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Nach der Flucht aus dem Kriegsgebiet

Ukrainische Geschichtslehrerin putzt jetzt in Prien: Wie sich Lina Zakharova dabei fühlt

„Die Arbeit gibt mir Stabilität“, sagt Lina Zakharova, die im Prienavera putzt und von den Prienern gut aufgenommen worden ist. Noch bis April hatte sie an einem Gymnasium in Saporischschja Geschichte unterrichtet.
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Lina Zakharova putzt jetzt im Prienavera. Noch bis April hatte sie an einem Gymnasium in Saporischschja Geschichte unterrichtet.
  • Sabine Deubler
    VonSabine Deubler
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Ihre Heimat Saporischschja gilt seit wenigen Tagen als Kriegsrecht-Region: In der schweren Situation als ukrainische Geflüchtete sucht eine Geschichtslehrerin Halt in Prien.

Prien – Auf die Frage „Frau Zakharova, wie geht es Ihnen?“, muss sich Lina Zakharova kurz sammeln. Der russische Präsident hat am Vortag über die vier von Russland in der Ukraine besetzten Gebiete das Kriegsrecht verhängt. Mittendrin befindet sich ihre Heimatstadt Saporischschja.

In Saporischschja gilt jetzt Kriegsrecht

Lina Zakharovas Sohn lebt dort mit seiner Frau. Die Tochter hat nach Russland geheiratet. Zakharovas Sorge um ihre Kinder hat sich durch die Kriegsrechtsverhängung noch einmal massiv vergrößert.

Vor allem der Sohn in Saporischschja lebt in permanenter Lebensgefahr. „Den ganzen Tag ist Luftalarm. Die Menschen können nicht nur in den Kellern sitzen. Sie gehen arbeiten und einkaufen und können dabei jederzeit erschossen werden“, schildert Zakharova mit zittriger Stimme.

Wie Propaganda Familien spaltet

Die Ukrainer würden unterdrückt und Familienbande zerrissen: „Viele ukrainische Familien haben Familienmitglieder in Russland und umgekehrt. Seit dem Krieg und Putins Propaganda haben viele auf der russischen Seite kein Verständnis mehr für das Leid ihrer Verwandten in der Ukraine“, ist die Ukrainerin erschüttert über die Spaltung von Familien.

Ihr Leben sei wunderbar gewesen, sagt sie: „Wir hatten gute Arbeit, sind gereist und haben uns alle gut verstanden.“ Am 24. Februar um 5.10 Uhr war damit Schluss.

Zu diesem Zeitpunkt fiel die erste Bombe auf den Flughafen von Saporischschja. Zahlreiche weitere sollten folgen. „Jetzt ist Krieg“, habe sie sofort verstanden. Doch sie wollte ihre Kinder, die nicht ausreisen durften, nicht verlassen.

„Mama, bitte pack deine Koffer“

Als neun Wochen später in ihrem Stadtviertel fast niemand mehr wohnte und das Spital evakuiert wurde, befolgte die Witwe die Bitte ihrer Kinder: „Mama, pack die Koffer. Du musst gehen.“

Sechs Monate sind seit ihrer Flucht vergangen. Über Berlin, Hannover und München landete Lina Zakharova am 28. April in Prien.

„Ich weiß nicht, warum wir nach Prien kamen. Wir waren sieben Leute, die in der Turnhalle ein Quartier bekamen und gar nicht wussten, wo wir eigentlich sind“, erinnert sich Zakharova.

Priener nahmen die Geflüchteten gut auf

In Prien selbst ging alles schnell. Das hat bis heute wesentlich zu ihrer Integration in Prien beigetragen. Wenn die geflüchtete Frau darüber erzählt, werden die Züge in ihrem müde wirkenden Gesicht weich.

„Die Priener haben mich ab dem ersten Tag so gut aufgenommen. Schon zwei Stunden nach meiner Ankunft holte mich Yvonne Hoda vom Priener Bürgerbüro zu einem Gespräch“, erzählt Zakharova.

Zwei Tage danach sei sie bereits zum ukrainischen Kochabend in das Jugendzentrum eingeladen worden – eine große Freude für sie wie auch die anderen Geflüchteten, die in der Turnhalle wohnten.

Kochabend vermittelt Heimatgefühl und Jobs

Bei gemeinsam gekochtem „Borscht“ fühlte die Lehrerin nicht nur ein Stück Heimat lebendig werden, sondern kam auch zu ihrem ersten Job in Prien.

Die Jugendzentrumsleiterin Claudia Sasse, die beim Gespräch der Chiemgau-Zeitung mit Lina Zakharova übersetzt, lobt, wie schnell etwas geht, wenn alle Seiten es wollen: „Prienavera-Geschäftsführer Dirk Schröder hat bei der Gemeinde freie Jobs gemeldet. Yvonne Hoda hat vermittelt, und beim Kochabend haben wir geschaut, wer welchen Job machen kann.“

„Die Arbeit gibt mir Stabilität“

Eine Geschichtslehrerin, die jetzt 40 Stunden in der Woche putzt, arbeitet weit unter ihrer Qualifikation. Dazu sagt Lina Zakharova: „Diese Arbeit ruft zwar meine Fähigkeiten nicht ab. Aber Arbeit ist Arbeit. Sie gibt mir Stabilität.“

Mit feuchten Augen erzählt Lina Zakharova, wie nett man ihr in der Marktgemeinde entgegenkomme: „Ich lerne viel Deutsch, aber oft geht nur Englisch. Im Schwimmbad grüßen mich die Schulkinder fröhlich auf Englisch“.

Wenn ihr die Sorgen schwer aufs Gemüt drücken und auch Spazierengehen und das Hören von klassischer Musik nicht helfen, kann sie sich inzwischen auf Freunde verlassen. Die bringen dann Schokolade zum Trost.

Helfer wissen: Wiederaufbau dauert Jahre

Ihre Freunde sind Ukrainer und, so wie Claudia Sasse, auch Bayern. Durch die Hilfe der Priener habe sie sich nie erniedrigt gefühlt, ist Lina Zakharova dankbar. Sie sagt: „Vielen Deutschen ist klar, dass der Wiederaufbau in der Ukraine Jahre dauern wird. Auch wenn Ukrainer einmal anecken, haben sie sich doch in den letzten sechs Monaten schon sehr um ihre Integration bemüht.“

Vielleicht wird Prien die zweite Heimat

Nicht nur Freundschaften und Jobbesetzungen passierten schon jetzt, so Zakharova: Manche Geflüchtete seien dabei, sich in Prien etwas aufzubauen. Für jene aus völlig zerstörten Gebieten werde Prien wohl eine Art zweite Heimat.

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