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Millimeterarbeit am Boden

Skelettfund in Seeon-Seebruck: Was Archäologen und Menschenkundler entdecken

Feinarbeit vor Ort: Mit einem Spatel werden die Knochenfunde freigelegt.
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Feinarbeit vor Ort: Mit einem Spatel werden die Knochenfunde freigelegt.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Rund 50 Skelette hat man während Bauarbeiten nahe des Harrecker Hofs im Seeon-Seebrucker Ortsteil Ischl gefunden. Nicht nur Archäologen machen sich daran, die Gebeine freizulegen. Auch Menschenkundler können anhand der Knochen das ein oder andere Detail über die Verstorbenen in Erfahrung bringen.

Seeon-Seebruck – Archäologie ist Millimeterarbeit. Und das in mehrerlei Hinsicht. Die Archäologin Katrin Heigermoser sitzt in einem Baustellencontainer und betrachtet einen Lageplan der Befunde. Das ist der Fachbegriff für jene 50 Skelette, welche auf der Baustelle für den Neubau des Harrecker Hofs in Ischl gefunden wurden.

Eher Routine als Sensation

Auf Millimeterpapier ist dort im Maßstab 1:10 aufgezeichnet, was sie und ihre Kollegen bislang an Gebeinen freilegen konnten. Mit Nägeln hat Archäologin Kathrin Heigermoser die Flächen abgesteckt, in denen die Skelette zutage traten. Anschließend messen die Forscher die Funde mit Schnüren aus und übertragen die Ergebnisse auf Millimeterpapier.

Es handelt sich um einen historischen Friedhof an der Kirche St. Martin in Ischl, nördlich der bestehenden Ruhestätte. Dort baut die Gemeinde Seeon-Seebruck gerade ein neues Wohnhaus auf der Fläche des einstigen Harrecker Hofs. Elf Wohnungen sollen dort entstehen.

Mehrkosten für die Gemeinde

Auch Rathauschef Martin Bartlweber ist an diesem Morgen an der Grabungsstätte zugegen. Er ist sozusagen Bauherr und muss nun damit leben, dass sich die Arbeiten verzögern. Aber er sieht‘s gelassen: „Die Gemeinde Seeon-Seebruck ist ja schon sehr bewandert mit dem Thema Archäologie“, wie er sagt.

Bei Bauarbeiten auf der Gemarkung der Gemeinde sei man irgendwie immer in Habachtstellung. „Für die Gemeinde Seeon-Seebruck ist jeder archäologische Fund wichtig“, sagt Bartlweber, wohl wissend, dass selbst 50 Skelette für die Archäologen eher Routine als Sensation sind.

Die Verzögerungen beim Bau könne die Gemeinde kompensieren, wie Bartlweber berichtet. Denn neben dem Wohngebäude baue man noch am Parkstadl und habe die Arbeiten nun erstmal dorthin verlagert. Aber die Kosten für die Ausgrabung muss die Gemeinde dennoch tragen. Mit 40.000 Euro, schätzt Bartlweber, schlägt die Aktion zu Buche.

Vorgaben der Denkmalschutzbehörden

Die Vorgaben für ihre Arbeit erhielten die Forscher von den Denkmalschutzbehörden, wie Kathrin Heigermoser schildert. Häufig müsse zunächst eine große Schicht Erde mit einem Bagger abgetragen werden, bis man die ersten Funde entdecke. Das erledige eine Baufirma. Erst dann gehe es an die Feinarbeit.

Auf dem Gelände sind wohlgemerkt nicht nur Archäologen am Werk. Auch die Anthropologin Dr. Nadine Carlichi-Witjes kniet auf einem Schoner und legt Gebeine mit einem kleinen Spatel frei. Ihre Aufgabe ist, die Skelette zu bergen. Jedoch nicht, ohne sie zuvor systematisch zu begutachten: In welcher Richtung liegt das Skelett?

Sind die Arme gestreckt oder angewinkelt? Wie viele von den gesamten Knochen eines Menschen sind noch vorhanden? „Jede Grabung ist anders, es ist nie das Gleiche“, beschreibt die Forscherin die Faszination für ihre Disziplin, die Menschenkunde.

Spuren an den Knochen

Auf die Suche machen sich die Wissenschaftler unter anderem nach Verletzungen: Brüche und Einwirkungen stumpfer Gewalt ließen sich erkennen, erklärt die Anthropologin. Aber auch Lungenkrankheiten könne man an manchem Knochenfund bestimmen. Und letztendlich auch das Geschlecht und das grobe Alter des Verstorbenen.

Ebenso den Zustand der Zähne bestimmen die Forscher. Etwa anderthalb Stunden brauchen Carlichi-Witjes und ihre Kollegen, um ein komplettes Skelett zu sichten und zu bergen. Die einzelnen Knochen landen in Plastikboxen, die mitsamt der Dokumentation ins Depot der anthropologischen Staatssammlung nach München gehen. „Dabei versuchen wir, so pietätvoll wie möglich vorzugehen“, sagt die promovierte Menschenkundlerin, dass sie und ihre Kollegen sich durchaus darüber bewusst seien: Das waren einst lebende Menschen.

Pfeil zeigt Weg gen Norden

Das Wetter an diesem Freitagmorgen ist den Kräften an der Fundstelle hold. Die Sonne strahlt, sorgt aber auch dafür, dass die Temperaturen rasch nach oben gehen, fast wie an einer Ausgrabungsstelle in südlicheren Gefilden. Auch Regen wäre für die Forscher kein grundlegendes Problem, wie die Archäologin Kathrin Heigermoser erklärt. Die Fundstelle werde dann mit Planen abgedeckt, um die Fundstücke zu sichern, deren Lage sich zumindest bei Skeletten selbst bei Wassereintrag nicht verändere. Im Zweifel müsse die Grabungsstelle abgepumpt werden, um weitermachen zu können.

Ihre Beobachtungen hält Anthropologin Dr. Nadine Carlichi-Witjes zunächst fest, bevor sie die Knochen birgt.

Kollegialer Ton

Die archäologischen Fachkräfte Andreas Zauner und René Roldau sind gerade dabei, die Fundstelle zu dokumentieren. Auf Tafeln haben sie Plastikbuchstaben aufgesteckt, die später auf einem Foto genauere Details verraten. Ein Kunststoffpfeil in einem Graben verrät, zeigt den Mitarbeitern den Weg gen Norden. Über all diese Arbeiten wacht Archäologin Heigermoser.

Der Ton an der Grabungsstelle ist aber sehr kollegial, die Arbeit der verschiedenen Disziplinen läuft sehr organisch. Am Ende sind es nicht nur die Zeichnungen auf Millimeterpapier, welche die Forscher nach ihrer Untersuchung präsentieren. Es entsteht ein Bericht, den Archäologin Kathrin Heigermoser federführend aus den Ergebnissen zusammenstellt. Für das Landesamt für Denkmalschutz und die Gemeinde.

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