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Test-Schikane für Pendler aus Österreich nach Deutschland? Kritik aus dem Chiemgau

Johanna Detsch an ihrem Arbeitsplatz im Rathaus Schleching.
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Johanna Detsch an ihrem Arbeitsplatz im Rathaus Schleching.
  • vonSybilla Wunderlich
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Seit Ischgl sind die Vorbehalte gegen Österreich in der Corona-Zeit groß. Betroffen sind auch viele Pendler und Betriebe im Chiemgau. Was sie von der jetzigen Test-Regelung an der Grenze halten.

Schleching – Seit Montag, 18. Januar, gilt in Bayern wieder eine Testpflicht für berufliche Grenzpendler. Schleching liegt direkt am Grenzübergang nach Kössen in Österreich. Anwohner beider Seiten der Grenze sind davon betroffen, die wegen ihres Berufes ins Nachbarland pendeln.

Eine davon ist Johanna Detsch. Sie arbeitet im Schlechinger Rathaus und wohnt in Kössen. Bei der Rückfahrt nach der Arbeit nach Österreich wird dort nur die Pendlerbescheinigung des Arbeitgebers verlangt, erzählt Detsch im Gespräch mit der Chiemgau Zeitung. „Diese ganze Prozedur des Tests ist zeitaufwendig, zumal sich der Andrang dort oft ändert“, sagt Detsch.

Riesenaufwand für Pendler

Sie fahre auf eigene Kosten mit ihrem Auto zum Test. Diesen Zeitaufwand von rund zwei Stunden muss Johanna Detsch nun jede Woche für voraussichtlich die kommenden fünf Wochen betreiben. Da der Arbeitgeber diese Aktionen nicht veranlasst hat, muss sie die Stunden für die Testung entweder in ihrer Freizeit absolvieren oder nacharbeiten.

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Deutsch hat wenig Verständnis dafür: „Ich verstehe die Maßnahme nicht, denn Österreich ist ein Land mit den gleichen Hygienestandards und Maßnahmen wie Deutschland und das Virus kennt keine Grenze. Ich empfinde das als Schikane und Ausgrenzung.“ Auf die Frage, warum Detsch nicht zu ihrem Hausarzt zum Testen geht, lautet die Antwort, dass die Kosten nur im Testzentrum Traunstein für sie übernommen werden.

Unklare Situation bei Kosten

Andreas Nohl, praktischer Arzt mit Praxis in Schleching, bestätigt dies. Er habe im vorigen Jahr circa acht Pendler mit einer Kostenübernahme regelmäßig testen können, nun gelte diese Regelung nicht mehr. Diese Änderung stellt auch die Reit im Winkler Firma Halton vor Probleme. Halton Foodservice ist der größte Arbeitgeber im industriellen Bereich in der Region. Von den 160 Mitarbeitern kommen rund 40 aus Österreich. Jetzt müssen auch diese Mitarbeiter jede Woche einen neuen Corona-Test vorlegen, was umfangreich organisiert und in die Arbeitsabläufe integriert werden muss.

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„Wir haben die Mitarbeiter bislang bei Ärzten in Reit im Winkl testen lassen“, berichtet Andrea Riedl, Personalleiterin bei Halton. Die Kosten seien bislang im Rahmen der bayerischen Teststrategie übernommen worden. „Jetzt haben wir erfahren, dass das kurzfristig nicht mehr möglich ist“, erzählt Riedl. Nun habe die Firma erste Tests selbst bezahlt und warte auf eine Entscheidung, ob die Kostenübernahme wieder komme.

Grenzen waren zu

Hinzu kommen andere Aspekte: Mit Schrecken erinnert sich Riedl an die Situation im März vergangenen Jahres, als die Grenze zwischen Reit im Winkl und Kössen kurzfristig eine ganze Woche lang komplett gesperrt war. Auch danach war sei es schwierig gewesen, da die Grenze täglich nur für ein kurzes Zeitfenster geöffnet wurde, was sich schwer mit den Arbeitsabläufen koordinieren ließ.

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Als nicht so schlimm im Arbeitsablauf bewertet René Huber, Geschäftsführer der Firma Huber & Huber mit Firmensitz in Kössen, die jetzige Situation. Sein Wohnsitz befindet sich in Schleching, er pendelt also in die Gegenrichtung. Geschlossene Grenzübergänge hat auch er erlebt: „Letztes Jahr war es schlimmer, als die Grenze hier geschlossen war und wir über Reit im Winkl nach Kössen fahren mussten.“ Wenn er jetzt zu seinem Arbeitsplatz nach Tirol fährt, wird er stichprobenmäßig kontrolliert und muss erklären, dass er dort arbeitet.

Österreich verlangt keinen Test

René Huber muss sich nicht wöchentlich testen lassen, da er seinen Wohnsitz in Deutschland hat. Laut Auskunft der Wirtschaftskammer Kitzbühel, muss er sich auch nicht testen lassen, wenn er für Aufträge in Deutschland arbeitet.

Anhand der Zahlen hat der Landkreis Traunstein gerade mit einem stärkeren Infektionsgeschehen zu kämpfen, als die Nachbarn über der Grenze: Am Freitag lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 97 in Tirol und 139,9 im Landkreis Traunstein.

Die Regelung

Grenzgänger und Grenzpendler müssen ab dem 18. Januar 2021 in jeder Kalenderwoche, in der mindestens eine Einreise stattfindet, einmal über einen Nachweis verfügen und diesen auf Anforderung der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde vorlegen. Ein bereits vorhandener Nachweis ist bei Einreisen mitzuführen. Weitergehende Testpflichten (zum Beispiel. nach Aufenthalten in Hochinzidenz- bzw. Virusvarianten-Gebieten) bleiben unberührt. Quelle: BayMe

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