Traunsteiner Flüchtlings-Berater meistern die Krise

Sie sind beim Diakonischen Werk Traunstein für die Flüchtlings- und Integrationsberatung zuständig (von links): der Sozialpädagoge Markus Sonnenhuber, Diplom-Sozialpädagogin Britta Barth, die Leiterin des Geschäftsbereichs Migrationsberatung, und Diakon Robert Münderlein, Leiter der Regionalen Einsatzstelle Diakonie. Diakonisches Werk / Klaus Rieder

Was tun, wenn das Corona-Virus eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtline heimsucht und persönliche Beratungen dort unmöglich macht? In Traunreut mussten die Mitarbeiter der Diakonie Traunstein kreativ werden, und führen Beratungen per Telefon oder Whatsapp durch. Oft reicht das aber nicht, wenn es um bürokratische Fragen geht.

Von Hans Eder

Traunstein– Das Diakonische Werk bietet im Landkreis Traunstein Flüchtlings- und Integrationsberatung an. Die Corona-Pandemie macht den Männern und Frauen, die sonst den Asylsuchenden zur Seite stehen, derzeit jedoch das Leben schwer. Weil in der Traunreuter Gemeinschaftsunterkunft (GU), wie mehrfach berichtet, zwei Fälle von Corona aufgetreten sind und sich nun die rund 190 Bewohner in Quarantäne befinden, ist eine persönliche Beratung dort derzeit unmöglich. Allenfalls wird über E-Mail oder WhatsApp kommuniziert.

Kein Ersatz für die 40 Stunden pro Woche, die sonst Sozialpädagoge Markus Sonnenhuber angeboten hat. Wegen der großen Nachfrage haben zwei zusätzliche Kolleginnen zuletzt mit jeweils acht Stunden pro Woche das Beratungsangebot erweitert.

Neuer Beratungsort war positive Wende

In einem Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung beschreiben die Diplom-Sozialpädagogin Britta Barth, die bei der Diakonie die Migrationsberatung leitet, und Sozialpädagoge Sonnenhuber die schwierige Situation.

Laut Barth liegt ein Schwerpunkt der Beratungen auf finanziellen Fragen, wie solche zum Asylbewerberleistungsgesetz oder Arbeitslosengeld II. An zweiter Stelle stünden die angebotenen Hilfen bei der Arbeitssuche, oft in Absprache mit dem Job-Center, Hilfen beim Ausfüllen von Anträgen, Kinderbetreuung, gefolgt von vielen weiteren Fragen.

In der Unterkunft befinden sich Bewohner mit ganz unterschiedlichem Status: Flüchtlinge mit einer Duldung, solche mit bereits erfolgtem positivem Asylbescheid und Flüchtlinge mit noch ungeklärtem Status. Sie alle kommen aus den Krisengebieten in Afrika oder im Nahen Osten; „dazu kommt eine gar nicht so kleine Anzahl von EU-Migranten“, so Barth.

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Die GU Traunreut ist die größte Einrichtung ihrer Art im Kreis Traunstein. Aus Effizienzgründen wurden die Beratungen im Herbst 2019 von der GU ins Mehrgenerationenhaus Traunreut verlegt. Das erfordere, so Barth, eine vorherige Auseinandersetzung damit, welche Fragen genau geklärt werden müssen und wo Hilfe gebraucht wird. „Bei manchen Beratungsgesprächen hat dies zusätzlich zu einer Versachlichung der Themen geführt. Insgesamt hat sich diese Veränderung sehr positiv auf die Beratungsprozesse ausgewirkt.“

Vieles kann nicht am Telefon gelöst werden

Nun ist die Beratung im Mehrgenerationenhaus aus bekannten Gründen ausgesetzt. Der Diakonie ist es gelungen, eine Notberatung in Räumen der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde zu organisieren, allerdings nur jeweils zwei Stunden an fünf Tagen in der Woche. Dieser Service richtet sich an Menschen mit Problemen, die nicht einfach am Telefon bearbeitet oder gar gelöst werden können.

Barth weiß aus Erfahrung, dass solche Fälle nicht so selten sind: „Zum Beispiel bei Gebührenbescheiden, die schon mal 30 bis 40 Seiten umfassen können.“

Sie vermutet, dass sich derweil in der GU, in der ein völliges Betreuungsverbot für die Diakonie-Mitarbeiter herrscht, der Beratungsbedarf anhäuft. „Viele derjenigen, die teils schon seit Jahren dort wohnen, durften zwischenzeitlich eine Arbeit aufnehmen. Und jetzt, da sie in Quarantäne sind, dürfen sie nicht mehr an ihre Arbeitsstätten kommen und haben, wie so viele andere Betroffene auch, Fragen zu Kurzarbeitergeld und Ähnlichem.“

Notberatung angeboten

Noch in dieser Woche sollte sich entscheiden, ob die Quarantäne aufgehoben werden kann – das lässt die Verantwortlichen beim Diakonischen Werk hoffen, denn immerhin könnten dann die Bewohner wieder die Beratung bei der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Anspruch nehmen.

Zusätzlich zu den bestehenden Hilfen hat Britta Barth der Regierung von Oberbayern angeboten, bei Bedarf auch während der Quarantäne eine Notberatung in der Gemeinschaftsunterkunft anzubieten. Bis jetzt ist dieses Angebot noch nicht in Anspruch genommen worden.

Informiert über aktuelle Lage in der Unterkunft

„Ein weiteres Problem, das für manche Bewohner jetzt auftaucht, ist die Tatsache, dass sie, sobald sie eine Arbeit aufgenommen haben, für ihre Unterkunft anteilig zahlen müssen“, schildert die Sozialpädagogin. „Und wenn jetzt die Arbeit und damit der Verdienst wegfallen, dürften manche ganz erstaunt sein, wenn ihnen Gebührenbescheide ins Haus flattern, von denen sie nicht wissen, wie sie sie bezahlen sollen.“

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Wie geht es eigentlich den Flüchtlingen in der GU, von denen viele selbst Krisen in ihren Heimatländern durchgemacht haben? Auch ohne Zutritt in die Gemeinschaftsunterkunft sind die Berater über das Alltagsleben dort informiert und über die aktuellen Sicherheitsmaßnahmen.

Flüchtlinge gehen souverän mit Krise um

In den einzelnen Zimmern sind jeweils zwei bis drei Personen untergebracht, soweit möglich von gleicher Nationalität beziehungsweise Religion.

Für Familien stehen jeweils zwei Räume zur Verfügung. Sanitärräume und Küchen werden jeweils von mehreren Personen benutzt. In Normalzeiten kaufen sich die Bewohner ihre Lebensmittel selbst und bereiten ihre Mahlzeiten auch selbst zu.

Das wurde aus Ansteckungsgründen geändert: Nun liefert ein Caterer Essen an: täglich ein warmes und zwei kalte Gerichte. Insgesamt, so die Einschätzung von Sozialpädagoge Markus Sonnenhuber, „verfestigt sich aktuell der Eindruck, dass Flüchtlinge allgemein, und damit auch die Flüchtlinge der GU Traunreut, einen nahezu routinierten Umgang mit Krisen haben. Sie scheinen Krisen durch einen verstärkten Zusammenhalt untereinander verhältnismäßig gut zu bewältigen.“

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