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„Zusätzliche Beanspruchung“ zu Corona

Traunsteiner Klinikum bereitet sich auf Kriegsopfer aus der Ukraine vor

Ein ukrainischer Soldat hilft einer älteren Frau, die auf einem Einkaufswagen aus Irpin in den Außenbezirken von Kiew, Ukraine, evakuiert wurde. Die KSOB bereiten sich auf zivile Opfer vor.
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Ein ukrainischer Soldat hilft einer älteren Frau, die auf einem Einkaufswagen aus Irpin in den Außenbezirken von Kiew, Ukraine, evakuiert wurde. Die KSOB bereiten sich auf zivile Opfer vor.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Vor Kurzem noch undenkbar, nun ist es Realität: Es ist Krieg in Europa. Nun bereiten sich sogar die Kliniken Südostbayern (KSOB) auf Verletzte aus dem Krisengebiet vor - in einer ohnehin durch Corona angespannten Lage.

Traunstein – „Kriegsverletzte in oberbayrischen Kliniken.“ Bei dieser Schlagzeile hätte man sich noch bis vor einigen Wochen die Augen gerieben. Heute ist dieses Szenario durchaus realistisch. In den Kliniken Südostbayern (KSOB) bereitet man sich vor, um Opfer des Krieges in der Ukraine medizinisch behandeln zu können. „Im Zuge dessen erwarten wir in Deutschland viele Kriegsverletzte, Zivilisten wie auch Soldaten“, so Sabine Segerer-Utz, Sprecherin der KSOB auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen.

Es gehe zum einen um Verwundete, zum anderen um Menschen, die traumatisiert sind und psychologische Hilfe benötigen, erklärt die Sprecherin. „Die Entwicklungen in der Ukraine sind erschütternd und machen uns sehr betroffen. Gemeinsam mit den Landkreisen bereiten wir uns auf die zu erwartende Flüchtlingswelle vor.“

In allen Kliniken des Verbunds sei man vorbereitet. „Zudem unterstützen wir bestmöglich bei der Unterbringung der zu erwartenden Flüchtlingswelle aus den Krisengebieten in der Ukraine und stellen Räume in unseren Liegenschaften zur Verfügung“, so Segerer-Utz. Nicht zuletzt engagieren sich die Mitarbeiter der KSOB bei Hilfsaktionen und Spenden.

Medizinische Sachspenden

Gebraucht werden in der Ukraine und den Flüchtlingsgebieten auch medizinische Sachspenden, was derzeit über die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) koordiniert werde. „Der Fokus liegt dabei zum einen in der Unterstützung der großen Hilfsorganisationen und zum anderen in der Vorbereitung der Versorgung von Verletzten und Geflüchteten“, sagt die Sprecherin.

Dolmetscher unter den Mitarbeitern

Wann mit ersten Kriegsopfern in Traunstein und den anderen Kliniken des Verbunds zu rechnen ist, ist noch unklar. Schon jetzt haben die KSOB jedoch klinikintern Mitarbeiter dazu aufgerufen, sich bei den jeweiligen Direktionen der Standorte zu melden, wenn entsprechende Sprachkenntnisse vorhanden sind.

„Es haben sich schon einige Kollegen bereit erklärt, hier vermittelnd zur Verständigung beizutragen“, so Segerer-Utz. Zudem habe die BKG eine Zusammenfassung von Dolmetscherdiensten ausgearbeitet mit dem Ziel, einen bayernweiten Überblick zu erhalten, in welchem Umfang Krankenhäuser Mitarbeiter mit den benötigten Sprachkenntnissen beschäftigen. „Erfreuliches Ergebnis ist, dass Bayern weitgehend gut versorgt ist mit Dolmetscher-Angeboten, auf die im Bedarfsfall zurückgegriffen werden kann.“, sagt die Sprecherin.

Schwerstverletzte sind für das Klinikum Traunstein keine Besonderheit. Was viele nicht wissen: Das Klinikum rangiert seit Jahren unten den zehn größten Versorgern von Schwerstverletzten in Deutschland.

Insofern sei auch die Behandlung von Kriegsopfern zu bewältigen: „Die Behandlung von akut Schwerstverletzen gleicht eher der Akutbehandlung von Verwundungen im Kriegsgebiet, ist durch blutstillende Chirurgie und Behandlung des Kreislaufschocks gekennzeichnet.“ Jedoch habe die Behandlung in Traunstein den großen Vorteil, dass, anders als im Kriegsgebiet, kein Massenanfall von Verletzten herrsche, wo der aufwendige Erhalt von Gliedmaßen einzelner Patienten dem Lebenserhalt möglichst aller Verwundeter untergeordnet werden muss. „Bei uns kann ein maximales Therapieziel für jeden individuellen Patienten angestrebt werden“, erklärt die Sprecherin.

Weiterversorgung einfacher

Hinzu komme, dass die Weiterversorgung von Verwundeten nach Abtransport aus dem Kriegsgebiet sich grundlegend von der Akutversorgung unterscheide. „Die ist oft von der septischen Chirurgie geprägt, also der langwierigen chirurgischen Behandlung der meist infizierten Geschoß-, Splitter und Brandverletzungen“, so Segerer-Utz.

Das Team sei gut vorbereitet. „Einige Mitarbeiter haben noch Erfahrung aus der Versorgung von Kriegsverletzten der Post-Jugoslawienkriege während der ersten Hälfte der 1990er Jahre, andere mussten an früheren Wirkungsstätten Opfer von Terroranschlägen behandeln“, sagt die Sprecherin. Hier kann das Klinikum Traunstein auf seine Erfahrung als überregionales Traumazentrum bauen: „Mehrere Ärzte der Unfallchirurgie wurden zudem in TDSC-Kursen (Terror and Desaster Surgical Care) trainiert.

„Aufschiebbare“ Behandlungen

Wegen der Corona-Pandemie sind derzeit laut bayerischer Allgemeinverfügung „aufschiebbare“ Behandlungen verschoben. „Das sind zum Beispiel planbare Operationen, wie etwa künstliche Hüft- und Kniegelenke, Leistenbrüche, Schilddrüsen-Eingriffe, Gebärmuttermyome oder Gefäßverengungen, die noch keine gravierenden Beschwerden machen“, erklärt KSOB-Sprecherin Sabine Segerer-Utz. Die Gesundheit des Patienten sei in diesen Fällen nicht akut bedroht und diese Eingriffe können geeignet terminiert werden. Es gebe jedoch Ausnahmefälle wie Notfalloperationen und unaufschiebbare Eingriffe wie die Behandlung von Unfallverletzten, Herzinfarkten und Schlaganfälle und dergleichen. „Als Kliniken stehen wir für die medizinische Versorgung aller Verletzten und Personen, die unsere medizinische Hilfe benötigen, bereit“, so Segerer-Utz. Als „pandemiebedingt sehr heftige Belastungssituation“ beschreibt sie die Situation in den Kliniken. Die Versorgung von Kriegsverletzten stelle nun „eine zusätzliche Beanspruchung dar, die es zu meistern gilt.“

Zivilisten brauchen Schutz

Zwei Millionen Menschen sind bereits laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR vor dem Krieg in der Ukraine auf der Flucht. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen dringt darauf, dass Zivilisten zu jeder Zeit geschützt werden müssen, und zwar nicht nur in für humanitäre Korridore ausgewiesenen Zeiten. „Humanitäre Hilfe muss die Zivilbevölkerung zu jeder Zeit erreichen können, und humanitäre Helfer sowie medizinische Einrichtungen müssen geschützt werden“, fordert die Hilfsorganisation. Deren reguläre Programme in der Ukraine seien ausgesetzt, man leiste derzeit nur Nothilfe. Auf Notfallhilfe spezialisierte Teams seien auch in Polen, Ungarn, der Slowakei und der Republik Moldau präsent. Quelle: Ärzte ohne Grenzen/UNHCR