Scientists for Future

Traunsteiner Wissenschaftler diskutieren über ethische Konsequenzen des Klimawandels

Fragen der Generationen-Gerechtigkeit und globaler Ungleichheit durch die Klimaveränderung diskutierte der Umweltethiker Ewald Kleyboldt aus Traunstein bei einer Online-Veranstaltung der Regionalgruppe Traunstein der „Scientists for Future“.
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Fragen der Generationen-Gerechtigkeit und globaler Ungleichheit durch die Klimaveränderung diskutierte der Umweltethiker Ewald Kleyboldt aus Traunstein bei einer Online-Veranstaltung der Regionalgruppe Traunstein der „Scientists for Future“.
  • vonAxel Effner
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„Wir müssen selbst aktiv werden“: Die Regionalgruppe Traunstein der „Scientists for Future“ diskutierte bei einem Online-Treffen über ethische Konsequenzen des Klimawandels. Referent und Experte war der Volkswirt, Wirtschaftspädagoge und Umweltethiker Ewald Kleyboldt (71) aus Traunstein.

Traunstein – Mit Argumenten aus der Wissenschaft will die neunköpfige Regionalgruppe Traunstein der „Scientists for Future“ die Diskussion um den Klimawandel, einen nachhaltigen Lebensstil und Konsequenzen für die Region bereichern. Nach den Themen „Planetare Grenzen“ sowie „Kipppunkte im Klimasystem“ stand der in diesem Jahr letzte Vortrag mit Diskussion unter dem Motto „Klimawandel und Klimaethik“.

Corona bedingt fand die Veranstaltung mit mehr als 35 Interessierten als Online-Treffen statt. Als Referenten stellte die Moderatorin Dr. Heide Schuster den Volkswirt, Wirtschaftspädagogen und Umweltethiker Ewald Kleyboldt (71) aus Traunstein vor.

Klimaschutz ist zukunftsentscheidend

Kleyboldt machte deutlich, dass Fragen nach der Gerechtigkeit von Umweltverschmutzung und Klimaschutz sowohl im globalen Maßstab wie mit Blick auf künftige Generationen zukunftsentscheidend seien. Zu den „größten ethischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ dürfte dabei die Auseinandersetzung mit Lösungen für geeignete Anpassungs- und Vermeidungsstrategien werden.

Im Frage- und Antwortwechsel mit dem Architekten Professor Helmut Bielenski aus Grassau grenzte Ewald Kleyboldt zunächst die Klima-Ethik von der Individual- und Sozial-Ethik ab. Sie stellt Fragen, welches Handeln angesichts des Klimawandels moralisch ist. Da dieser zum einen kein natürliches, sondern ein von Menschen verursachtes Problem sei und auch die Auswirkungen ausnahmslos alle Menschen betreffen, bestehe eine moralische Pflicht zu handeln.

Mit der Klimarahmenkonvention von Rio (1992), dem Kyoto-Protokoll (1997) und dem Pariser Klimaabkommen (2015) seien erste politische Schritte unternommen worden, weltweit gerechtere Standards einzuführen. Da deren Umsetzung durch die Politik aber zu zögerlich erfolge, obwohl man seit 40 Jahren die Fakten über tiefgreifende Klimaveränderungen kennt, sei ein verstärktes Engagement der Zivilgesellschaft gefragt.

Erst kommende Generationen voll belastet

Eine Besonderheit des Klimawandels sei die damit verbundene doppelte globale und Generationen-Ungerechtigkeit, erläuterte Kleyboldt. So komme der Großteil der Schäden infolge der bis heute ausgelösten CO2-Emissionen erst bei kommenden Generationen voll zum Tragen. Global gesehen komme verschärfend hinzu, dass die Industrieländer für den Großteil der wohlstandsbedingten Emissionen verantwortlich seien. Die Auswirkungen der Klimaschäden müssten dagegen hauptsächlich die Entwicklungsländer schultern.

Kleyboldt verwies auf eine Studie der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam, nach der die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung zwischen 1990 und 2015 für 52 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich gewesen seien. Umgekehrt sei die ärmere Hälfte der Welt nur für sieben Prozent des Ausstoßes verantwortlich gewesen.

Wohlfahrtsindex als Alternative

Im Sinne der Klimaethik und des Generationenvertrags „müssen wir schon heute so leben, dass für künftige Generationen gleich viel oder zumindest ausreichend viel übrig bleibt“, erklärte Kleyboldt mit Verweis auf die entsprechenden Rechtsformen der Klimaethik. Zu hinterfragen sei, ob angesichts wachsender ökologischer Schäden das Bruttosozialprodukt als alleiniger Maßstab des Wohlstandsniveaus noch angemessen sei. In Bhutan diene etwa das Bruttonationalglück als Wertmesser und auch im Deutschen Bundestag sei über den nationalen Wohlfahrtsindex als Alternative diskutiert worden.

Problem nicht nur bei der großen Politik abladen

In der Diskussion hinterfragte Silvia Nett-Kleyboldt das Dogma des „Wirtschaftswachstums als Allheilmittel“, das die Kosten ökologischer Schäden außer Acht lasse. Ewald Kleyboldt erinnerte an die öko-soziale Marktwirtschaft als Vorbild, für die sich Politiker wie Heiner Geißler und Klaus Töpfer stark gemacht hätten.

Georg Beyschlag erinnerte an die erfolgreiche Solarkraft-Initiative „zwischen Watzmann und Wendelstein“ als Ausdruck für die Durchsetzungskraft zivilgesellschaftlicher Initiativen. „Wir dürfen das Problem des Klimawandels nicht nur bei der großen Politik abladen, sondern müssen selbst aktiv werden.“

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