Wunder der Natur: Tümpel im Geigelsteinmassiv sind plötzlich blutrot

Nahe der Roßalm ist ein kleiner Tümpel von Algen rot eingefärbt.
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Nahe der Roßalm ist ein kleiner Tümpel von Algen rot eingefärbt.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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  • Sybilla Wunderlich
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Blutrote Tümpel mitten in sattgrünen Wiesen, darüber ein blau-weißer Himmel: Das Ganze ist derzeit auf der Roßalm im Geigelstein massiv zu finden. Sieht die Rotfärbung gruselig aus, gehört sie doch zum Ökosystem.

Schleching – Was wie ein Tatort aussieht, hat nichts mit Gewalt zu tun. Dennoch irritiert es Wanderer und auch die Tiere. Denn wenn sich die Weiher rot färben, meiden die Tiere das Wasser.

Für den Pächter der Roßalm Josef Gröbmeyer sind die roten Gewässer nichts Neues. „Wir erleben das jedes Jahr, dass sich die Lacken gegen Ende des Sommers einfärben.“ Die Almtümpel – in Bayern „Lacken“ genannt – werden nur von Regen und im Winter von Schnee gespeist. Im Frühjahr laichen dort zahlreiche Bergmolche, außerdem trinken Almvieh und Wild dort. Jetzt ist das anders.

Das Rote Augentier sorgt für die Farbe

Die Roßalm am Geigelstein liegt auf einer Höhe von 1650 Metern und ist damit die höchstgelegene Alm in Oberbayern. Altbürgermeister Fritz Irlacher ist Experte für die Natur am Geigestein. Er kann den Fall aufklären: Der Blutsee entsteht durch die Algenform Euglena Sanguinea, auch unter dem Namen Rotes Augentier bekannt. Diese Alge färbt das Wasser im Tümpel rot ein.

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Warum die Rotfärbung notwendig ist, erklärt Dr. Thomas Bittl, Biologe am Wasserwirtschaftsamt Rosenheim: „Das rote Augentier schützt sich durch den roten Farbstoff vor der UV-Strahlung.“ In höheren Lagen komme es durchaus öfters vor, dass sich Gewässer rot einfärben. Die Algen nutzen dazu ein Carotinoid, das sie aussschütten: „Das ist eine Art Sonnencreme für das Rote Augentier.“

Protisten können zweierlei

Von einem Algenbefall könne man eigentlich nicht sprechen, sagt Bittl. Denn auch sie sind unabdingbare Bestandteile des Ökosystems. Streng genommen sei das Rote Augentier auch keine Alge, sonder ein sogenannter Protist, sagt Bittl. Im Gegensatz zu Algen können diese nicht nur Fotosynthese betreiben und sich von Licht ernähren, sondern nehmen auch zusätzliche Nährstoffe auf.

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Neben dem Protisten sind auch zahlreiche andere Elemente Bestandteil des Ökosystems auf der Alm. Durch den sehr sauren Boden ist eine große Artenvielfalt entstanden, sagt Irlacher. Bis zum Weideverbot 1990 wuchsen dort hektargroße Flächen mit dem gelben Tüpfel-Enzian, die dann durch die fehlende Beweidung von Blaubeeren und Latschen überwuchert wurden.

Algen gehören zum Ökosystem

Seit zwei Jahren darf das Gebiet wieder beweidet werden und die seltenen Pflanzen kehren langsam zurück. Die vom Almvieh verursachten Trittspuren, die von manchen Naturschützern missbilligt werden, dienen geradezu als Höhle und Unterschlupf für die Bergmolche, erklärt Irlacher.

Das Gestein wird in der Geologie „Flysch“ und „Lias“ genannt und zeugt von einer Meeresvergangenheit. „Wie im Wattenmeer findet man dort noch Bänke mit Miesmuscheln. Sie gehören zu den Kössener Schichten, eine weltbekannte, sehr fossilienreiche Gesteinsschicht“ führt Irlacher weiter aus.

Klimawandel führt zu mehr Algen

Bei Algen denkt man erst mal an etwas Unapetittliches, das mit schlechter Wasserqualität zu tun hat. Dem widerspricht Bittl, denn Algen seien ein normaler Bestandteil des Ökosystems. So auch auf der Roßalm. Beate Rutkowski vom Bund Naturschutz sieht den Algenbefall in hiesigen Gewässern dennoch mit Sorge: „Die Algen mögen feucht-warmes Wetter und Stickstoff.“ Mit dem Klimawandel sei mit mehr Hitzeperioden zu rechnen und somit auch mehr Algen, da sich die Gewässer ebenfalls stärker aufwärmen.

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