Serum ist der Engpass im Kampf gegen Corona

Traunsteiner Landrat Walch im Interview zur Impfsituation: „Mia san gschickt“

Als erste Freiwillige erhielt die 81-jährige Roswitha Mösl im Impfzentrum in Altenmarkt am 17. Januar die Zweitimpfung verabreicht. Landratsamt Traunstein
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Als erste Freiwillige erhielt die 81-jährige Roswitha Mösl im Impfzentrum in Altenmarkt am 17. Januar die Zweitimpfung verabreicht. Landratsamt Traunstein
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Der Ärger ist groß bei vielen Senioren im Landkreis Traunstein. Nach wie vor warten viele auf ihren Impftermin. Die Chiemgau-Zeitung hat mit Landrat Siegfried Walch darüber gesprochen.

Traunstein – Der Zorn vieler Senioren über abgesagte Impfungen ist groß. Da der Impfstoff nicht in der zugesagten Menge geliefert wird, müssen abermals Impftermine verschoben werden. Die Chiemgau-Zeitung hat mit Siegfried Walch (CSU), Landrat im Landkreis Traunstein, über die Situation gesprochen.

Herr Walch, wie viele Personen im Landkreis sind inzwischen geimpft?

Landrat Siegfried Walch (CSU) sieht das Landratsamt gut gerüstet, wenn der Impfstoff verfügbar ist.

Siegfried Walch: Alle Impfdosen, die wir bekommen haben, sind verimpft worden. Aktuell haben 3067 Personen eine Impfung erhalten, davon rund die Hälfte im stationären Bereich.

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Sind denn nun alle Bewohner von Alten- und Pflegeheimen geschützt?

Walch: Ja, das konnten wir erreichen. Inzwischen haben wir auch mit der zweiten Impfung begonnen und werden das vermutlich Mitte Februar abschließen. Keiner muss sich Sorgen machen, dass hier Impfstoff fehlen könnte. Denn für die Zweitimpfung wird der Impfstoff standardmäßig reserviert.

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Dennoch war der Ärger bei vielen Menschen in der ersten Impfgruppe groß. War der Landkreis zu voreilig bei der Planung der Termine?

Walch: An unserer Planung gibt es keinen Fehler. Die Impfdosen halten nur vier Tage. Würden wir erst an dem Tag anfangen, Termine zu vergeben, wenn der Impfstoff kommt, wäre das viel zu knapp. Ich denke wir wahren extrem vorausschauend. Wir haben dadurch auch keinen Impfstoff weggeschmissen. Der limitierende Faktor ist eben die Verfügbarkeit des Impfstoffs.

Mit wie viel Impfstoff haben Sie im Dezember gerechnet, als die Briefe an die Impfberechtigten rausgingen?

Walch: Wir haben am 27. Dezember angefangen. 2000 Impfdosen waren vorgesehen pro Woche, bekommen haben wir in der ersten Woche 1300. Das hätten wir uns auch anders gewünscht.

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Wie viele Termine mussten Sie jetzt neu vereinbaren? Wie viele Menschen aus der ersten Gruppe warten noch auf ihre Impfung?

Walch: 342 Termine wurden verschoben, wir gehen derzeit insgesamt von 15000 aus und 3000 davon sind geimpft.

Mit wie viel Impfstoff rechnen Sie in den kommenden Wochen und für wie verlässlich halten Sie die Zusage?

Walch: Derzeit sollen wir 1200 Dosen pro Woche von BioNTech und circa 200 Dosen von Moderna bekommen. Damit kalkulieren wir, alles andere ist Spekulation. Im Vergleich zum Dezember ist es schon deutlich mehr. Ich bin überzeugt, dass sich das Thema Verfügbarkeit lösen wird.

Wie war die Resonanz beim Pflegepersonal? Befürworten Sie hier eine Impfpflicht?

Walch: Unterschiedlich. Anfangs gab es doch auch Vorbehalte gegen die Impfung, aber insgesamt hat sich das positiv entwickelt. 300 Personen vom Pflegepersonal haben sich impfen lassen. Ob wir hier eine Impfpflicht brauchen, das ist aus meiner Sicht die falsche Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt. Ich gehe davon aus, dass wir eine hohe Zahl erreichen werden und sich ein Großteil impfen lassen wird. Sollte es nicht so sein, können wir darüber reden.

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Sehen Sie ein Risiko, dass wegen der allgemeinen Schwierigkeiten die Bereitschaft zur Impfung sinkt?

Walch: Das wäre aus meiner Sicht paradox. Es wäre doch eigenartig, wenn nur der Termin verschoben wurde und man dann die ganze Impfung infrage stellt. Man lässt sich impfen, weil man sein Umfeld und sich selbst schützt. Das tut niemand für die Politik und für den Landrat.

Halten Sie die europäische Strategie für die Beschaffung des Impfstoffs für richtig?

Walch: So etwas im Nachhinein zu beurteilen, ist schwer. Da ist man immer schlauer. Vom Grundsatz her finde ich es auf jeden Fall richtig, dass man europäisch gemeinsam vorgegangen ist. Man sieht doch gerade bei uns in der Grenzregion, wie wichtig das ist.

Erleichtert das neu geschaffene bayernweite Impfportal im Netz die Arbeit der Impfzentren?

Walch: Wichtig ist, dass es einfaches und einheitliches System gibt. Jeder Landkreis braucht die gleiche Basis. Wir wären auch nicht unglücklich gewesen, wenn es so eine Lösung früher gegeben hätte, auch zur Vergleichbarkeit. Die Umstellung hat uns natürlich wie bei jeder EDV-Umstellung vor Herausforderungen gestellt. Die Belastung ist für alle Beteiligten hoch. Es sind rund 200 Leute, die rund um die Pandemie arbeiten.

Wie fühlen Sie sich für die kommenden Wochen aufgestellt?

Walch: Es läuft gut, aber der Impfstoff muss kommen. Mia san gschickt!

Wie geht’s Ihnen persönlich in der Corona-Krise mit all ihren Aspekten?

Walch: Es geht mir wie vielen Leuten. Ich hab das Gefühl: Es langt. Und mir fehlt mein Friseur. Ich glaube, jedem wäre es recht, wenn wir in normale Zeiten kommen. In Krisenlagen habe ich gemerkt, dass es wichtig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und den Verstand mehr Gewicht zu geben, als der Emotion. Wenn wir alle vernünftig bleiben, kommen wir auch durch diese Krise. Jetzt ist das erste Mal die Situation, dass eine Lösung da ist: die Impfung. Der Ausblick ist jetzt ein ganz anderer. Jede einzelne Impfung bringt uns ein Stück weiter. Und was mich stolz macht: Im Landratsamt haben wir ein extrem fleißiges und engagiertes Team.

Interview: Heidi Geyer

Woher weiß das Landratsamt, wer impfberechtigt ist?

In Niedersachsen hatte die Ermittlung der Impfberechtigten zu Problemen geführt, da aus Datenschutzgründen kein Zugriff auf die Melderegister möglich war. Das Landratsamt Traunstein ermittelte die Personengruppe über die zuständige Fachaufsicht Melderecht im Landratsamt. Diese hat die Adressdaten der im Landkreis wohnenden Über-80-Jährigen bei den Gemeinden als die zuständigen Meldebehörden abgefragt. Die Adressen der Bewohner und des Personals von Alten- und Pflegeheimen und stationären Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wurden über die jeweiligen Heimleitungen ermittelt. Das Landratsamt hat die Einrichtungen über den Ablauf und die notwendige Vorarbeit für Impfungen in den Heimen vor Ort informiert. Ferner wurden sie beauftragt, diese Informationen auch an die Bewohner – sofern vorhanden an die Betreuer oder Bevollmächtigten – weiterzugeben. Auch wurden sie gebeten das Pflegepersonal dazu aufzufordern, sofern eine Impfbereitschaft besteht, sich selbstständig im Impfzentrum um einen Termin zu bemühen.

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