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Traunsteiner Familienberater warnt: Jugendliche „verkümmern emotional“ in der Corona-Pandemie

Dr. Alexander Lohmeier
              kennt die Problematik für Jugendliche in der Corona-Zeit auch privat, denn er ist selbst Vater von drei Kindern.
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Dr. Alexander Lohmeier kennt die Problematik für Jugendliche in der Corona-Zeit auch privat, denn er ist selbst Vater von drei Kindern.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Traunstein – Mit welchen Problemen Kinder und Jugendliche während der Corona-Pandemie zu kämpfen haben, das hat die Chiemgau-Zeitung Dr. Alexander Lohmeier gefragt. Der Diplompädagoge und Familienmediator leitet die Erziehungsberatungsstelle der Caritas im Landkreis Traunstein.

Manch einer mag im idyllischen Landkreis Traunstein keine Probleme erwarten – trügt dieses Bild?

Dr. Alexander Lohmeier: In der Tat machen Probleme vor der schönen Landschaft nicht Halt. Oft höre ich von einem Gefälle zwischen dem nördlichen und dem südlichen Landkreis. Das stellen wir bei unserer Arbeit aber nicht fest, was die Nachfrage angeht. Es mag sein, dass im Norden öfters materielle Probleme ein Thema sind und im Vergleich zum Süden etwas anders gelagert ist.

Inwiefern hat sich die Corona-Krise bei den Menschen ausgewirkt, die Sie kontaktieren?

Lohmeier: Der Schwerpunkt hat sich verlagert. Vorher waren es zu 70 Prozent Beratungen zu Trennungen. Nun erleben wir viele Fälle von Depressionen bei Jugendlichen. Emotionale Probleme haben ebenfalls zugenommen, außerdem mehrt sich häusliche Gewalt. Das scheint leider auch dem Bundestrend zu entsprechen.

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Warum werden Jugendliche wegen Corona depressiv?

Lohmeier: Die Pandemie führt zu einer Vereinsamung. Die jungen Leute können sich weniger treffen, es gibt ja im Moment weder Konzerte noch Parties, auch die Jugendtreffs haben zu. Sie können sich nur online verständigen. Das reicht aber nicht. Sogar mehrere Erstsemester, die zum Studieren begonnen haben, haben sich bei uns gemeldet. Die sind völlig frustriert, weil sie nur online studieren. Viele Jugendliche verkümmern emotional und werden zutiefst frustriert. Das kann dazu führen, dass die Frustrationstoleranz sinkt und Eltern heftige Gegenreaktionen erleben. Wir haben Fälle erlebt, in denen Jugendliche bei kleinsten Konflikten mit Suizid drohen. Viele sind antriebslos und kommen nicht aus dem Bett. Es fehlt schlicht der Rahmen, den die Schule normalerweise bietet. Einige Jugendliche versinken im Medienkonsum, auf Streamingportalen oder beim Zocken.

Wie wirkt sich der Medienkonsum aus?

Lohmeier: Die Frage ist im Moment: Was machen Jugendliche mit ihrer Energie? Mit Medienkonsum kann ich mich nicht abreagieren. Im Gegenteil, das lädt eher auf.

Corona macht vielen Menschen Angst. Erleben Sie das auch bei Kindern und Jugendlichen?

Lohmeier: Definitiv. Das betrifft auch einen Teil der Jugendlichen und Kinder. Das sind teils konkrete Zukunftsängste, aber auch diffuse und trübsinnige Gedanken. Kleine Kinder fragen, warum sie eine Maske tragen müssen. Wir haben auch mit Jugendlichen zu tun, die Zwänge und Ticks entwickeln. Das Fatale ist, dass sie die natürlich auch stärker ausleben können, wenn sie zuhause sind. Wir erleben aber auch Positives, nämlich dass die meisten Jugendlichen sehr achtsam sind in Bezug auf Corona und ihre Verwandtschaft. Keiner möchte die Oma anstecken – wobei das natürlich auch Druck ausüben kann und Sorgen macht.

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Was raten Sie Eltern in solchen Situationen?

Lohmeier: Wir raten dazu, Kontakte zu anderen Jugendlichen zu ermöglichen, soweit das möglich ist. Bei uns war ein depressiver Jugendlicher, der sehr gut abschalten kann, wenn er mit dem Hund spazieren geht. Haustiere und Natur sind da oft hilfreich. Man muss sich das so vorstellen, dass es den Jugendlichen ähnlich wie Langzeitarbeitslosen geht. Aufraffen ist schwierig, die Motivation fehlt schlicht, weil sie so tief im Loch sind. Hier sollten die Eltern auf jeden Fall auf einen geregelten Tagesablauf bestehen. Ein bisschen Zwang lässt sich nicht vermeiden und die Jugendlichen lechzen eigentlich auch danach.

Wie sieht es bei kleinen Kindern aus?

Lohmeier: Die Eltern sollten auf jeden Fall erklären, was passiert. Wir haben außerdem eine Videoreihe erstellt, die Eltern Hilfestellung geben soll. Da gibt es ein Video mit einem Mädchen, das kindgerecht Corona erklärt.

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Hilfe für Familien

Jede Kommune hat die Aufgabe, dass sie eine Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche anbietet. Im Landkreis Traunstein ist die Caritas der Träger. Das Beratungsspektrum reicht von der Frage, wie viel Taschengeld in Ordnung ist, bis zum sexuellen Missbrauch. 5,5 Vollzeitkräften betreuen um die 800 Familien pro Jahr. Meist sind es die Eltern, die die Beratungsstelle kontaktieren. Zum Teil melden sich auch Ein Teil der Klienten wird von den Schulen, vom Jugendamt oder vom Familiengericht in die Beratung geschickt.

Kinderrechte ins Grundgesetz

Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, begrüßt einerseits, dass Schulunterricht stattfindet und Kitas geöffnet sind. Betreuung und Bildung seien jedoch nicht die einzigen Rechte. „Kinder und Jugendliche brauchen soziale Interaktion, Bewegung, kulturelle Entfaltung und politische Bildung, ansonsten nimmt ihre Entwicklung deutlichen Schaden“, sagt der Präsident. Laut einer Umfrage seiner Organisation sind 72 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Interessen von Kindern in der Corona-Pandemie nur unzureichend berücksichtigt wurden und werden. 76 Prozent sind der Ansicht, dass die Bildungschancen von Kindern aufgrund der Corona-Krise gesunken sind, in Bezug auf die Bildungschancen von Kindern aus armen Haushalten meinen das sogar 81 Prozent. Gleichzeitig plädiert eine große Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland (71 Prozent) für eine Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz, damit die Interessen von Kindern bei politischen Entscheidungen stärker als bisher berücksichtigt werden.

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