Hochwasser

Reitbach überschwemmt Teile von Prien: Neues Rückhaltebecken hält Wassermassen nicht stand

  • Dirk Breitfuß
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„Das Sorgenkind „Reitbach“ scheint die Feuerwehr los zu sein“, mutmaßte die Chiemgau-Zeitung im September 2016. Sie hat sich ebenso getäuscht wie die Experten. Das riesige Rückhaltebecken im Wald zwischen dem Gewerbegebiet „Am Reitbach“ und dem Ortsteil Hoherting war in der Nacht auf Dienstag nicht riesig genug und lief über.

Prien – Das Wasser aus dem Reitbach setzte zum ersten Mal seit sieben Jahren das BMW-Autohaus Unterberger an der Bernauer Straße unter Wasser.

45.000 Kubikmeter reichen nach 2 Tagen Dauerregen nicht aus

Der künstliche Regenwasserspeicher im abschüssigen Gelände mitten im Wald fasst 45.000 Kubikmeter, der Damm ist 8,5 Meter hoch. Nach der Einweihung hatte das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim bis Anfang 2017 auf einer Länge von 300 Metern unterhalb des Beckens den Reitbach renaturiert. Bis dahin war das Wasser wie auf einer Autobahn in einer trichterförmigen Betonwanne nach unten Richtung Gewerbegebiet geschossen.

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Das Regenrückhaltebecken am im Oberlauf des Reitbachs war mit 45000 Kubikmetern Fassungsvermögen und 8,5 Metern Dammhöhe nicht groß genug für die Wassermassen.


Tobias Kollmannsberger, Tiefbauchef der Marktgemeinde und als solcher verantwortlich für die Kanalisation, war die ganze Nacht auf Dienstag unterwegs und kontrollierte die Lage an neuralgischen Punkten. Um 3.30 Uhr griff er zum Telefon und rief Feuerwehrkommandant Samuel Witt an. Da stand das Wasser am Damm im Hohertinger Wald bei etwa 6,5 Meter, erzählt Kollmannsberger im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Nur eine halbe Stunde später lief das Becken über.

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Stettner Bach in Atzing flutet die Gärten

Da hatte der Stettner Bach in Atzing schon die Straße und Gärten geflutet. Die Wiesen oberhalb des Dorfes, die eigentlich als Zwischenspeicher dienen sollen, konnten die Wassermassen auch nicht fassen. Schon in den frühen Morgenstunden schichteten die Feuerwehrmänner und -frauen in Atzing die ersten Sandsack-Barrieren auf.

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40 Aktive aus Prien und Helfer von acht anderen Feuerwehren waren in Prien im Einsatz. Bis zum Vormittag füllten die Aktiven im Feuerwehrhaus 25.000 Säcke, denn bis dahin stieg die Prien weiter und es war nicht klar, ob der Ort Prien ungeschoren davonkommen würde. Erst am Mittag, als die Wellen immer noch gegen den Betonunterbau der Prienbrücke an der Ortseinfahrt schwappten, entspannte sich die Lage langsam, weil der Regen aufgehört hatte.

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Feuerwehr warnt jahrelang vor Gefahr am Reitbach im Prien

Während das Regenrückhaltebecken in Trautersdorf sich diesmal bewährte, lief der Speicher am Reitbach zum ersten Mal über – was eigentlich niemand für möglich gehalten hatte. In Trautersdorf fasst das Becken 5000 Kubikmeter. Das Wasser von dort konnte am Dienstag kontrolliert abfließen. Die Gemeinde hatte vor Jahren erst ein Rohrsystem unter den Wiesen und der Bernauer Straße in den Mühlbach verlegt. Die Schläuche, die dort auf der Straße lagen und den Verkehr behinderten, dienten nur dazu, das Wasser aus den Wiesen abzupumpen.

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Der Reitbach trat nach Jahren zum ersten Mal wieder über der Ufer. Im Autohaus war Land unter und die Bernmauer Straße war zeitweise wegen Überflutung gesperrt.

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Das Regenrückhaltebecken am Reitbach hatte sich der Markt Prien über eine Million Euro kosten lassen. Einen Teil der Investition übernahm der Freistaat. Der damalige Feuerwehrkommandant Stefan Pfliegl und seine Mannschaft hatten jahrelang an die Kommunalpolitik appelliert, weil der meist harmlose Reitbach mindestens einmal jedes Jahr im Unterlauf über die Ufer getreten war.

Sechs Meter höher als beim ersten Belastungstest

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Nach zähen Grundstückverhandlungen konnte der Markt Prien das Rückhaltebecken im Wald zwischen Hoherting und dem Gewerbegebiet am Reitbach bauen. Die Planer berechneten das Fassungsvermögen nach dem sogenannten 100-jährlichen Hochwasser – also einem Ereignis, das statistisch in dieser Heftigkeit nur alle 100 Jahre vorkommt. Das reichte in der Nacht auf Dienstag nicht.

Der Stettner Bach in Atzing war das erste Problem, mit dem sich die Feuerwehren in der Nacht auf Dienstag beschäftigen mussten. Alles Sandsäcke konnten nicht verhindern, dass der Bach über die Ufer trat.

Den ersten Belastungstest hatte das Regenrückhaltebecken nur zwei Monate nach seiner Einweihung bestanden. Am Samstag, 17. September 2016, fielen in Prien 56 Liter Regen pro Quadratmeter. Früher wäre der Reitbach mit seinem trichterförmigen Einzugsbereich westlich oberhalb von Prien wohl schnell angeschwollen bei solchen Regenmengen. Am 17. September 2016 schwoll nur der künstliche See hinter dem 8,5 Meter hohen Damm mitten im Wald an. Das Wasser stand etwa zwei Meter hoch. Diesmal waren es über 8,5 Meter.

Rubriklistenbild: © Anita Berger,Foto Berger-Prien a

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