Als Überseer Bürgermeister viele schöne und enttäuschende Momente erlebt

Jetzt fühlt er sich wieder frei und hat mehr Zeit für seine Familie: Marc Nitschke war zwölf Jahre Bürgermeister der Gemeinde Übersee.
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Jetzt fühlt er sich wieder frei und hat mehr Zeit für seine Familie: Marc Nitschke war zwölf Jahre Bürgermeister der Gemeinde Übersee.

Übersee: Zwei Amtsperioden war Marc Nitschke (CSU) hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Übersee. Bei den Kommunalwahlen im März unterlag er in einer knappen Stichwahl dem nun amtierenden Bürgermeister Eberhard Bauerdick. Jetzt zog er im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung Bilanz.

ÜberseeIhre Abwahl war relativ knapp und kam für viele Überseer überraschend. Haben Sie das Ergebnis inzwischen „verdaut“, und wie geht es Ihnen jetzt?

Politisch gesehen war es natürlich schon bitter, dass es in der Stichwahl nicht mehr für eine dritte Amtszeit gereicht hat. Aber, alles hat seine Zeit – das gilt vor allem für politische Ämter. Persönlich geht es mir jetzt sehr gut. Ich habe wieder mehr Zeit für Familie, Freunde und unser gemeinsames Hobby, die Pferde. Das alles musste in den letzten Jahren leider oft hinten anstehen.

Hatten Sie sich den Job als Bürgermeister vor zwölf Jahren so vorgestellt?

Grundsätzlich schon, weil ich durch meine Ausbildung zum Rechtsanwalt schon vieles wusste und mich auch intensiv auf dieses Amt vorbereitet hatte. Aber die vielen Termine, Sitzungen und Versammlungen, vor allem auch abends waren dann doch eine Umstellung.

Was waren die größten Herausforderungen in Ihrer Amtszeit?

Am schwierigsten waren die Ereignisse, die man nicht planen und auf die man sich nur bedingt vorbereiten kann, wie die Hochwasserkatastrophe 2013 und die Sturmevakuierung beim Festival Chiemsee Summer 2017. Aber zusammen mit den vielen Verantwortungsträgern haben wir auch diese Situationen gut gemeistert.

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Worauf Sind Sie besonders stolz?

Auf etliche große Projekte, die in meiner Amtszeit umgesetzt werden konnten. Erfolgreich waren auch der Schuldenabbau der historisch hoch verschuldeten Gemeinde Übersee und die nachhaltige Unterstützung der Vereine und des Ehrenamtes. Mit alldem ist unsere Gemeinde für die Zukunft gut gewappnet.

Was hätten Sie gerne noch zu Ende gebracht?

Es gibt natürlich viele Projekte, die ich noch gerne umgesetzt hätte. Aber, es freut mich sehr, dass ich für das eine oder andere große Zukunftsprojekt noch die Grundlagen schaffen durfte.

Haben das Amt und die Verantwortung Sie verändert?

Ja, denn in den vergangenen zwölf Jahren gab es für mich so viele freudige und schöne Erlebnisse, aber auch einige enttäuschende und traurige Momente, die mich geprägt haben.

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Was waren für Sie die schönsten Erlebnisse?

Vor allem bleiben mir die Einweihung der Bahnunterführung, die 200-Jahrfeier unserer Gemeinde sowie die Einweihung des Feuerwehrhauses und des Musikheims in Erinnerung. Aber, es gibt auch viele kleine Erlebnisse, auf die ich mit Freude zurückschaue, zum Beispiel, wenn sich Bürger bedankt haben, denen ich helfen konnte.

Und welches sind die bittersten und enttäuschendsten Erlebnisse?

Dass es in diesem Amt Rückschläge gibt, gehört dazu. Besonders enttäuscht worden bin ich in dieser Zeit aber von Menschen, die mich hintergangen und gegen mich intrigiert haben. Da bin ich froh, dass ich jetzt damit nichts mehr zu tun habe.

Gibt es in Ihrer Rückschau etwas, was Sie lieber anders gemacht hätten?

Klar bin ich an der einen oder anderen Stelle auch mal daneben gelegen. Im Nachhinein weiß man es eben oft besser. Aber, zumindest habe ich mich immer bemüht, mein Bestes zu geben.

Sie haben während der zwölf Jahre viele Menschen kennengelernt. Welche beiden Personen waren für Sie die interessantesten?

Da gab es viele tolle und interessante Begegnungen. Besonders beeindruckend war für mich aber ein Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, als er vor etlichen Jahren seinen Urlaub in Übersee verbrachte. Ganz anders, aber unglaublich herzlich und gesellig war mein Freund und Bürgermeisterkollege Udo Scheliga aus Hessen. Er war jahrzehntelang Stammgast in Übersee. Wenige Wochen vor seinem Ruhestand verstarb er im letzten Jahr völlig überraschend. Das hat mich sehr bewegt.

Werden Sie sich in Übersee komplett aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, oder machen Sie in irgendeiner Form weiter?

Natürlich werde ich auch in Zukunft mit meiner Familie am öffentlichen Leben unserer Gemeinde teilnehmen. Gemeindepolitisch werde ich mich aber eher zurückhalten.

Werden Sie Ihr Amt als gewählter Kreisrat wahrnehmen?

Ja selbstverständlich. Ich freue mich, auch in den kommenden sechs Jahren für unseren Landkreis arbeiten zu dürfen und dabei die Interessen unserer Gemeinde und des Achentals vertreten zu können.

Sie sind 2018 zum vierten Mal zum Vorstand von „Allianz in den Alpen“ gewählt worden, einem Netzwerk von 300 Gemeinden und Regionen aus sieben Staaten des Alpenraumes. Können und wollen Sie für diese Organisation auch als Nicht-Bürgermeister weiterarbeiten?

Gemäß unserer Satzung müssen alle Vorstandsmitglieder Gemeindevertreter sein. Bis zur Neuwahl, die coronabedingt erst im nächsten Jahr in der Schweiz stattfinden wird, bleibe ich jedoch im Amt.

Wie fühlt es sich an, nach zwölf Jahren nicht mehr ins Rathaus gehen zu müssen beziehungsweise zu dürfen?

Das ist gar nicht so schlimm, wie ich es mir anfangs vorgestellt habe. Ich fühle mich jetzt wieder frei und unabhängig und verbringe sehr viel Zeit mit meinem kleinen Sohn, der den Papa in der letzten Zeit leider viel zu selten gesehen hat.

Wird man Sie in Zukunft gelegentlich als Zuhörer im Gemeinderat antreffen?

Ich bin schon als Bub gerne zu den Sitzungen gegangen, weil es mich einfach interessiert hat. Mit dem Ende meiner Amtszeit endet ja nicht automatisch das Interesse an meiner Gemeinde. So werde ich sicherlich die eine oder andere Sitzung besuchen, wie kürzlich die konstituiernde Sitzung.

Sie haben vor Ihrer Bürgermeisterzeit als Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Traunstein gearbeitet. Werden Sie diese Tätigkeit wieder aufnehmen, oder haben Sie ganz andere Pläne?

Auf alle Fälle werde ich wieder im juristischen Bereich tätig werden. Derzeit habe ich einige Optionen, die ich mir in Ruhe anschauen werde, um dann die beste Entscheidung für mich und meine Familie zu treffen. Interview: Bärbel vom Dorp

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