100 Tage im Amt: Reit im Winkler Bürgermeister Schlechter zieht Bilanz

Matthias Schlechter ist neu gewählter Bürgermeister in Reit im Winkl.
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Matthias Schlechter ist neu gewählter Bürgermeister in Reit im Winkl.
  • vonMartin Tofern
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Reit im Winkl – Matthias Schlechter (CSU) wurde als einziger Kandidat mit einem Stimmenanteil von 85,4 Prozent zum Bürgermeister gewählt. Der Bankkaufmann ist in Reit im Winkl aufgewachsen und wurde 2008 in den Gemeinderat gewählt. Im Januar 2019 übernahm er das Amt des 2. Bürgermeisters. von Bau- und Wertstoffhof. Nach hundert Tagen im Amt hat die Chiemgau-Zeitung mit ihm gesprochen.

Herr Schlechter, waren Sie persönlich gut auf das Amt des Bürgermeisters vorbereitet, oder gab es Dinge, die Sie überrascht haben?

Matthias Schlechter: Ich kann meine Vorbereitung auf das Amt schlecht beurteilen, da es doch ein großer Schritt aus meinem früheren Beruf war. Was ich aber sagen kann, ist, dass mich noch nicht wirklich viel überrascht hat. Über Langeweile würde ich nicht klagen. Ich freue mich über viele, die mir Glück und Kraft im neuen Amt wünschen. Natürlich ist nicht jedes Thema oder jedes Gespräch positiv, aber das wusste ich.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat?

Schlechter:Ich denke, wir arbeiten gut zusammen. Die Mischung aus neun neuen und fünf alten Gemeinderäten bringt mit sich, dass sowohl Erfahrung als auch Offenheit und neue Denkweisen im Gremium vertreten sind. Weiterhin gibt es kein Fraktionsdenken, was unseren Gemeinderat schon in den letzte zwölf Jahren ausgezeichnet hat. Ich versuche die Ratsmitglieder gut zu informieren.

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Haben Sie schon etwas von dem angehen können, was Sie sich vorgenommen haben?

Schlechter: Wir führen das begonnene „Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzept“ (ISEK) fort, das uns Handlungsweisen für die nächsten zehn bis 15 Jahre an die Hand geben soll. Was neue Projekte betrifft, so halte ich es so, wie ich es mir vorgenommen habe: Ich wollte die ersten 100 Tage abwarten und ins Amt kommen. Mit rund 40 Mitarbeitern, dem Tourismus, den technischen Betrieben und nicht zuletzt der Thematik der Corona-Krise ist viel genug zu tun. Nur plakativ Wahlkampfziele umsetzen steht nicht an erster Stelle.

Auch Reit im Winkl verfügt über zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Wie wollen Sie das ändern?

Schlechter: Wir sind in guten Gesprächen mit regionalen Investoren, die bezahlbaren Wohnraum zur Vermietung errichten wollen. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Wochen eine entsprechende Bauplanung im Gemeinderat behandeln können. Darüber hinaus prüfen wir – immer im Zusammenhang mit dem ISEK  – ob ein Familienansiedlungsmodell in die Zeit und vor allem in die Finanzierungsmöglichkeiten von Bauwerbern passt. Auch hier laufen Gespräche.

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Welche Themen stehen sonst noch auf der Agenda?

Schlechter: Bei uns laufen große Baustellen zum Hochwasserschutz, vor allem die Ereignisse in den letzten Tagen zeigen wieder die Notwendigkeit, auch wenn Reit im Winkl diesmal gut davon gekommen ist. Wir möchten im nächsten Jahr die Winklmoosalm an die gemeindliche Wasserversorgung anschließen. Die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise sind noch nicht klar, wir überprüfen gerade unsere Investitionsmaßnahmen. Touristisch läuft es zwar derzeit gut, aber die Ausfälle des Spätwinters und im Frühjahr sind noch lange nicht wieder eingeholt.

Reit im Winkl lebt zum großen Teil vom Tourismus. Ist diese Abhängigkeit nicht gefährlich?

Schlechter: Wenn wir weiterhin unser Angebot stärken und ein modern aufgestellter, sportlich-ambitionierter Familien-Tourismusort bleiben, und uns noch entwickeln, ist es unsere Chance für viele, ihr Einkommen im Heimatort oder sogar im eigenen Haus zu bestreiten. Laufend bekommen wir Bauanträge, die statt fest vermieteten Wohnungen lieber in Ferienwohnungen investieren. Natürlich hätten wir gerne mehr Gewerbe, das zum Ort passt, aber das ist nicht leicht zu finden, bzw. es muss uns finden. Weil man in unserem wunderbaren Ort – sicherlich auch durch den Tourismus – alles findet, was insbesondere für Familien wichtig ist.

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Viele Gemeinden in Oberbayern beklagen, von Touristen überrannt zu werden. Auch Reit im Winkl?

Schlechter: Wir erkennen keinen „Overtourism“, wie das viele im bayerischen Oberland oder im Umfeld von München derzeit feststellen. Wir sind natürlich sehr tourismusintensiv aufgestellt, aber das passt gut. Siehe letzter Punkt.

Welches Thema ist Ihnen sonst noch wichtig?

Schlechter: Dass wir im Ort weiterhin zusammenhalten und miteinander reden, bevor man sich auseinander bewegt.

Wie fühlt sich das Amt inzwischen an?

Schlechter: Ich gehe ausnahmslos jeden Tag sehr gerne ins Rathaus, die Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Das hängt natürlich mit den Mitarbeitern in Verwaltung, Tourist-Info und den Technischen Betrieben Bauhof, Wasser- und Klärwerk zusammen, die mir den Einstieg leicht gemacht haben. Ich fühle mich aber nicht als „Oberhaupt“ der Gemeinde, eher als „leitender Mitarbeiter“.

Das sagt der 2. Bürgermeister:

„Sein Vorteil ist, dass er aus 12 Jahren im Gemeinderat die Politik der letzten Jahre sehr gut kennt“, sagt Florian Weiss, 2. Bürgermeister von Reit im Winkl. Schlechter habe das Amt aber in einer sehr schwierigen Situation übernommen. Wie sich die Corona-Krise auswirken werde, könne noch niemand abschätzen, sagt Weiss. Zudem lobt er den Führungsstil im Reit im Winkler Gemeinderat. „Wir denken nicht in Fraktionen, schon beim vorherigen Bürgermeister. Herr Schlechter setzt das fort“, sagt Weiss. Aus seiner Sicht habe dies viele Vorteile für Reit im Winkl.

Interview: Tofern

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