Bei Renovierung aufgetaucht

1964 versteckte die Hebamme von Übersee eine Notiz in einer Flaschenpost im Boden

Das Schriftstück aus der Bierflasche von 1964 ist eine Art Tagebuchauszug und berichtet vom Umbau am Haus und dem Wetter.
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Das Schriftstück aus der Bierflasche von 1964 ist eine Art Tagebuchauszug und berichtet vom Umbau am Haus und dem Wetter.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Im Albererweg in Übersee steht ein altes Anwesen, in dem viele Menschen ihre Spuren hinterlassen haben. So auch Maria Mayer, die ehemalige Dorfhebamme. Sie hat 1964 eine Tagebuchaufzeichnung in einer Bierflasche im Dielenboden versteckt.

Übersee – Im Alberweg in Übersee steht ein alter Hof, der eine ganz besondere Geschichte vorzuweisen hat. In Urkunden wird er bereits im zwölften Jahrhundert erwähnt. 1320 übergaben ihn die Herzöge Heinrich und Otto als Schenkung an das Kloster Raitenhaslach – für das Seelenheil ihrer Mutter. „Es wird so gewesen sein, wie es auch heute noch ein kirchlicher Brauch ist: Im Gegenzug für den Hof wurde ein- oder mehrmals jährlich für das Seelenheil der Herzogsmutter gebetet“, mutmaßt die Überseer Ortsheimatpflegerin Annemarie Kneissl-Metz.

„Maria war viele Jahre unsere Dorfhebamme“, weiß Kneissl-Metz zu berichten. Davor war es 40 Jahre lang, von 1910 bis 1950, ihre Mutter, die ebenso Maria hieß, geborene Kling. Im Dorf und darüber hinaus aber kannte man sie nur als „die Alberin“: „Damals hieß man für die Leute so, wie der Hof, von dem man kam“, erklärt die Ortsheimatpflegerin. „Wollte man von einem Kind wissen, wo es herkommt, fragte man: `wem gehörst du?´ Der Hof adoptierte gewissermaßen seine Bewohner.“

Die Flaschenpost-Schreiberin führte im Austragshäusl des Hofs lange eine kleine Wöchnerinnen-Station, weiß die Ortsheimatpflegerin zu berichten: „Sie hielt ein paar Betten für Frauen bereit, die bei sich zu Hause keine Ruhe oder schlechte Bedingungen hatten.“

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„1964 war ein gutes Jahr“

Jedoch hat sie keine Hebammen-Geheimnisse in der alten Bierflasche hinterlassen: Vielmehr eine Art Tagebuch-Auszug, datiert vom 30. September 1964. Sie beschreibt die Arbeiten am Fußboden, die ihr Mann Alfred mit einem Bekannten namens Andre König ausgeführt haben.

Sie selbst habe „Handlangerarbeiten“ verrichtet. „1964 war ein gutes Jahr“, schreibt sie weiter, und dass hinterm Haus die Trauben schon reif seien. „Es gab viel Heu und Gras, ein sehr warmer Sommer.“ Sie beschreibt auch, dass der Hof 1962 eine neue Anschrift mit Straßennamen und Hausnummer erhalten hat: Albererweg 28, vorher Nummer 104, ohne weitere Straßenbezeichnung.

Der Hausname „Großalberer“ sei geblieben. Kneissl-Metz weiß, dass der Hof in den Urkunden auch „Albrach“ genannt wird. Wer dort wohnte, hatte sogar das herzogliche Recht, Fische aus den Fliesgewässern aufzukaufen. Das heutige Gebäude, das gerade saniert wird, stammt aus dem Jahr 1767.

In dieser braunen Bierflasche fanden die Hausbesitzer das Papier von Hebamme Maria Mayer.

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Der Brief in der Flasche könnte zur Tradition werden

Der Firstbaum trägt noch die Initialen seiner damaligen Besitzer Lorenz und Eva Fürstner sowie Mathias Höhensteiger, er war Zimmerermeister. 1903 ging der Hof in Besitz der Familie Mayer über, bis ihn vor Kurzem die Schellings kauften.

Sie haben der Ortsheimatpflegerin von der Idee erzählt, selbst auch eine Flaschenpost im Haus hinterlassen zu wollen. „Schreibt doch auf, was in diesen Pandemie-Zeiten so alles passiert in unserer Gegend, habe ich ihnen geraten“, sagt Kneissl-Metz, „wer weiß, vielleicht findet in einigen Jahrzehnten ein neuer Besitzer auch diese Flaschenpost.“ Sie habe keinen Zweifel daran, dass der denkmalgeschützte Hof bei guter Pflege noch mal so lange stehen könnte wie bisher.

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