Video: Florian Schroll aus Seeon flog mit dem Gleitschirm aus den Alpen bis vor die Haustür

Seine Liebe zur Heimat und zur Natur teilt Florian Schroll und entführt Erlebnissuchende aus dem Alltag.

Florian Schroll aus Seeon sah schon als Kind den Flugzeugen gern beim Starten und Landen zu. Als Erwachsener sucht er immer wieder das Mikroabenteuer mit seinem Gleitschirm. Zuletzt wagte er einen 40 Kilometer weiten Flug von der Hochries nach Seeon direkt vor die Haustür.

Von Dr. Dominik Zgela

Seeon – Wer erinnert sich nicht gern daran, wie man in seiner Kindheit oft kleine Abenteuer durchlebt hat und die gesammelten Eindrücke zu etwas Großem und Wunderbarem gedeihen ließ: Die erste Fahrrad-Tour in einen unbekannten Ortsteil, den ersten Sprung vom Fünfmeter-Brett im Freibad oder das erste Mal zelten im Garten eines Freundes, dabei den Sternenhimmel betrachten und die nächtliche Geräuschkulisse auskundschaften.

Im Erwachsenendasein und im Berufsleben angekommen, scheinen solche Erlebnisse oft zu schwinden oder werden nicht mehr wahrgenommen. Dabei ist es auch Erwachsenen möglich, dem Alltagstrott kurz zu entfliehen und spontane, intensive Abenteuer zu erleben – Mikroabenteuer, wie sie heute genannt werden.

Kindheit am Zaun des Flughafens

Einer dieser Mikroabenteurer ist der Seeoner Florian Schroll, der mit seinem Gleitschirm von einem zum nächsten Abenteuer fliegt. Dabei erinnert er sich an seine Kindheit zurück: „Als Schuljunge habe ich viel Zeit am Zaun des Flughafens München-Riem verbracht und den Flugzeugen beim Starten und Landen zugesehen. Das hat meine Fantasie beflügelt und ich träumte vom Fliegen. Heute erlebe ich dieses wohlbesonnene Gefühl dank meinem Hobby, dem Paragliding, wieder.“

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So ist der Sportler oft am Himmel zwischen unseren Alpen und dem Chiemsee zu sehen, wo er die kurze und intensive Zeit in der Luft nutzt, um einen anderen Blick auf das Leben zu bekommen. Zu Beginn erlebte er die kleinen Ausbrüche für sich allein, mittlerweile bietet der ausgebildete Pilot dieses Mikroerlebnis auch anderen Interessierten an. Doch wegen der Corona-Pandemie setzte er seine Tandem-Passagier-Flüge zwischenzeitlich aus.

Dafür rückte wieder ein weiterer Kindheitstraum vom Fliegen in den Vordergrund: „Ich habe den Leerlauf genutzt, um mir einen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Den Flug aus den bayerischen Alpen bis vor die eigene Haustür in Seeon.“

Auf der Suche nach guter Thermik

Am Tag X plante der Profi den knapp 40 Kilometer weiten Flug und studierte einen Tag zuvor die Wetter- und Windverhältnisse. Am Vormittag des nächsten Tages ging es voll ausgerüstet auf die Hochries. „Es war ein sonniger Tag und ich flog ostwärts über die sattgrünen Hofalmen in Richtung Frasdorf. Bei der Autobahn A8 musste ich feststellen, dass ich viel an Höhe verloren habe und hatte das Gefühl, dass es nur bis Prien reichen könnte.“ erzählt Schroll. Er hielt Ausschau nach dahingleitenden Vögel, um eine Zelle mit guter Thermik zu erkennen.

Statt Vögel aber nahm der Chiemgauer einen durch Aufwind emporsteigenden Güllegeruch in der Luft wahr.

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Sein Gleitschirm schoss ihn wieder in die Höhe. „Ich war wieder im Rennen und konnte den wunderbaren Ausblick über den Dächern von Prien und dem prachtvollen Herrenchiemsee gewinnen.“ Zudem die blau schimmernde Eggstätter-Hemhofer Seenplatte, umhüllt vom Grün der Wälder und Wiesen. Dank der beeindruckenden Höhe war ihm nun der Flug nach Gstadt möglich, „so weit wie nie zuvor.“

Unbeschreiblicher Ausblick

Schroll betont, dass diese Distanz für viele Paraglider kein Kunststück sei. Insbesondere bei jenen, die eine „Höher, schneller, weiter“-Kultur pflegen und diese wie im Wettbewerb ausleben.

Dem Trend entkoppelt sich der erlebnissuchende Flieger und genießt stattdessen lieber seine Heimat und entdeckt in der Ruhe auch immer wieder etwas Neues aus der Luft. „Ab Gstadt konnte ich schon einen tollen Blick in die Gemeinde Seeon-Seebruck erhaschen. Jedoch galt es ab dem Punkt, mit defensiver Flugtaktik jede kleine Thermik zu nutzen“, erinnert sich Schroll an seinen Anflug. Denn bis kurz vor Seebruck kämpfte der Seeoner mit einer Arbeitshöhe von 300 Metern über dem Grund.

Erst ein aufkreuzender Gras-Silagehäcksler konnte ihm wieder Aufschub verleihen, sodass sich der Flieger auf knapp 2000 Meter Höhe katapultieren ließ.

Kann er sein Ziel noch erreichen?

Nun hieß es nur noch, vor die Haustür zu kommen. „Ich flog weiter über Truchtlaching in Richtung Seeon und war wie gefesselt von dem Anblick, der sich mir bot. Rechts von mir die wild schlängelnde Alz und links der ruhige Seeoner See.“ Doch die Ruhe hielt nur kurz, denn sein Steigmesser meldete sich mit einem Dauerpiepton. Es ging fünf Meter pro Sekunde abwärts und alles sah danach aus, dass der Seeoner sein Flugerlebnis kurz vor dem Ziel beenden würde müssen.

Doch dann kam eine letzte Thermikblase, welche ihn über die restlichen Kilometer hinweg rettete. Florian Schroll hat es geschafft: Er landet direkt vor seiner Haustür in Seeon und dank seines Jubelschreis „Dahoam!“ hat es auch die ganze Nachbarschaft auch mitbekommen.

Bald wird er dieses Wieder-Kind-Sein-Gefühl erneut mit anderen Alltags-Ausbrechern teilen dürfen. Wer seinen Flug von der Hochries in Richtung Seeon miterleben möchte, kann das entsprechende Video „Finally@home - Hike&Fly - Hochries-Seeon“auf seinem YouTube-Kanal „Spielplatz Natur“ erleben.

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