Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern

Inge Bauers Tochter (13) wurde vom Eishallendach erschlagen: Wie sie selbst danach ins Leben zurück gefunden hat

Inge Bauer in ihrem Garten in Grassau, wo sie nach dem Tod ihrer Tochter beim Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall hingezogen ist.
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Inge Bauer in ihrem Garten in Grassau, wo sie nach dem Tod ihrer Tochter beim Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall hingezogen ist.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Inge Bauer aus Grassau hat den Albtraum aller Eltern erlebt: Ihre Tochter starb mit 13 Jahren. Heute leitet Bauer eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern im Chiemgau. Warum dort auch gelacht wird. 

Grassau – Die 13-jährige Anne-Kathrin ging Eislaufen und kam nie wieder nach Hause. Inge Bauer (67), hat ihre Tochter beim Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall 2006 verloren. „Es hat mir damals den Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt sie. Heute leitet sie eine Selbsthilfe-Gruppe für verwaiste Eltern im Chiemgau.

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„Krumm und bucklig“ sei der Weg gewesen mit der Trauer umzugehen, sagt Bauer. Auch heute noch. Wie wird man mit dem Tod des eigenen Kindes fertig? „Fertig wird man nie“, sagt Bauer. Aber man lerne, damit zu leben. Sie selbst habe früh gemerkt, dass sie Unterstützung braucht von Menschen, denen das Gleiche passiert ist. „Einige Wochen nach dem Einsturz habe ich den Kontakt zu Menschen gesucht, die das gleiche Schicksal zu tragen haben“, erzählt Bauer. Allein die Tatsache, dass es Menschen gebe, die das Gleiche erlebt hätten und ohne viele Worte verstünden, sei schon eine große Erleichterung.

Hilflosigkeit und Isolation durch den Verlust des Kindes

Zwar ist die Anteilnahme oft groß, wenn ein Kind stirbt – der Albtraum aller Eltern. Nur könne nicht jeder diese Trauer aushalten. „Man erlebt viele schräge Sachen“, sagt die 67-Jährige. Von Menschen, die die Straße wechseln, berichtet sie. Von Freunden, die beschwichtigen wollen, es werde schon alles wieder gut. „Das wird es nicht“, sagt Bauer.

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Wie soll man mit Menschen umgehen, die ein Kind verloren haben? „Nicht totschweigen oder übergehen, immer mal hingehen, vielleicht auch ein paar Blumen bringen“, sagt Bauer. Man sollte unaufdringlich signalisieren, dass man da ist, Tränen aushält und um den Schmerz weiß. „Und bereit sein, den Schmerz mitzutragen“, sagt Bauer.

„Wir leben immer noch“

In der Selbsthilfegruppe seien Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihre Kinder verloren hätten. Sie alle haben die ultimative Katastrophe erlebt. „Aber wir leben immer noch“, sagt Bauer.

Wie hart dieses Leben sein kann, weiß Bauer aus eigener Erfahrung. „Man ist durch so ein Ereignis an den Rand gedrängt“, sagt Bauer. Sie selbst zog sich damals zurück, weil sie die „schöne heile Welt“ nicht mehr aushielt. Noch heute hadert sie mit Hochzeiten. Schließlich werde ihre Tochter nie heiraten und das werde ihr dort schmerzhaft bewusst.

Vermeiden und Verdrängen

Eine Mutter habe ihr mal erzählt, dass sie auf einer Familienfeier richtig wütend wurde: „Die sitzen da alle, die Cousins und die Cousinen. Nur mein Kind ist nicht dabei.“

Viele Menschen würden gesellschaftliche Ereignisse meiden, müssten erst noch ihren Weg finden, mit dem Erlebten umzugehen. Sich in die Arbeit zu stürzen oder den Sport, das erlebe sie oft bei Betroffenen. „Das kann helfen, aber birgt auch Gefahren“, sagt Bauer. Man dürfe und könne so ein Trauma nicht einfach wegwischen. Der Schmerz bleibe und werde sich auch immer wieder im Leben zeigen, sodass die Auseinandersetzung unvermeidlich sei.

In Reichenhall hielt sie es nicht mehr aus

Inge Bauer lebte früher in Reichenhall, aber irgendwann hielt sie es dort nicht mehr aus. Nicht nur die Erinnerung an den Tod ihrer Tochter in genau diesem Ort, auch der Umgang der Stadt mit der Katastrophe an der Eishalle und den Hinterbliebenen. Man merkt Bauer an, wie viel Bitterkeit darüber immer noch mitschwingt.

Die Frage, warum einen so Schicksalsschlag treffe, beschäftige alle. „In unsere Gruppen kommen viele Menschen, die damit hadern“, sagt Bauer.

Das Grab zog mit um

Es gebe nicht den einen, richtigen Weg, zu trauern und es gehe nicht darum, sich in der Trauer zu baden. „Wir lachen durchaus auch“, sagt Bauer. Jedes Jahr gehen sie auf gemeinsame Wanderungen. „Die Trauer und den Tod des Kindes in den Alltag zu integrieren, das ist das Ziel“, sagt die Grassauerin.

Dorthin zog sie nach dem Schicksalschlag, und baute sich ein neues Leben auf. Mit ihrer Tochter. Denn deren Grab wurde umgebettet: „Ohne sie wäre ich nicht umgezogen.“ Zwar gehe sie nicht mehr täglich ans Grab. Aber zu Allerheiligen sei es ihr ein Anliegen, dort zu stehen und das Kind nicht alleine zu lassen.

Für Betroffene ist Inge Bauer unter Telefon 0 86 41/6 99 98 76 erreichbar.

So wirkt sich der Tod des eigenen Kindes auf die Psyche aus

„Der Tod eines Kindes wird in den meisten Fällen zu einer starken Trauerreaktion führen und kann auch eine langfristige Wirkung auf die psychische Gesundheit der Eltern haben“, sagt Dipl.-Psych. Johanna Colling, von der Schön Klinik Roseneck. Dennoch sei jede Reaktion darauf individuell und für jedes Elternteil eine persönliche Herausforderung. Gut funktionierende familiäre Strukturen, Menschen, die bei Bedarf helfen und da sein können, oder auch eine stabile Paarbeziehung der Eltern, können bei so einer Belastung hilfreich sein. „Andererseits ist auch wichtig, wie gut jemand mit intensiven Gefühlen umgehen kann, welche Coping Strategien bereits vorhanden sind und wie flexibel man sich an veränderte Lebensumstände anpassen kann.“, sagt Colling. Eine Selbsthilfegruppe könne sehr hilfreich sein. „Manche Trauernde fühlen sich in ihrem Umfeld nicht verstanden oder die Familienmitglieder verarbeiten ihre Trauer unterschiedlich, was mitunter zu Konflikten führt“, sagt die Psychologin. Der Austausch mit Gleichgesinnten könne dabei helfen. Colling betont, dass Trauer sich nur in Ausnahmefällen zu einer anhaltenden psychischen Erkrankung entwickle. „ Eine normale Trauerreaktion kann erst einmal ähnliche Symptome und Auswirkungen haben wie eine psychische Erkrankung. Hält die Trauer länger an, wird sie sehr intensiv erlebt und geht sie mit deutlichen Beeinträchtigungen in beruflichen und sozialen Bereichen einher, sollte man sich professionelle Unterstützung, wie etwa im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie, suchen“, sagt Colling.

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