen verlässliche und annehmende Atmosphäre im familiären Zusammenleben. Die sofortige Aufnahme, Schutz und Geborgenheit und die Versorgung aller Grundbedürfnisse sind für uns selbstverständlich. Wir arbeiten mit pädagogisch wertvollen und altersgerechten Spielsachen, Freizeit- und Sportangeboten, die unsere Region bietet, tiergestützter Pädagogik mit unseren hauseigenen Tieren (Hunde, Katzen, Pferde, Ponys, Eseln et cetera). Unterstützung bekommen wir durch sechs weitere pädagogische Fachkräfte und eine Haushaltshilfe.

∗ Sie haben schon immer wieder einmal Kinder in ihre Obhut genommen. Welche Erfahrungen haben sie gesammelt?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gesammelt. Die Kinder schöpfen Ruhe und Kraft. Unsere familiären Rahmenbedingungen mit klaren Strukturen geben den Kindern Vertrauen und Sicherheit. Wir haben bereits über 70 Kinder betreut und haben zu den meisten von ihnen noch einen positiven Kontakt. Eine Inobhutnahme dient der Klärung. Und oftmals entspannt sich die häusliche Situation dadurch, und es gibt mit verschiedenen zusätzlichen Hilfen die Möglichkeit, dass die Kinder schnell wieder zurück in die Herkunftsfamilie können. Nach der Abklärungsphase wird in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, der Schule/Kindergarten und anderen installierten Facheinrichtungen die geeignete Unterbringung gesucht. Wichtig ist uns das Versprechen an die Kinder, dass wir sie erst gehen lassen, wenn auch wir der Überzeugung sind, dass es für das jeweilige Kind das Beste ist.

∗ Wie vereinbaren Sie den Betrieb des Campingplatzes mit der Betreuung der Kinder?

Die Verwaltung des Campingplatzes ist ein Saisongeschäft. Während der Hauptsaisonzeiten bin ich hier meiner Tätigkeit wie jede andere berufstätige Mutter nachgegangen. Nur, dass ich eben zu Hause arbeiten konnte und mich gleichzeitig um die Kinder kümmern konnte. Zusätzlich hatte ich bei der Betreuung der Kinder immer Unterstützung durch meine Familie und zuverlässigen Arbeitskräfte am Campingplatz. In Zukunft übernimmt mein Lebensgefährte hier mehr Aufgaben, so dass der Betrieb des Campingplatzes ohne Einschränkung weiter läuft.

Interview: Gernot Pültz

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