LEBEN UND STERBEN VON NATURDENKMÄLERN

Seit 110 Jahren auf dem Greimhartinger Dorfplatz – Nun muss die alte Eiche gefällt werden

Wunderschön, selbst frühjahrsbedingt noch ohne Blätter: Die massive Eiche in Greimharting, die 1954 zum Naturdenkmal erklärt wurde. Wegen starkem Pilzbefall ist sie jedoch nicht mehr zu retten.
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Wunderschön, selbst frühjahrsbedingt noch ohne Blätter: Die massive Eiche in Greimharting, die 1954 zum Naturdenkmal erklärt wurde. Wegen starkem Pilzbefall ist sie jedoch nicht mehr zu retten.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Die 110 Jahre alte Eiche hat erlebt, wie Männer zu zwei Weltkriegen loszogen. Dazu unzählige Dorffeste, Prozessionen und Tänze unter ihren schattenspendenden Ästen. Nun muss die 110 Jahre alte Eiche auf dem Greimhartinger Dorfplatz in Rimsting gefällt werden.

Rimsting – 110 Jahre hat sie auf dem Buckel und steht, immer noch majestätisch auf dem Greimhartinger Dorfplatz, als könne sie nichts erschüttern: Die 1954 zum Naturdenkmal erklärte Eiche. Doch der Schein trügt. Rimstings Bürgermeister Andreas Fenzl (CSU) und die Gemeinderäte hatten nun eine schwere Entscheidung zu treffen: Die Eiche muss weichen, weil ein Pilz ihr seit Jahren zu schaffen macht.

„So, wie es aussieht, ist sie leider nicht mehr zu retten, und stellt in diesem Zustand ein großes Risiko für die nahe Umgebung dar“, schildert Fenzl der Chiemgau-Zeitung.

„Tropfender Schimmelporling“ frisst den Baum von innen auf

Wie mehrfach berichtet, frisst der „Tropfende Schillerporling“ den Baum regelrecht von innen auf. Das macht ihn instabil. Alle bisherigen, pflegerischen Maßnahen durch Fachfirmen konnten das Ausbreiten des aggressiven Pilzes nicht verhindern.

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Theoretisch könnte der Baum auf eines der Gebäude rund um den Dorfplatz fallen, wo sich Dorfkirche und Kindergarten befinden. „Das können wir nicht in Kauf nehmen“, so der Rathauschef, „lieber wäre es uns freilich, wenn die Eiche stehen bleiben könnte. Mir tut es im Herzen weh. Sie gehört zum Dorfplatz wie die Kirche, es ist schwer vorzustellen, wie es ohne sie aussehen wird.“

Stumme Zeugin vieler Ereignisse

Gemeinderätin Mary Fischer (FW) trifft das Schicksal der Eiche besonders. Als Greimhartingerin erinnert sie sich an viele Feste und Begebenheiten, bei denen die Eiche als stummer Zeuge, Schattenspender und wunderschöner Blickfang heimlich im Mittelpunkt stand, zum Beispiel bei der Fronleichnamsprozession.

Die noch junge Eiche (links) mit der Dorfkirche im Jahr 1930. Das Gemälde des Rimstinger Kunstmalers Albert Eibach ist im Privatbesitz von Familie Fischer aus Greimharting.

„Sie verlieh dem Platz die besondere Stimmung. Ich erinnere mich gerne daran, als die Tribüne noch direkt unter der Eiche aufgebaut wurde. Wir haben dort oft mit unseren Sommergästen getanzt und gelacht“, erzählt Fischer. Sie wird die Eiche auch in Zukunft noch vor Augen haben, selbst wenn der Baum schon längst gefällt ist: In ihrem Zuhause hängt ein Gemälde des Rimstinger Kunstmalers Albert Eibach (1876-1953), das den noch jungen Baum im Jahr 1930 zeigt.

Knollen des Pilzes wachsen rasant

Damals konnte sich noch niemand vorstellen, dass er einmal ein „Intensivpatient“ sein würde, wie es Bürgermeister Fenzl ausdrückt. Normalerweise bilden Bäume und Pilze wichtige Partnerschaften, doch der Tropfende Schillerporling hat es in sich.

Die zunächst nur faustgroße Knolle ist über und über mit tropfenförmigen Ausstülpungen versehen. Im Sommer kann er aus der Rinde herauswachsen, informiert die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Im Laufe ihres Lebens könne jede einzelne Knolle 60 Zentimeter und größer werden.

Zeitpunkt für Fällung noch ungewiss

Der Pilz dringe am Stammfuß in den Baum ein und erzeuge Weißfäule bis in den Wurzelbereich. So sieht es auch bei der Greimhartinger Eiche aus. Eine aktuelle schalltomografische Untersuchung hat laut Fenzl gezeigt, dass der Verfall voranschreite.

Noch stehe kein Zeitpunkt für die Fällung fest. Mit der Naturschutz- und Gartenfachberatung des Landratsamts sei abgestimmt, dass noch einmal ein Neigungstest gemacht werde und ein Autokran die Standfestigkeit der Eiche überprüfe.

46 Naturdenkmal-Bäume im Rosenheimer Land

46 Naturdenkmal-Bäume stehen derzeit im Rosenheimer Land. Die Rechte und Pflichten an einem Naturdenkmal liegen bei der Unteren Naturschutzbehörde. „Jeder dieser Bäume wird zweimal im Jahr von einem Kreisfachberater kontrolliert“, erklärt Ina Krug vom Landratsamt. Dass der Pilz dennoch die Oberhand gewonnen hat, konnte der Fachmann nicht ändern.

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„Grundsätzlich wird alles getan, um einen solchen Baum zu erhalten und sein Andenken zu bewahren“, sagt Krug, doch an vielen dieser alten Riesen nage der Zahn der Zeit oder massive Sturmschäden aus der Vergangenheit machten Probleme.

Ersatzpflanzung muss ins Bild passen

„An jedem Standort herrscht eine andere Sicherheitserwartung, daher muss immer individuell über eine eventuelle Gefährdungslage entschieden werden.“

Fest steht: In Greimharting soll es eine Ersatzpflanzung geben. „Wir werden aber kein winziges Pflänzchen einsetzen, sondern schon einen etwas ausgewachsenen Baum“, verspricht Fenzl. Damit es der Nachfolger nicht ganz so schwer in seiner Rolle hat.

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