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„Willkommensklasse“ an der Franziska-Hager-Mittelschule geht als erste an den Start

„Kein Kriegsschauplatz auf dem Schulhof“ - So läuft das Lernen ukrainischer und russischer Kinder in Prien

Klassenlehrerin Setenay Götz (links) fordert die Schüler zum Nachsprechen auf. Rechts im Bild stehen die Lehrer Olga Borovskykh und Thomas Graf Grote, beide fungieren auch als Dolmetscher. Berger
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Klassenlehrerin Setenay Götz (links) fordert die Schüler zum Nachsprechen auf. Rechts im Bild stehen die Lehrer Olga Borovskykh und Thomas Graf Grote, beide fungieren auch als Dolmetscher. Berger
  • Tanja Weichold
    VonTanja Weichold
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Kaum den Kriegswirren entronnen und am Chiemsee angekommen, drücken die Kinder aus der Ukraine schon die Schulbank. So kommen sie mit der Sprache, der lateinischen Schrift und den Mitschülern zurecht. Für den Umgang zwischen russisch-stämmigen und ukrainischen Kindern gibt es klare Regeln.

Prien – Die Priener Schulen haben schnell reagiert. Kaum in der Chiemseegemeinde angekommen, gehen die ersten 40 ukrainischen Flüchtlingskinder schon zur Schule. An der Waldorf- und der Franziska-Hager-Schule lernen sie Deutsch und nehmen teilweise am regulären Unterricht teil – auch wenn sie momentan die Sprache noch kaum verstehen. Oberstes Ziel ist laut Lehrerin Setenay Götz, dass die Kinder sich schnellstmöglich unterhalten können und vor Ort zurechtkommen.

Platz geschaffen für die Neuankömmlinge

Von der Grund- über die Waldorf- und die Realschule bis hin zum Ludwig-Thoma-Gymnasium (LTG) stehen die Schulen bereit. „Wir füllen nacheinander auf“, beschreibt Marcus Hübl, Schulleiter der Franziska-Hager-Mittelschule, die Situation. Trotz schon vorher bestehender Engpässe in puncto Platz und Personal sei dies möglich.

„Spickzettel“: Die Zahlen in lateinischer und kyrillischer Schrift, in deutscher und russischer Sprache.

An seiner und der Waldorfschule sind die ersten Kinder aufgenommen worden. An der Mittelschule üben sich seit Montag 30 ukrainische Kinder von elf bis 16 Jahren eifrig in der deutschen Sprache in der so genannten Willkommensklasse, die auf zwei Gruppen aufgeteilt ist.

Vor einer Gruppe steht Setenay Götz an der Tafel, zählt laut und deutlich eine Zahl nach der anderen vor und lässt die Klasse im Chor nachsprechen. Neben ihr steht Thomas Graf Grote. Der Pfarrer und Religionslehrer lebte 25 Jahre in Sibirien und spricht fließend russisch. Er ist Lehrer an der Waldorfschule Prien und hilft den Kollegen an der Franziska-Hager-Mittelschule in den Willkommensklassen als Dolmetscher aus.

Lehrerin ist selbst aus der Ukraine geflohen

Die Lehrerin der zweiten Klassengruppe ist Olga Borovskykh aus der Ukraine. Sie kommt schon seit vielen Jahren in den Chiemgau, weil ihre behinderte 13-jährige Tochter an der Schön Klinik Vogtareuth behandelt wird. Wie bei früheren Besuchen wohnt sie in einer Ferienwohnung in Eggstätt. Der Unterschied: Dieses Mal wird die Ukrainerin mit ihren beiden Kindern so schnell wohl nicht nach Hause zurückkehren können.

Olga Borovskykh hat in Kiew Germanistik studiert und kann nun als Lehrerin in der Willkommensklasse in Prien wertvolle Dienste leisten. „Es ist besser, eine Beschäftigung zu haben“, sagt sie. Das gilt ebenso für die Kinder.

Die kommen in der Schule nicht nur auf andere Gedanken und haben wieder feste Strukturen, sondern treffen Kinder und unterstützen sich gegenseitig. In der Deutschklasse sind sie altersmäßig bunt zusammengewürfelt. „Die Kinder saugen alles auf“, beschreibt es Klassenleiterin Setenay Götz.

Die neuen Schüler sind „zauberhaft“

Sie hat im Studium einen Schwerpunkt auf „Deutsch als Zweitsprache“ (Daz) gelegt und ist im Landkreis Rosenheim Beraterin für Migration an den Mittelschulen. Sie lobt die ukrainischen Kinder als „zauberhaft“ und „gut erzogen“. Borovskykh und Hübl schließen sich diesen Worten an. Deren Eltern beschreiben sie als sehr fürsorglich. Obwohl sie ihre Muttersprache mit kyrillischen Buchstaben schreiben, beherrschten die ukrainischen Kinder aus der Schule in ihrem Heimatland auch die lateinische Schrift, sagt Olga Borovskykh. Nur Sonderzeichen wie ß oder die Umlaute ä, ö und ü lernten sie erst hier in Deutschland kennen.

„Wünsche kein Kriegsschauplatz am Schulhof“

Schulleiter Hübl erklärt, dass die Kinder erst einmal in Deutschland ankommen sollen. Sollte der Krieg in der Ukraine länger dauern, sei wohl auch mit einem längerfristigen Plan des Kultusministeriums zu rechnen. Große Hilfsbereitschaft sei in der ganzen Schulfamilie zu spüren. An ihrem ersten Schultag seien die ukrainischen Kinder von den Priener Schülern mit Willkommensplakaten begrüßt worden, es gab laut Hübl viele Spender für die Schulausstattung.

Die Stimmung an der Schule beschreibt er als positiv. Er macht aber auch deutlich: „Ich wünsche keinen Kriegsschauplatz hier auf dem Schulhof.“ Konflikten zwischen russischen und ukrainischen Kindern will er von vornherein mit einer Vollversammlung entgegenwirken, bei der alle ukrainischen Kinder vor allen Schülern begrüßt werden sollen. Hier in Deutschland ist neutraler Boden, und hier sollen alle Kinder zusammenhelfen, so wird seine Botschaft lauten, kündigt er an.

„Jeder gibt sein Bestes“, lobt Hübl das gesamte Kollegium. Olga Borovskykh ist noch eines wichtig zu betonen: „Ich empfinde große Dankbarkeit für die Unterstützung von allen Menschen hier.“

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