Traunsteins Oberbürgermeister hat jeden Tag einen wichtigen Termin, bevor er ins Rathaus geht

Nach einem Corona bedingt schwierigen Start am 1. Mai zieht Dr. Christian Hümmer Bilanz nach den ersten 100 Tagen als neuer Oberbürgermeister von Traunstein. Effner
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Nach einem Corona bedingt schwierigen Start am 1. Mai zieht Dr. Christian Hümmer Bilanz nach den ersten 100 Tagen als neuer Oberbürgermeister von Traunstein. Effner

Traunstein – Der Amtsantritt des neuen Traunsteiner Oberbürgermeisters Dr. Christian Hümmer am 1. Mai fiel mitten in die Hochphase der Corona-Pandemie. Jetzt ist der 38-Jährige 100 Tage im Amt. Dr. Christian Hümmer zieht ein erstes Fazit.

Seit 100 Tagen ist Dr. Christian Hümmer im Amt des Traunsteiner Oberbürgermeisters. Die Übernahme der Verantwortung für 400 statt wie bisher fünf Mitarbeiter stellte den Verwaltungsjuristen und Familienvater im Zeichen von Hygieneschutz und wirtschaftlichen wie soziale Turbulenzen vor große Herausforderungen.

Was hat Sie am neuen Amt als Oberbürgermeister am meisten überrascht oder war neu für Sie?

Dr. Christian Hümmer: Meine bisherigen Erfahrungen als neuer Oberbürgermeister decken sich im Wesentlichen mit den Vorstellungen und Erwartungen davor. Es war klar, dass ich stark eingespannt sein werde und der Bekanntheitsgrad steigt. Ebenso waren die meisten Themen von der Stadtratsarbeit her bekannt. Womit ich nicht rechnen konnte, waren die vielen Unwägbarkeiten und Überraschungen im Zusammenhang mit Corona.

Wie haben die coronabedingten Hygiene- und Sicherheitsregeln die Arbeit im Rathaus beeinflusst, verändert oder eingeschränkt?

Hümmer: Im Rathaus selbst sind wir seit Mitte Mai wieder voll arbeitsfähig. Davor glich die Situation eher einem Notbetrieb mit Homeoffice für viele Mitarbeiter. Für die Bürger gibt es leider noch einige Einschränkungen. Das betrifft auch die Bereiche mit starkem Publikumsverkehr wie das Schwimmbad, die Bücherei, die Musikschule oder den Ausstellungsbetrieb, wo wir situationsbedingt die staatlichen Vorgaben ständig wieder neu anpassen mussten. Das ist anstrengend für alle Mitarbeiter. Auch die Arbeit des Stadtrats und der Ausschüsse wirkt zum Teil noch etwas provisorisch, weil wir auf größere Räume ausweichen müssen.

Welche persönlichen Umstellungen hat die neue Situation als Chef von 400 Mitarbeitern mit sich gebracht?

Hümmer: Es ist natürlich viel Absprache und Kommunikation notwendig. Insgesamt empfinde ich den Unterschied zur Kanzlei aber also nicht so groß, weil wir im Rathaus viele Entscheidungen auf der Fachbereichsleiterebene treffen und dieser Kreis überschaubar ist. Es wird demnächst einen Büroleiter geben und die Stabsstelle Klimaschutz ist neu eingerichtet, um diesen Bereich zu stärken. Ich bin froh, dass wir viele fleißige Mitarbeiter haben, die das umsetzen, was wir uns in der Führungsebene ausdenken. Für mich persönlich kommt die andere, deutlich stärkere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit dazu und das deutlich höhere Arbeitspensum mit Zwölf-Stunden-Tagen unter der Woche.

Das Traunsteiner Schwimmbad ist ein Ort, an dem die Bürger Dr. Christian Hümmer öfter treffen können.

Wie hat sich Ihre Familie drauf eingestellt?

Hümmer: Ich war auch als Anwalt schon stark eingespannt. Meine Familie trägt es gut mit. Wichtig ist mir das gemeinsame Frühstück vor Arbeitsbeginn. Je nach Einsatz meiner Frau bringe ich auch die Kinder in den Kindergarten beziehungsweise die Schule. Dazu kommt gemeinsame Zeit auf dem Fußballplatz oder im Schwimmbad.

Wie gestaltet sich die Arbeit mit dem neuen Stadtrat?

Hümmer: Äußerst positiv, und zwar über alle Fraktionsgrenzen hinweg. Natürlich gibt es unterschiedliche Zugänge zur Politik und Ziele der sechs Fraktionen.Aber menschlich haben wir ein sehr gutes Verhältnis und in den Themen eine gute Diskussionskultur. Wir kommen in vielen Themen zu einem breiten Konsens trotz unterschiedlicher Meinungen und Argumente. Beispiele dafür sind für mich die Gutscheinaktion für die Gastronomie, der Beschluss für eine neue Solaranlage auf dem Rathausdach oder der Nachtragshaushalt, den der Stadtrat nach kontroverser Debatte einstimmig verabschiedet hat.

Sie haben den Abschluss des Kulturforums Klosterkirche zur Chefsache erklärt. Welche Projekte haben noch Priorität?

Hümmer: Wir bereiten uns gerade intensiv auf eine Klausurtagung des Stadtrats im Herbst vor. Ganz oben auf der Agenda stehen aktuell die Themen Verkehr, Wohnen und die Digitalisierung. Konkret geht es etwa um die gemeinschaftliche Weiterentwicklung der Marienstraße, die Gründung der Wohnungsbaugesellschaft, das Baugebiet Seiboldsdorf oder den geplanten Bildungscampus.

Wo sehen Sie erste Erfolge Ihrer Arbeit in den vergangenen 100 Tagen?

Hümmer: Die Gutscheinaktion für die Traunsteiner Gastronomie ist auf eine gute Resonanz gestoßen. Es wurde schon viel eingelöst. Weiter ist die Umstrukturierung im Rathaus mit neuer Aufgabenverteilung, etwa zum Klimaschutzmanagement, zügig gelungen. Auch die Coronakrise haben wir bisher verhältnismäßig gut bewältigt. Sinnbildlich dafür ist die frühe Entscheidung, das Schwimmbad für die Öffnung vorzubereiten, als die bayernweiten Regelungen noch gar nicht feststanden. Der anfänglichen Skepsis folgte viel positive Resonanz.

Die coronabedingten Einnahmeausfälle bei Gewerbe- und Einkommenssteuer treffen auch Traunstein hart. Wie sieht die aktuelle Situation aus?

Hümmer: Vergröbert kann man sagen, die corona bedingten Einnahmeausfälle in Traunstein betragen heuer bisher 4,3 Millionen Euro. Wir rechnen mit einem Ersatz von Bund und Freistaat speziell auch für die Gewerbesteuerverluste. Über die Höhe wird aktuell verhandelt. Spannend wird die wirtschaftliche Entwicklung im kommenden Jahr. Das Minus bei der Gewerbesteuer betrug heuer im ersten Halbjahr 20 Prozent, im zweiten Quartal bayernweit über 40 Prozent. Um das kompensieren zu können, rechnen wir bis Jahresende mit einem Anstieg auf fast 30 Millionen Euro Schulden in Traunstein. Vor Corona betrug der Schuldenstand 28 Millionen Euro, vor sechs Jahren lag er bei 13 Millionen Euro. Aus dem laufenden Geschäft erwirtschaften wir gerade noch soviel, um tilgen zu können. Das heißt, wir müssen dringend auch unsere Einnahmenbasis verbessern.

Wie beurteilen Sie Traunsteins Zukunft als Einkaufsstadt und Zentrum der Gastronomie?

Hümmer: Bei der Gastronomie sehe ich mittelfristig positiv in die Zukunft. Wir haben viele kreative Betriebe, was sich in der Krise gezeigt hat, und sind auch für Tagesausflügler ein attraktives Ziel. Für die Einkaufsstadt wird es schwieriger, weil uns Megatrends wie der Online-Handel bedrängen. Ich sehe die Zukunft deshalb mehr in der Erlebnisstadt als der Einkaufsstadt. Aufenthaltsqualität und Verkehrsregelung, Gastronomieangebote, touristische Attraktionen und Kommunikationsorte werden als Gesamtpaket wichtiger als das reine Warenangebot. Neben den Handelsflächen wird es auch bei den Büroflächen zu einer Umstrukturierung kommen, wie aktuelle Entwicklungen zeigen. Das gilt es positiv zu nutzen.

Spielen die Beschimpfung oder gar Angriffe auf Kommunalpolitiker wie andernorts in Traunstein eine Rolle?

Hümmer: Meines Wissens aktuell nicht. Interview: Axel Effner

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