Pfarrer erreicht Verlängerung des Visums

"Es hat sich nichts geändert im Alltag"

Pfarrer Dieter Hornemann (Mitte) kümmert sich um Adrian Lutsenko und Anastasia Mazur, die beiden Au-pairs aus der Ukraine.  Foto  Plützer
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Pfarrer Dieter Hornemann (Mitte) kümmert sich um Adrian Lutsenko und Anastasia Mazur, die beiden Au-pairs aus der Ukraine. Foto Plützer

Prien - Zurück in seiner Heimat, der Ukraine, würde er sofort eingezogen zum Militär. "Die Regierung rekrutiert jetzt alle Männer, die nicht Studenten sind.

Denn unser Militär ist zu klein für die Präsenz der Russen im Osten", erzählt Adrian Lutsenko aus Dnepropetrowsk. Als Au-pair kam der damalige Student im November vergangenen Jahres nach Prien.

Er wollte ein Freisemester nehmen, um besser Deutsch zu lernen. Denn er hat einen großen Berufswunsch: Er würde gerne Pilot werden. Deswegen studierte er Flugzeugbau. Doch inzwischen wurde er exmatrikuliert. "Ich habe meinen Professoren zu wenig Weihnachtsgeschenke gemacht", flüchtet er sich in Sarkasmus. Sechsmal sei er allein durch eine Prüfung gefallen, weil er sich weigerte, Schmiergeld zu zahlen. "Es hat sich nichts geändert in unserem Alltag seit unserer Revolution auf dem Majdan vor einem Jahr. Denn die Politiker sind immer noch dieselben", sagt der 19-Jährige.

Die 22-jährige Nastia Mazur aus Kiew hat ähnliche Erfahrungen mit der "allgegenwärtigen Korruption" in der Ukraine gemacht. Sie ist seit Januar in Prien bei einer Familie als Au-pair beschäftigt.

Sie nahm die Stelle an, weil sie ihr berufliches Ziel bereits klar vor Augen hat: Ab September wird sie in Stuttgart das Priesterseminar der Christengemeinschaft besuchen, um Priesterin zu werden. "Ich möchte die Anthroposophie zu meinem Lebensinhalt machen", sagt die junge Frau, die in ihrer Heimat Violine studierte.

Dieter Hornemann, Pfarrer der Christengemeinschaft in Prien, kennt die Beiden bereits seit ihrer Kindheit. Seit über 20 Jahren bietet er Ferienfreizeiten in der Ukraine an, begleitet den Aufbau von dortigen Gemeinden, hält Vorträge und Kontakt zu den Waldorfschulen.

Während der Zeit der Revolution stand er bei seinen Besuchen selber mit auf dem Majdan. "In der Ukraine sind Menschen, die aufgewacht sind. Es ist die schmale Mittelschicht, die Intelligenz, die diese Bewegung anführt und sich gegen Korruption auflehnt. Und man hat erleben können, dass Unendliches möglich ist, wenn Menschen aus sich heraus handeln", sagt Hornemann.

Dabei sei ihr Aufbruch in eine Demokratie noch jung. "Die Menschen werden Zeit brauchen. Sie kennen nichts anderes als Diktatur. Die Sehnsucht nach dem ,guten Zaren' sitzt tief. Ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen erscheint vielen als eine Überforderung", erläutert er die Hintergründe.

Und die gewaltigen Ausmaße der Korruption ließen viele Menschen resignieren, berichtet der Geistliche. Aber die Bewegung werde nicht mehr aufzuhalten sein, darauf hofft der Priener Pfarrer.

"Die Hoffnung liegt auf den jungen Menschen", sagt er. "Ihre Erziehung zu Freiheit ist der entscheidende Keim für eine demokratische Zukunft." Die Waldorfschulen im Land erlebten einen sehr großen Zulauf. Gleich zwei neue Schulen starten Hornemann zufolge im Herbst. Alle anderen "platzen aus allen Nähten".

"Wir haben gelernt, unsere Meinung zu sagen und dazu zu stehen", unterstreicht Adrian, der an der Waldorfschule in Dnepropetrowsk sein Abitur machte. Nastia gehörte in Kiew zu den ersten Schülerinnen der Sophia-Waldorfschule.

Dank dem Einsatz von Hornemann konnte er sein Visum in Deutschland verlängern. Im Herbst beginnt er hier eine Schreinerlehre. Zurück in die Heimat? "Das wäre schön", sagen die beiden jungen Ukrainer. "Der Krieg dort ist keine Lösung für unser Land."

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