Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Bis in die 60er Jahre hinein wurde in dem heutigen Biotop Brennmaterial abgebaut

Torfstechen im Lienzinger Moos anno dazumal

Arbeiter beim Torfstechen. Bis in die 60er-Jahre wurde im Lienzinger Moos auf diese Weise Brennmaterial für zuhause abgebaut.
+
Arbeiter beim Torfstechen. Bis in die 60er-Jahre wurde im Lienzinger Moos auf diese Weise Brennmaterial für zuhause abgebaut.
  • VonKarl Wastl
    schließen

Heute ist die Lienzinger Filze Lebensraum für geschützte Tier- und Pflanzenarten, saugt bei Starkregen wie ein Schwamm Wasser auf und bindet Kohlendioxid. Früher haben sich die Menschen dort mangels Holz Torf als Brennmaterial nach Hause geholt.

Gstadt/Breitbrunn – Klimaschutz ist in aller Munde. Weil sie Kohlendioxid binden sind hier vor allem auch Moore verstärkt ins Bewusstsein der Staatsregierung gerückt. Der Chiemgau ist reich gesegnet mit solchen Nassgebieten, eines davon ist die Lienzinger Filze mit dem „Grundlose See“ in Gstadt. Mancher erinnert sich noch aus Kinderzeiten daran, wie die Eltern und Großeltern dort Torf gestochen und Brennmaterial heimgebracht haben. Der in den Hochmooren vorhandene stark zersetzte Schwarztorf war ein wertvoller Energielieferant.

Als Kinder beim Tragen mitgeholfen

„Schluss worn is‘ im Lienzinger Moos in den 60er-Jahren“, erinnert sich Peter Stockmeier – „Kalb Peter“ wie er vom Hofnamen her heißt. Er stammt aus dem Breitbrunner Ortsteil Mooshappen. „Ois Kinder haben wir noch a bisserl mitgeholfen beim Tragen und Aufkasteln des Torfes“, erinnert sich der Bauer. „Die Qualität ist dann immer schlechter worn“, begründet der 70-Jährige das Ende des Torfstichs im Lienzinger Moos.

Auch sein Nachbar, der Demmel Schorsch, hat noch eine lebhafte Vorstellung von der schweißtreibenden Arbeit im Moos: „Weil mia weniger Holz g’habt haben, war‘n wir auf das Heizmittel besonders angewiesen“, erinnert er sich. „Aber auch bei uns war‘s dann endgültig gar, als die Ausbeute nimmer für die Arbat gstand‘n is‘.“

Die Beiden sind zwei der rund 40 Grundstückseigentümer in der Gemeinschaft der Lienzinger Filze Süd. Im gesamten Moorgebiet sind es laut Stockhammer bis heute immer noch über 100 Grundstückseigentümer von Gstadt bis nach Prien, die einen der 0,6 Hektar großen Grundstückstreifen besitzen.

Meist im Mai rückte früher die Bauersfamilie zum Torfstich aus. Gewappnet mit Schubkarre, Schaufeln (Abräum), Grabscheit, verschiedenen Torfmessern wie zum Beispiel Flach- und Wandleisen, ging es ans Werk. Mit dem Abräum wurde die oberste Bodenschicht entfernt, um dann mit den verschiedenen Messern die gewünschten Torfstücke aus den Gräben herauszuarbeiten. Je tiefer man vorstieß, desto anstrengender wurde es, die Torfstücke an die Oberfläche zu befördern.

Die zirka 40 Zentimeter langen und acht bis zehn Zentimeter breiten Stücke wurden aus den Gräben in die Arme des Fängers geschlenzt und mit der Schubkarre meist über unwegsame Böden an den Lagerplatz gebracht. Diese teils schwere Arbeit wurde im Regelfall von den Bäuerinnen übernommen, wobei die Halbwüchsigen auch mithalfen, kann sich der Demmel Schorsch erinnern. Die Stücke wurden gekastelt – jeweils zwei nebeneinander und dann über Kreuz sechs bis acht Reihen übereinander – damit sie trocknen konnten, weiß der siebzigjährige Junggeselle.

Ein normales Tagespensum beim Torfstich lag schonmal zwischen 3000 und 5000 Stücken, wobei man im Regelfall an die 14 Tage zu Gange war. Sehr oft lagen die letzten Stiche im Grundwasser, wo man des öfteren „mit einem Wandl ausschöpfen musste“, wissen erfahrene Torfstecher. So ein Tag im Lienzinger Moos war sehr anstrengend, weil es zum einen keine leichte Arbeit war und zum anderen die Hitze und Schwüle in der Grube die Stanzen und Bremsen anlockte. Durch die ständige Abwehr des Ungeziefers hatte die Truppe am Abend gerne die schwarze Farbe des Torfs im Gesicht.

Den Sommer über in Hütten gelagert

Um ein ordentliches Trocknen der Torfstücke zu gewähren, mussten sie regelmäßig umgekastelt werden, also die unteren zu oberst befördert. Dem Sommer über wurde sie in Torfhütten gelagert und im Herbst für die kalte Jahreszeit zum Heizen nach Hause gefahren.

Der Abbau dieses immer seltener werdenden Rohstoffs hatte allgemein Folgen: Moore wurden trockengelegt, Lebensräume zerstört und riesige Mengen Kohlenstoff freigesetzt. Und wenn man weiß, dass pro Jahr nur etwa ein Millimeter neue Torfschicht entsteht, erscheint das ganze noch deutlicher.

Alten Bulldog wiederentdeckt:

Einige Bauer hatten nach dem Krieg schon Traktoren, um den Torfstich nach Hause zu bringen. Vor einigen Jahren, wurde so ein alter, selbst gebauter Bulldog in einer Mooshütte versunken wieder entdeckt. Diese sogenannte „Moorleiche“ wurde unter vielen Anstrengungen geborgen, und kann jetzt auf Bulldogtreffen bestaunt werden.

Klimaschutz, Lebensraum und Wasserspeicher bei Starkregenfällen:

„Moore sind nicht nur für den Klimaschutz relevant, sondern sie haben auch eine sehr wichtige Funktion als Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten“, erklärt Pressesprecher Michael Fischer vom Landratsamt Rosenheim und zählt als Beispiele Schmetterlinge, Libellen, Käfer, Reptilien, Amphibien, Vögel, Sonnentau, Rosmarinheide, Moosbeere und Torfmoose auf. Außerdem diene das intakte Hochmoor als Wasserspeicher für Starkregenfälle und es verringere die Hochwasserwellen in den angrenzenden Bächen und Stillgewässern. Die Lienzinger Filze sei ein Hochmoor, das in der Moorbodenkarte des Bayerischen Landesamtes für Umwelt dargestellt ist. Die überwiegende Fläche sei als Biotop kartiert. Die Filze ist laut Fischer Teil des Biotopverbunds Eggstätt-Hemhofer Seenplatte und Seeoner Seen und Projektgebiet des Klimaschutzprogramms Bayern 2050 (Klip). Im Rahmen des Biotopverbunds habe sich das Landratsamt Rosenheim bereits Anfang der 2000 Jahre an alle Grundeigentümer der Moorflächen gewandt und bemüht, Grundstücke für eine spätere Moorrenaturierung zu sichern. Im Jahr 2014 sei eine umfangreiche Studie zum Ist-Zustand und über mögliche Renaturierungsmaßnahmen im Rahmen des Klip 2050 durchgeführt worden. „Inzwischen konnten rund 20 Grundstücke mit einer Gesamtfläche von 14,5 Hektar gekauft, gepachtet oder mit einer Grunddienstbarkeit zum Zweck späterer Verschlüsse der kleinen Entwässerungsgräben gesichert werden“, berichtet Fischer. Der Hochmoorbereich mit dem südwestlichen baumfreien Niedermoorbereich ist laut Landratsamt rund 180 Hektar groß. Im großen Hochmoorkörper, der heute großteils bewaldet ist, sei auf nahezu allen Grundstücken Torf in Handarbeit abgebaut worden. Im Niedermoorbereich seien vor allem die Streuwiesen im Herbst gemäht und als Einstreu für die Ställe genutzt worden, was heute auf den meisten Flächen weitergeführt und im Vertragsnaturschutzprogramm gefördert wird.tw

Auf dem Foto sehen wir eine alte Torfhütte im Lienzinger Moos, die sich die Natur schön langsam zurückerobert.
Auf dem Foto sehen wir einen Torfschubkarre, eine Abraum-Schaufel und ein Stecheisen aus einem Fundus für die Arbeit im Torfstich.