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Das Handwerk hinter dem himmlischen Instrument

Seit 1976 werden im Musikhaus Fackler Harfen gebaut und in die ganze Welt verkauft

Musikinstrumente zu bauen und anderen die Freude an der Musik weiterzugeben, ist für Verena Rehrl das Schöne an ihrem Unternehmen.
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Musikinstrumente zu bauen und anderen die Freude an der Musik weiterzugeben, ist für Geschäftsführerin Verena Rehrl das Schöne an ihrem Unternehmen.
  • Tanja Weichold
    VonTanja Weichold
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Wussten Sie, dass eine Harfe schwanger wird? Und dass eine Konzertharfe über einer Tonne Spannung von ihren Saiten standhalten muss? Dass allein im Harfenhals 543 Einzelteile gedreht, gefräst, gestanzt, gebogen, miteinander verbunden, eingesetzt, verschraubt und einreguliert werden müssen? Die OVB-Heimatzeitungen besuchten Musikalienhändlerin Verena Rehrl in Traunstein.

Die 36-Jährige leitet das alt eingesessene Familienunternehmen „Musikhaus Fackler”. Im dritten Stockwerk der drei zusammengewachsenen, eng aneinandergeschmiegten historischen Häuser am Stadtplatz 22 bis 24, über Treppen, Schwellen und Gänge erreichbar, liegt das Herzstück: die Harfenbauerwerkstatt, in der Volksharfen (= Einfachpedalharfen), Schulharfen und Irische Harfen gebaut sowie Saiten der Marke Truxa gesponnen werden.

In 44 Jahren gingen über 5.000 Fischer-Harfen in den alpenländischen Raum, in zehn europäische Länder und in fast alle Erdteile, nämlich die USA, nach Südafrika und Saudi Arabien, Japan, Australien und Neuseeland. Jede Harfe ist nummeriert. Verena Rehrl ist stolze Besitzerin der Nummer 500, sie ist der Grund, warum ihr Großvater Karl Fischer senior die Schulharfe konstruierte. Als Sechsjährige begann Verena Rehrl das Instrument zu lernen. Heute kommt sie wenig zum Spiel, das liegt einerseits an ihrer engagierten Geschäftsführung und zum anderen an ihrem fünfjährigen Sohn.

Im Alter von 31 Jahren in fünfter Generation übernommen

Kurz vor dem Jacklturm am östlichen Ende liegt das Musikhaus Fackler mit seinen großzügigen Schaufenstern. Geigen, Gitarren, der Harpo - ein Wägelchen mit zwei Rädern für den Transport von Harfen - und vieles mehr liegen in der Auslage. Ganz klar: Hier spielt die Musik. Beim Eintreten bimmelt die Ladenglocke, zwei junge Männer unterhalten sich gedämpft, um sie herum hängen zahlreiche Gitarren an den Wänden, es gibt Fächer mit Noten und Büchern, die Atmosphäre ist angenehm und behaglich. Mit einem offenen Lächeln empfängt Geschäftsführerin Verena Rehrl ihren Besuch. Die junge Frau übernahm vor über fünf Jahren als 31-Jährige in fünfter Generation die Geschäftsleitung, sie strahlt Souveränität, eine freundliche Professionalität und Stolz auf die Familientradition aus.

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Unterstützt wird die Unternehmerin von ihrem Mann Martin, einem gelernten Banker, in der Werkstatt ist Cousin, der Klavier- und Harfenbauer Thomas Fischer, verantwortlich, und auch die Eltern Barbara und Klavierbaumeister Raimund Fischer helfen noch mit. Tante Petra Fischer spinnt in der Werkstatt Saiten. Der gelernte Kamm-Macher und musisch begabte Josef Fackler gründete im Jahre 1875 das Musikfachgeschäft. 1946 übernahm Wasserbauingenieur Karl Fischer, der auch ein Elektronikstudium durchlief, mit seiner Frau, einer Enkelin Josef Facklers, den Musikalienhandel. Er holte eine Instrumentenbaulehre und die Prüfung zum Metallblasinstrumentenmacher nach. Mit 64 Jahren, das war 1976, baute Karl Fischer seine erste Harfe. Das Angebot an Volksharfen war überschaubar, die Lieferzeiten betrugen bis zu sieben Jahre.

Allein eine Basssaite trägt etwa 37 Kilogramm Zugkraft bei

Der Tüftler profitierte von seinem Fachwissen auf dem Gebiet der Statik und Schwingungslehre und entwickelte seine eigenen Fischer-Harfen. Zahlreiche Erfindungen, Verbesserungen, Rationalisierungen und Experimente sind ihm zu verdanken, viele wesentliche Merkmale sind inzwischen Standard im Volksharfenbau. In einer Broschüre des Musikhauses ist nachzulesen: „Als wichtigstes Kennzeichen der Fischer-Harfe gelten die Scheibenmechanik (statt der üblichen Kurbelmechanik) und die mit Holzfurnier überzogene Alurohr-Metallsäule, die ein Verziehen des Halses und der Säule verhindert.”

Um einen optimal runden Harfenkorpus neu zu entwickeln und herstellen zu können, habe Karl Fischer ein Vakuumverfahren aus dem Bootsbau zum Verleimen auf den Instrumentenbau übertragen. Aufwändig wird damit aus mehreren Holzschichten ein stabiler Resonanzkörper gebaut, der zusammen mit der Harfensäule beachtliche 600 bis 750 Kilogramm Zugkraft von den Harfensaiten aufnehmen kann. Allein eine Basssaite trägt etwa 37 Kilogramm bei. Bei einer Konzertharfe wirken noch höhere Zugkräfte. Der Vorteil eines runden Resonanzkastens liege darin, dass alle Obertöne gleichmäßig zum Klingen gebracht werden, daraus ergibt sich ein runder, voller und tiefgründiger Ton.

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Eine Harfe besteht grundsätzlich aus vier Teilen: Pedalkasten, Säule (mit Kopf und Fuß), Hals mit Mechanik und Korpus mit Resonanzkörper. „Eine Harfe zu bauen, macht viel Arbeit”, erklärt Verena Rehrl. Zwischen 120 und 130 Arbeitsstunden sind dafür notwendig. Die Resonanzdecke zum Beispiel besteht aus Fichtenholz. Dies muss in hohen Lagen langsam gewachsen und astfrei sein, so Verena Rehrl. Das Fichtenholz stammt aus Bayern, dem Salzkammergut oder den Dolomiten. Als Tonholz sei es das Wichtigste Bestandteil. Die Deckenfurniere bestehen aus Ahorn oder Eisbirke.

Je nach Modell 37 oder 39 Saiten

In der Werkstatt bohrt, schleift, verleimt, beizt und lackiert Instrumentenbauer Thomas Fischer in Serien. Sieben Modelle gibt es aus dem Hause Fischer. In der „Staubwerkstatt” arbeitet er mit Stich- und Bandsäge und erledigt dort andere grobe Arbeiten. Obwohl eine Harfe noch immer viel Handwerksarbeit bedeutet, erleichtern CNC-Maschinen einzelne Arbeitsschritte und sorgen für eine höhere Präzision, zum Beispiel beim Fräsen der Bodenplatten und Hälse. Die verschiedenen Instrumententeile werden am Ende in Farbe gebeizt und lackiert.

In den letzten Schritten beim Zusammenbau wird die Harfe besaitet und werden im Inneren die Seile eingehängt, die über eine Umlenkrolle geführt werden und das Pedal mit der Mechanik verbinden. Die Zugkraft der Saiten ist übrigens auch für den eingangs erwähnten Bauch verantwortlich, den die Decke im Laufe der Zeit bekommen kann. Im Inneren sorgen Querstreben für Stabilität, eine leichte Wölbung ist jedoch nicht zu vermeiden.

Je nach Modell hat die Volksharfe aus dem Hause Fischer 37 oder 39 Saiten. Nun folgen circa sechs Wochen Standzeit, damit sich die Saiten dehnen und die gedrehten Seile im Inneren strecken. Ein weiterer Arbeitsschritt ist zum Beispiel die umfangreiche Feinmechanik im Inneren des Halses zu regulieren, das heißt, die Halbtöne einzustellen. Am Ende folgt damit die Feinabstimmung zwischen Mechanik und Saiten. Danach geht es im Stimmkammerl, das ist ein schallgehemmter Raum, an die Endregulierung. Zart perlen die Harfentöne durch die geöffnete Tür. Ein Instrumentenbauer benötigt ein gutes musikalisches Gehör. „Er hört jeden Misston”, so Thomas Fischer.

Eine Konzertharfe für 38.000 Euro

„Die Volksharfe ist ein sehr flexibles Instrument”, erzählt Verena Rehrl. Von Volksmusik über Jazz und modern bis Klassik wird sie eingesetzt. Die Redaktion des Heftes „Das Musikinstrument” zitiert Karl Fischer senior 1996 in einem Artikel im Heft 12 folgendermaßen: „Die Einfachpedalharfe oder Volksharfe, wie ich sie baue, wurde 1720 von Jakob Hochbrucker in Donauwörth erfunden. Die erste Konzertharfe ließ der Harfenbauer Erard 1835 beim britischen Patentamt in London eintragen. Damit will ich sagen, in der Zeit von 1720 bis 1835 gab es nur die Einfachpedalharfe und da spielte man eben seinen Bach, Haydn, Händel, Mozart, Vivaldi und Telemann bei Hofe auf diesen Einfachpedalharfen.” Bei der Volksharfe sei man im Gegensatz zur Konzertharfe aber auf maximal acht Tonarten beschränkt.

Die Möglichkeiten der Harfe gehen weit über die Volksmusik hinaus, doch gerade im alpenländischen Raum ist sie besonders in diesem Bereich sehr populär. Die Preise für eine Harfe gehen von rund 800 Euro für eine Reiseharfe beziehungsweise Schoßharfe bis in die Zehntausende für eine Konzertharfe. „Eine der teuersten Harfen war zum Beispiel eine Konzertharfe für 38.000 Euro”, so Verena Rehrl. Die Volksharfen beginnen bei knapp unter 5.000 Euro. Die Konzertharfe ist übrigens laut Internetlexikon Wikipedia mit 175 bis 190 Zentimetern Höhe und einem Gewicht von 34 bis 42 Kilogramm eines der größten und schwersten Orchesterinstrumente.

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Die Harfe sei eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit und sei bereits um etwa 3.000 vor Christi in Mesopotamien und Ägypten vorgekommen. Der Landesmusikrat Schleswig-Holstein zum Beispiel schreibt auf seiner Internetseite: „Die Harfe gilt als himmlisches Instrument und beeindruckt durch ihren Klang ebenso sehr wie durch ihr Erscheinungsbild.” Er erklärte die Harfe 2016 zum Instrument des Jahres, das ist eine 2008 von mehreren Bundesländern ins Leben gerufene Initiative. Heuer ist es übrigens die Orgel. Noch zum Thema Harfe: Eine keltische Harfe ziert die irische Euro-Münze.

Ein so wertvolles Instrument muss erst ausprobiert werden

Während die Harfen im Alpenraum sehr populär seien, hätten die Menschen im Norden Deutschlands oft Schwierigkeiten einen Lehrer zu finden, berichtet Verena Rehrl. In Österreich muss man nicht selten ein bis zwei Jahre auf einen Unterrichtsplatz im Fach Harfe warten. „Unsere Stärke ist, dass wir viele Harfen lagernd haben. Die Kunden kommen, suchen sich eine aus und nehmen sie mit.” Möglich seien Kauf oder Mietkauf. Bevor sich jemand also so ein wertvolles Instrument endgültig anschafft, kann er es einige Zeit ausprobieren.

Wie Menschen untereinander so müssen auch Instrumente und ihre Musiker zusammenpassen, schon alleine vom Klang und der Spielweise. Schwierigkeiten, Mitarbeiter in der Harfenbauwerkstatt zu finden, gibt es im Musikhaus Fackler bislang nicht. „Sehr häufig sind es Mitarbeiter, die selbst Musik machen”, so Rehrl. Die Firma bildete im Laufe der Jahrzehnte im handwerklichen und kaufmännischen Bereich zudem selbst aus.

Apropos Handwerk: Die Fischer-Volksharfen gibt es in verschiedenen Variationen, etwa was die Kopfformen, Schnitzereien, Blattvergoldungen, Einlegearbeiten, Goldringe an Kopf- und Fußteil, vergoldete Mechanik und Wirbel sowie Sonderlackierungen betrifft. Die Modelle wiederum unterscheiden sich in ihrer Klangfarbe, in Korpus und verschiedenen Details. Die Irische Harfe und die Kelty Schoßharfe sind eigene Modelle und unterscheiden sich wesentlich von der Volksharfe, durch Ihre Haken- oder Klappen Mechanik. Für fünf- bis zehnjährige Kinder gibt es eigene Schulharfen. Die internationale als Harfenistin Lehrerin tätige Silke Aichhorn aus Traunstein zum Beispiel spielt ebenfalls eine Harfe des eingesessenen Harfenbauers ihrer Heimatstadt.

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