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Masern-Impfpflicht bleibt: Bundesverfassungsgericht weist Eltern-Klagen ab

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Erinnerungen an den 2. Weltkrieg

Sterne über Kiew – Bernauer Rotkreuzschwester erinnert sich

Elisabeth Engasser in ihrer Uniform als Rotkreuzschwester.
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Elisabeth Engasser in ihrer Uniform als Rotkreuzschwester.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Krieg hautnah – das hat Elisabeth Engasser, die später in Bernau lebte, in Kiew im Zweiten Weltkrieg erlebt. Die OVB-Heimatzeitungen über ein besonders Dokument und eine berührende Geschichte, die Gänsehaut macht.

Bernau – „Ich wußte nicht, was da auf mich zukam. Man kann es nicht schildern, und heute will es auch keiner mehr hören.“ Krieg war schon immer schrecklich. So ging es auch Elisabeth Engasser, die im Zweiten Weltkrieg als Rotkreuzschwester arbeitete. Zwei Jahre war sie in der Ukraine im Einsatz.

Der Einmarsch Russlands in Kiew hat Elisabeth Engassers Sohn Gerald dazu bewogen, die schriftlichen Erinnerungen den OVB-Heimatzeitungen zur Verfügung zu stellen. „Ab August 1940 war meine Mutter war als Nachrichtenhelferin in Paris. Der Ukraine-Einsatz begann im Sommer 1942 und endete, nach langer Rückfahrt, im April 1944“, sagt Gerald Engasser.

Das süße Leben in Frankreich

Auf zehn Seiten hat seine Mutter diesen Abschnitt ihres Lebens dokumentiert. Liest man von ihrer Zeit in Paris, wo sie vor der Ukraine stationiert war, hört es sich fast wie Urlaub an: „ Den EIfenturm bestiegen wir zu Fuß. Ich besuchte am Mittwochnachmittag gerne das Kinderballett in der Oper, ging aber auch gern abends in die Oper“, heißt es in dem Bericht.

Doch der Krieg ging im Hintergrund weiter, und das war auch Engasser bewusst: „Aber auf einmal erwachte ich und dachte nach, was ich hier eigentlich tat.“

So ging es für Engasser nach Kiew. Nach der schönen Zeit in Paris und Zwischenstationen in Deutschland, ist die Ankunft in der Ukraine ein Schock: „Unser erster Eindruck war sehr makaber. Ein Leichenzug, in dem die Leichen offen aufgebahrt getragen wurde, das war für uns erschreckend.“

Allein der Gedenke, dass sie in Russland ist, war für die junge Frau kaum zu glauben. Die erste Nacht verbringt sie mit ihren Kolleginnen auf dem Boden eines leeren großen Hauses. Kiew war kaum beschädigt und anfangs ist noch nicht so viel zu tun.

Doch es dauert nicht lang, bis der Vernichtungskrieg auch in Kiew immer näher rückt. Engasser beschreibt das so: „Ich wusste nicht, was da auf mich zukam. Man kann es nicht schildern, und heute will es auch keiner mehr hören.“ Für die junge Frau, die 1918 geboren worden war, ist die Situation fürchterlich.

Lieber Erfrierungen als Krieg

„Man kann es auch nicht schildern, welch furchtbare Verbundungen wir versorgten, die vielen Amputationen, diese Wunden, dieses Leid, man musste wirklich sehr stark sein, um das alles zu ertragen“, schreibt Engasser in ihren Erinnerungen. Wie groß die Verzweiflung bei den Soldaten ist, bekommt sie hautnah mit: „Viele Erfrierungen bekamen wir, und da gab es Fälle, die hatten sich Wasser in die Stiefel geschüttet, um nicht wieder in den Krieg zu müssen.“

Dennoch hängt sie an ihrer Aufgabe. „Ich war sehr gerne Schwester, mit Leib und Seele.“ Trotz des Leids, sieht sie in erster Linie, dass sie Schmerzen lindern und helfen kann. Und sie erlebt Momente der Menschlichkeit. Denn im Lazarett in Kiew arbeiten auch Russinnen, „die uns eine große Hilfe waren“. Obwohl sie der Feind waren. Engasser weiß um das Leid der Russen: „Brot war für die Bevölkerung sehr knapp.

Ich glaube, wenn sie nicht die Sonnenblumenkerne gehabt hätten, wäre mancher Russe verhungert.“ Ihre Verzweiflung ist zwischen den Schreibmaschinenzeilen spürbar. „Ja, das war der grausame Krieg und immer wieder Krieg“, schreibt Engasser. Und weiß damals noch nicht, dass 80 Jahre später Russland in einem Krieg die ukrainische Zivilbevölkerung tötet. „Wir pflegten auch 600 Russen. Es waren die Hiwis, sie kämpften auf deutscher Seite“, schreibt Engasser.

Was ihr gut tut: Der Sternenhimmel über Kiew. „So viele Sterne hatte ich in Deutschland noch nie gesehen.“ Und die Achtung der Russen: „Eine Sistra war keine Feindin. Alte Frauen wollten uns oft den Rocksaum küssen.“ An freien Tagen geht sie am Dnejpr spazieren oder ins Kino: „Auch in die Oper konnte man gehen, aber alles nur für Deutsche. Die Not ist so groß in Kiew, dass Engasser alle Lebensmittelmarken spart und sich auf Heimurlaub eindeckt, um „Kekse, Kaffee, Zigaretten, Eier und Öl“ nach Kiew zu bringen.

20 Eier mit Wodka zur Stärkung

„Auch unsere Verwundeten vergaßen wir nicht. Wir brauten einen Gesundcocktail zusammen. 30 Eier mit Wodka vermischet, das war ein kräftiger Trunk, vor allem für unsere Schwerverwundeten“, schreibt Engasser.

Weihnachten 1943 verbringt sie im Kiewer Lazarett. Genau um Mitternacht schlägt der Alarm, ein Transport aus Stalingrad mit 500 Verwundeten: „Wie sahen diese armen Männer aus. Verdreckt, nur notdürftig verbunden mit Gipsen, indenen Wanzen, Läuse und Flöhe hasten.“ 36 Stunden lang operieren Engasser und ihre Kollegen, vielen Soldaten müssen die Beine amputiert werden. Für Engasser ist es die schlimmste Nacht in ihrer ganzen Kriegszeit. In einem Saal stapeln sich die Pakete, die eigentlich an die Soldaten in Stalingrad adressiert waren. Aber es kommen keine Soldaten mehr zurück aus Stalingrad: „Es war furchtbar. Die Briefe, die in den Päckchen lagen, wir mussten sie vernichten.“ Von anderen Orten an der Front kommen dafür um so mehr Krankentransporte. Deutschland ist dabei, den Krieg zu verlieren, und das merkt man auch im Lazarett. Eine immense Belastung: „Wenn ich heute die Schwestern jammern höre, dann frage ich mich, wie wir das alles schaffen konnten. Arbeitszeiten gab es für uns keine, es war Krieg.“

Ab 16. Juni 1943 wird Engassers Lazarett aufgelöst. „Wir mussten ohne unsere Verwundeten aufbrechen und wir wollten uns weigern. Aber es half nichts“. Die Russen schlagen zurück, die Rückfahrt ist nicht ungefährlich. In Polen wird Engasser schließlich arbeiten, bis sie am 6. April 1944 schließlich wieder in Deutschland eintrifft.

Der Wahnsinn ist zu Ende

Sie macht weiter als Schwester. Der Krieg erreicht sie nicht nur im Lazarett, Engasser erlebt Bombenangriffe in Rosenheim, wo sie in der Nähe des Bahnhofs lebt. Schließlich endet der Krieg. „Nun war dieser Wahnsinn zu Ende. Was nun fragte ich ich? Wie sollte nun das Leben weitergehen.

Über Elisabeth Engasser

Elisabeth Engasser wurde am 1. November 1918 geboren und verstarb am 12. August 2006, sie ist in Prien begraben. Sie war eines von vier Kindern des Forstmeisters Alois Vogl und seiner Ehefrau. In der 1930er und 1940er Jahren war Alois Vogl Forstmeister in Rosenheim, er war auch für den Chiemgau zuständig. Die Familie wohnte im Forstamt in der Bahnhofstraße. Alois Vogl verstarb 1955.

Engasser heiratete 1949 den aus dem Elsass stammenden Schriftsteller Quirin Engasser, der von 1956 bis 1978 das Volksbildungswerk/ die Volkshochschule in Prien leitete. Die Familie lebte bis 1959 in Rimsting, dann in Bernau.

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