„Seit sechs Monaten geht nichts voran“

Tierwohl: Eine Bernauer Landwirtin kämpft mit der Bürokratie und absurd anmutenden Auflagen

Sie haben den mobilen Hühnerstall schon mal bestellt: Landwirtin Mariele Simon (links) und ihre Tochter Franziska hoffen, dass die bürokratischen Hürden auf dem Weg zu mehr Tierwohl bald aus dem Weg geräumt sind.
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Sie haben den mobilen Hühnerstall schon mal bestellt: Landwirtin Mariele Simon (links) und ihre Tochter Franziska hoffen, dass die bürokratischen Hürden auf dem Weg zu mehr Tierwohl bald aus dem Weg geräumt sind.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Viele Landwirte stecken fest in der Warteschleife, wenn es um die Umsetzung von gesetzlichen Maßnahmen geht, die eigentlich dem Tierwohl dienen sollen. Bürokratie und teils absurd anmutende Auflagen behindern sie. Der Bauernverband macht derweil Druck in Berlin.

Bernau/Rosenheim –  Wem qualitativ hochwertige, regionale Lebensmittel am Herzen liegen, der kommt am Tierwohl nicht vorbei. Für jenes sind die Erzeuger verantwortlich. Doch wie das Beispiel von Alois und Mariele Simon, die den Sepp´n-Hof in Bernau betreiben, zeigt, haben die Bauern bei der Umsetzung von Maßnahmen für mehr Tierwohl nicht selten mit bürokratischen Hindernissen zu kämpfen.

Eine Haupteinnahmequelle der Bernauer Landwirtsfamilie ist ihr Hofladen. Hier gibt es unter anderem Schweinefleisch aus eigener Haltung und Eier. Für ihre Schweine und Hühner wollen die Simons noch mehr Lebensqualität schaffen: Für Erstere planen sie einen offenen Stall mit Auslauf und wollen dafür eine vorhandene Lagerhalle nutzen. Die Hühner, derzeit 100, sollen einen mobilen Stall bekommen sowie 100 weitere Kolleginnen.

Am Anfang stehtein teures Gutachten

Genußscheine soll es für die Kunden künftig geben; ein durchdachtes Konzept steht dahinter. Dass die Kreditlast sicher noch von der Hofnachfolge, der 28-jährigen Tochter Franziska, abgetragen werden muss, davon lassen sich die Simons nicht bremsen.

Das tut nämlich schon de Bürokratie, von denen sich die Familie „zunehmend gegängelt“ fühlt. „Seit sechs Monaten geht nichts voran“, bedauert Mariele Simon. Denn obwohl im Außenbereich gelegen und hunderte Meter vom nächsten Nachbarn entfernt, müssen sie ein Emissionsgutachten erstellen lassen – Anwohner fürchten Geruchsbelästigung durch die frei laufende Schweine. 5000 Euro kostet das. Ergebnis: Die Geruchs-Emissionen rangieren weit weit unter den strengen Auflagen des Umweltschutzes, der neue Stall sei besser für die Tiere als der bisherige. Nun heißt es warten aufs Landratsamt.

Greifvogel-Landeplätze da, wo Hühner leben sollen

Dort liegen auch die Pläne für den mobilen Hühnerstall zur Prüfung. Zur großen Verwunderung der Simons verlangt das Amt auf Basis der Gesetzeslage die Eingrünung der Wiesenflächen.

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„Erstens wachsen auf diesen Flächen bereits Gehölze. Und zweitens ist es doch Unsinn, ringsum Hecken zu pflanzen, weil unsere Hühner mit dem Stall ja alle 14 Tage umziehen müssen“, beschreibt Simon. Absurd sei das, aber die Sachbearbeiterin im Amt könne ja auch nichts dafür. Und so pflanzen die Simons demnächst eben Hecken, um endlich an die ersehnte Genehmigung zu kommen: „Ich habe aber die Befürchtung, dass mir die Hecken am Wiesenrand die Tiere zu nah an die Straße locken. Gerade Hühner suchen sich nämlich gern einen Unterschlupf.“

Gar nicht nachvollziehen kann Simon die Auflage, Hochstämme für Greifvögel auf den Wiesenflächen zu platzieren – ausgerechnet da, wo Hühner leben sollen. „Das findet selbst das Amt weltfremd.“ Manchmal, sagt Simon, beschleiche sie der Gedanke „warum tun wir uns das alles noch an?“

Verband setzt sich in Berlin ein

Die Bernauer sind kein Einzelfall: Laut Deutschem Bauernverband (DBV) geraten viele Landwirte an ihre Grenzen, wenn es darum geht, ihren Hof in die Zukunft zu führen. Meist sind es jene Maßnahmen, die der Gesetzgeber selbst fordert, welche die größten Sorgen bereiten und Zeit verschlingen.

Und das, obwohl Landwirte im Schnitt bereits 32 Stunden pro Monat am Schreibtisch verbringen, um all die Auflagen, Nachweispflichten und Kontrollen in ihren Betrieben zu bewältigen. Tendenz: steigend.

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„Riesenprobleme“ gebe es mit der Bürokratie bisweilen, und jeder Fall sei individuell zu betrachten, weiß Josef Steingraber, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands in Rosenheim. Er rät Landwirten, sich bei kniffligen Bau-Fragen und Amts-Verdruss an den Verband zu wenden, der fast immer vermitteln könne und beratend zur Seite stehe.

Aber er hat auch eine gute Nachricht für die hiesigen Landwirte: „Kürzlich sind der deutsche und der bayerische Bauernverband mit dem Bauausschuss im Deutschen Bundestag zusammen gekommen. Besonders in der Frage, wie Gesetzeshemmnisse beim Stallbau im Außenbereich abgebaut werden können, soll es bald vorangehen“, schildert Steingraber. Besonders bei Bauten, die dem Tierwohl dienen, trete der BBV vehement für Bürokratieabbau ein.

Verband nimmt Landratsamt in Schutz

Hinderlich sei in vielerlei Hinsicht vor allem das Baurecht, das gerade kleinteilig organisierten Landwirte oder solchen im Orts-Innenbereich das Leben schwer mache. Vom Papierkram und langwierigen Genehmigungsverfahren bei regionalen Ämtern ganz zu schweigen. Aber: „Das Landratsamt selbst kann nichts dafür“, so Steingraber, „es muss die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben überwachen.“

Ob die Politik schnell genug auf die BBV-Forderungen reagiert, damit auch die Pläne der Simons bald Realität werden können, ist im Moment unklar. Marlies Simon will sich nicht unterkriegen lassen: „Den mobilen Hühnerstall habe ich jetzt einfach schon mal bestellt“, sagt sie, denn auch hier heißt es erst mal warten. Lieferzeit: Im Frühjahr 2021.

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