Warum der Heimat- und Geschichtsverein Achental wächst, aber wenig junge Mitglieder hat

Die Vergangenheit im Hier und Jetzt: Hans-Jürgen Grabmüller, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins kontrolliert die Inhalte auf der Internetseite.
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Die Vergangenheit im Hier und Jetzt: Hans-Jürgen Grabmüller, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins kontrolliert die Inhalte auf der Internetseite.
  • vonMartin Tofern
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Der Heimat- und Geschichtsverein in Unterwössen startet mit einer neuen Homepage durch. Die Zahl der Mitglieder hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Trotzdem gibt es Nachwuchssorgen.

Unterwössen – Wer sich für die Geschichte des Chiemgaus interessiert, für den ist der Heimat- und Geschichtsverein Achental (HGV) die richtige Adresse. Er hat zum Ziel, die Historie der Region zu erforschen und die Ergebnisse zu veranschaulichen und den Bürgern der Region zugänglich zu machen. Um nicht als ewig gestrig zu erscheinen hat der Verein seinen Internetauftritt modernisiert.

Auf der Website finden sich viele Hinweise auf die Spuren unserer Geschichte und Kultur. Vereinsvorsitzender Hans-Jürgen Grabmüller und seine Mitstreiter sind seit Wochen damit beschäftigt, Inhalte, Linklisten und das Bibliotheksverzeichnis auf die Seite zu stellen. Nur der Menüpunkt Veranstaltungen ist derzeit wegen der Coronakrise noch leer.

Zahl der Mitglieder in zehn Jahren verdoppelt

Dabei sind es gerade seine Veranstaltungen, mit der Verein glänzen kann. Er organisiert zum Beispiel Vorträge zur Geschichte Bayerns von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit. Außerdem Ausstellungen und Exkursionen. Denn so beschaulich die Region ist, so geschichtsträchtig ist sie, wenn man nur genau hinschaut. „Die Gemeinde Grassau zum Beispiel ist seit 1000 Jahren bedeutend, ihre Kirche war lange die Hauptkirche im Achental“, sagt Hans-Jürgen Grabmüller, der Vorsitzende des Vereins.

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Ein Konzept, das dem Verein hilft

Der Historiker Grabmüller aus Grassau ist seit zehn Jahren Chef und Antreiber. Er hat in der Zeit das Kunststück fertiggebracht, die Zahl der Mitglieder von 100 auf 200 zu verdoppeln. „Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung“, erklärt Grabmüller. Ihm mache es Spaß, historische Themen mit Leuten auf Augenhöhe zu diskutieren. Für ihn bestehe Geschichte nicht nur aus trockenen Daten und Fakten. „Alles, was existiert, ist für mich Geschichte, dazu gehören auch Musik, Kunst, Kultur, Politik, Landwirtschaft oder Handwerk.“

Ein Ansatz, der offenbar ankommt. Grabmüller schafft es damit nicht nur, gute Referenten für Vorträge zu gewinnen, sondern häufig auch für ein volles Haus zu sorgen. „Wenn etwa Gustl Lex einen Vortrag hält, ist es regelmäßig brechend voll“, erzählt er begeistert. Der Grabenstätter Lex ist Buchautor und engagiert sich in Heimatforschung und Pflege der bayerischen Mundart.

Ausstellungen, Museumsbesuche und Konzerte

Höhepunkte eines Jahres sind etwa ein Besuch der Bayerischen Landesausstellung in Regensburg oder des Museums Trostberg. Sogar ein bis zwei Konzerte auf dem Streichen gibt es und kürzlich eine Ausstellung der Künstlerin Monika Stein in den Räumen des Tourismusbüros Grassau.

Die Anfänge des Heimat- und Geschichtsvereins Ende der 1990er-Jahre waren eher zäh. Die damaligen Bürgermeister der neun Achentalgemeinden (Grassau, Übersee, Grabenstätt, Bergen, Staudach-Egerndach, Marquartstein, Unterwössen, Schleching und Reit im Winkl) haben den Zusammenschluss 1998 gegründet, weil sie die Projekte auf dem Gebiet der Heimatforschung bündeln wollten. Mit Kooperationen hatten die Achentalgemeinden ja schon Erfahrung, schließlich hatten sie sich bereits beim Ökomodell zusammengetan.

Was sich seit den Anfängen verändert hat

„Damals haben die Bürgermeister den Vorstand gestellt, aber sie waren halt keine Historiker“, sagt Grabmüller, der selbst Geschichte studiert hat. Angefangen hat der Geschichtsbund damals mit zwei Vorträgen pro Jahr. Heute bietet er normalerweise ein umfangreiches Jahresprogramm mit dutzenden Veranstaltungen. Seit Herbst 2019 hat er ein neues Büro und einen Ausstellungsraum im Alten Bad in Unterwössen, dem neu gestalteten Bürgerhaus. Dort gibt es eine Ausstellung über die Bedeutung der Almen und eine kleine archäologische Schau mit 300 Fundstücken aus der Region.

Neues Prestigeobjekt des Geschichtsbundes ist die Almendatenbank. Sie wird vom bayerischen Staat gefördert und bietet detaillierte Informationen zu nahezu jeder Alm im Achental. Es gibt meist einen Lageplan und Angaben darüber, ob sie noch betrieben wird, wem sie gehört, zur Geschichte und zur Natur, die sie umgibt.

„Junge Menschen blicken lieber nach vorn“

Bei allen Erfolgen hat der HGV ein großes Problem: Er hat hauptsächlich ältere Mitglieder. Ihr Durchschnittsalter beträgt mehr als 70 Jahre, viele Mitglieder sind bereits über 80 Jahre alt. Da ist es schon ein Erfolg, dass  in den vergangenen Jahren 20 bis 30 „jüngere Leute“ angeworben werden konnten. Jünger heißt für den Verein, nicht älter als 50. „Ganz junge Menschen interessieren sich selten für Geschichte, sie blicken lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit“, sagt Grabmüller. Während Ältere, die schon einen großen Teil ihres Lebens gelebt haben, eher zurückblickten, sagt der Historiker, der selbst 72 Jahre alt ist.

Dennoch geht der Verein von Zeit zu Zeit an Schulen, um die Jugendlichen für seine Arbeit zu interessieren - zum Beispiel mit historischen Fundstücken aus der Region. „Die kann man anfassen – und schon wird Geschichte anschaulich“, sagt Grabmüller. Um die Zukunft des Vereins ist ihm trotz der Nachwuchssorgen nicht bange. „Eigentlich findet man immer Leute, die sich für irgendetwas interessieren.“

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