Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


ERZKONSERVATIVES OBERBAYERN?

„Gesellschaftlich kein Makel mehr“ - So geht es Schwulen und Lesben im Achental

Anja Hänig (links) und Bettina Schramm sind nicht nur Lebenspartnerinnen, sondern auch Geschäftspartnerinnen: Sie betreiben ein Fitnessunternehmen, das sie gemeinsam aufgebaut haben.
+
Anja Hänig (links) und Bettina Schramm sind nicht nur Lebenspartnerinnen, sondern auch Geschäftspartnerinnen: Sie betreiben ein Fitnessunternehmen, das sie gemeinsam aufgebaut haben.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
    schließen

Zwiebeltürme und Trachtenverein statt Clubszene und Christopher Street Day. Die Chiemgau-Zeitung ging der Frage nach, ob Homosexualität noch ein Tabu im Chiemgau ist. So geht es Schwulen und Lesben im Achental.

Achental – Die Bars im Münchner Glockenbachviertel sind kunterbunt, Homosexualität wird dort offen gelebt. Am Christopher Street Day zelebriert sich die Szene teils schrill und mit dröhnender Musik. Im beschaulichen Achental hingegen sind es meist katholische Feiertage, die die Menschen in Festg’wand auf die Straße locken und von Blasmusik untermalt werden.

Ob das Achental wirklich so konservativ ist, wie es auf den ersten Blick scheint, darüber sprach die Chiemgau-Zeitung mit homosexuellen Paaren aus der Region.

Lesen Sie auch:

„Rückständige Institution“: Homosexueller Ladenbetreiber zieht drastische Konsequenzen

Der Traunsteiner Josef Parzinger (56) ist in Unterwössen Lehrer an der Mittelschule. Und verheiratet mit einem Mann. Es klingt unbeschwert, wenn Parzinger davon erzählt: „Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich Probleme angehe, wenn sie anstehen.“

Dennoch dauerte es, bis er 29 war, dass er sich bei seiner Mutter outete. „Da hab ich meine Schwester vorgeschickt, muss ich zugeben“, sagt der Lehrer.

Als sich Parzinger gegenüber ein Schüler als schwul geoutet und er ihn über seine eigene Homosexualität in Kenntnis gesetzt hatte, sei ihm bewusst geworden, dass er auch den Rest der Klasse informieren müsse.

Neugierige Schüler

Er outete sich 2001. Denn Schüler seien eben neugierig. „Mir war immer wichtig, dass ich nicht lüge“, betont der Traunsteiner. Parzinger überlegte sich eine Strategie, stellte zunächst im Klassenzimmer ein Bild von seinem heutigen Mann und damaligen Partner auf.

„Das hat schnell die Runde gemach. An einem Tag haben meine damalige Klasse und ich uns Zeit genommen und darüber geredet“, erzählt der Lehrer.

Keine Vorbilder

Ein homosexueller Lehrer – so ein Vorbild fehlte Stefan Kattari (38), der in Marquartstein zur Schule ging. „Ich wusste eigentlich schon in der 6. Klasse, dass ich schwul bin“, erzählt Kattari. Dennoch dauerte es noch bis in seine Studentenzeit, ehe sich der heutige Grassauer Bürgermeister (SPD) outete.

„Mir haben damals auch einfach Vorbilder in meinem Umfeld gefehlt“, sagt der 38-Jährige. Eine große Last sei von ihm gefallen, als er seinem Umfeld mitgeteilt habe, dass er eben nicht auf Frauen, sondern auf Männer stehe. Seit zwölf Jahren ist Kattari mit seinem Partner, der auch Stefan heißt, zusammen, inzwischen auch verheiratet.

Lesen Sie auch: US-Rapper fühlt sich nach Coming-Out „selbstbewusster“

Diese Tatsache wollte er im Wahlkampf weder betonen noch verschweigen. Sein Mann Stefan sagt dazu: „Es geht darum, dass er ein guter Bürgermeister ist, nicht dass er ein schwuler Bürgermeister ist.“

In der Gemeindezeitung standen sie noch unter der Rubrik Brautpaare: Stefan Kattari (rechts) und sein Ehemann Stefan Unterhuber.

Tatsächlich waren die beiden das erste gleichgeschlechtliche Paar, das in Grassau eine Lebenspartnerschaft eingegangen ist, sagt Kattari. In der Gemeindezeitung seien sie noch mit Foto in der Rubrik „Brautpaare“ veröffentlicht worden, erzählt er lachend. Seitdem sind in Grassau bereits zwei gleichgeschlechtliche Partnerschaften und zwei Ehen in Grassau geschlossen worden.

Gleichgeschlechtliche Trauungen

Keine Ausnahme mehr im Chiemgau, wie der Standesbeamte aus der Gemeinde Reit im Winkl, Bernhard Plank, erzählt. „Besonders eine Hochzeit von zwei Frauen ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Anfangs war es etwas ungewohnt, muss ich zugegeben“, sagt Plank.

Aber die Hochzeit sei so herzlich und fröhlich gewesen, das erlebe er nicht aller Tage: „Dass sich zwei gern haben, darauf kommt es an.“

Lesen Sie auch: Ex-Mönch Anselm Bilgri heiratet seinen Lebensgefährten

Gern haben sich auch Bettina Schramm (29) und Anja Hänig (46), die in Raiten leben und ebenfalls heiraten wollen. Das lesbische Paar hatte sich in der Pfalz kennengelernt und zog im ersten Lockdown ins Achental. Inzwischen fühlen sich die Frauen dort pudelwohl.

„Wir haben nicht das Gefühl, dass wir extrem oft angeschaut werden und getuschelt wird“, sagt Hänig. Zwar gebe es mal Blicke, weil das Paar auch einen deutlichen Altersunterschied aufweist. Als deutlich offener als in der Pfalz empfinden die beiden ihr Umfeld.

Leben und leben lassen

„An der Liberalitas Bavariae, leben und leben lassen, ist schon was dran“, sagt Parzinger. Dieses Missverständnis, dass Bayern rückständig und übertrieben konservativ sei, müsse er oft geraderücken. Etwa wenn er jedes Jahr an Pfingsten zu einem bundesweiten Treffen von homosexuellen Lehrern nach Göttingen fahre.

Weder im Kollegium, noch mit den Eltern habe es bei Parzinger größere Probleme in Hinblick auf seine Homosexualität gegeben. Bis auf einen Vorfall. Eine Schülerin und ihre Mutter lehnten vehement eine Klassenfahrt nach München ab. „Die haben mir unterstellt, ich würde nur wegen meines Freundes nach München fahren wollen“, sagt Parzinger.

Denn sein heutiger Mann lebt in München, die beiden führten schon damals eine Fernbeziehung. Ob überhaupt Ressentiments gegen Schwule dahinterstecken, weiß Parzinger nicht so genau. Rückhalt bekam er damals von Kollegen, von vielen Eltern und auch von seinen Vorgesetzten. Heute sei das überhaupt kein Thema mehr, dass er schwul sei.

„Man darf schwul sein“

Die Erziehungsberaterin Ursula Lutzenberger vom Familienstützpunkt im Landkreis Traunstein kann das bestätigen. „Heutzutage darf man auch im Landkreis Traunstein schwul sein. Es hat sich auf alle Fälle viel verändert in den vergangenen Jahren“, sagt die Sozialpädagogin, die auch an der Außenstelle in Grassau arbeitet.

Früher habe sie Coming-Outs noch deutlich öfter begleitet. „Gesellschaftlich ist das kein Makel mehr“, sagt Lutzenberger.

Dunkelziffer unbekannt

Es klingt fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Doch sie weiß von einer Dunkelziffer von Jugendlichen, die sich trotz allem nicht trauen, zu ihrer Homosexualität zu stehen. Auch Kattari kennt solche Fälle, die sich teilweise ihm gegenüber zu erkennen geben, gegenüber der Öffentlichkeit aber nicht.

„Da steht dann ein g’standenes Mannsbild als Amtsperson im Trachtenjanker irgendwo im Landkreis vor einer Vereinsversammlung, ohne dass jemand weiß und wissen soll, dass er schwul ist“, sagt Kattari. Viel Mitgefühl habe er, weil er sein eigenes Outing als große Befreiung empfunden habe.

Das Segnungsverbot der Katholischen Kirche

Die Glaubenskongregation der katholischen Kirche lehnte kürzlich in einem Schreiben die Segnung homosexueller Paare sehr nachdrücklich ab. Auf „pastorale Klugheit“ bei der Entscheidung der Glaubenskongregation hätte der Grassauer Pfarrer Andreas Horn gehofft und zeigt sich nicht begeistert von der Stellungnahme des Vatikans.

Bislang hatte er aber noch keine Anfrage von einem homosexuellen Paar für eine Segnung. Bei einem berechtigten Interesse sieht er allerdings keinen Hinderungsgrund für eine solche Segnung. „Es an die große Glocke hängen möchte ich allerdings nicht“, so der Geistliche.

Pfarrer Martin Straßer von der Kirchengemeinde Oberes Achental wollte sich auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung nicht zur Segnung von Homosexuellen äußern. Er verweist auf die Stellungnahme von Kardinal Marx von der Erzdiözese München-Freising. Der sagte im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk, dass eine homosexuelle Beziehung sei nicht gleichzusetzen mit einer Ehe zwischen Mann und Frau.

Dennoch müsse man über alles reden, so der Kardinal: „Ob die homosexuelle Beziehung, die wirklich in Liebe gelebt wird, in der man füreinander da ist, in Treue, nicht auch einen guten Wert hat und haben kann, das muss man sicher noch weiter diskutieren. Und da denke ich, ist das nicht das letzte Wort darüber nachzudenken.“

Nach Auskunft der Pressestelle der Erzdiözese München-Freising gilt nach wie vor die Position von der Katholischen Glaubenskongregation aus dem Jahr 1986. Darin hatte der Papst ausgeführt: „Was die Pläne betrifft, die Verbindungen zwischen homosexuellen Personen der Ehe gleichzustellen, gibt es keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn.“

Der damalige Autor und Präfekt der Glaubenskongregation war Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt.

Paragraf 175

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches galt bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Insgesamt wurden etwa 140000 Männer nach den verschiedenen Fassungen des § 175 verurteilt. Am 1. September 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragrafen.

Die Bundesrepublik Deutschland hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen aus der Zeit des Nationalsozialismus fest. 1969 kam es zu einer ersten, 1973 zu einer zweiten Reform. Seitdem waren nur noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar, wogegen das Schutzalter bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen bei 14 Jahren lag.

Erst nach der Wiedervereinigung wurde 1994 der § 175 auch für das Gebiet der alten Bundesrepublik ersatzlos aufgehoben. Quelle: LSVD

Mehr zum Thema

Kommentare