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Im Interview

Priener Schüler: „Das ist unser erster Krieg“

Mit einem Krieg in der Ukraine hatte auch Martin Staiger nicht gerechnet.
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Mit einem Krieg in der Ukraine hatte auch Martin Staiger nicht gerechnet.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Prien – Selbst Erwachsenen macht der Krieg in der Ukraine große Angst. Dass die Situation auch für Schüler äußerst beklemmend ist, darüber haben die OVB-Heimatzeitungen mit Martin Staiger, Fachleitung Geschichte und Sozialkunde am Ludwig-Thoma-Gymnasium gesprochen. Der 48-Jährige unterrichtet Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Ethik.

Herr Staiger, wie reagieren die Schüler auf den Krieg in der Ukraine?

Martin Staiger: Die Schüler sind sehr bestürzt. Das habe ich so ähnlich nur erlebt, als Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden war. Das Thema Krieg bewegt die Schüler sehr, viele sind auch wütend. Mit den höheren Klassen sprechen wir schon seit Anfang Februar über das Thema Ukraine im Unterricht. Wobei ich auch sagen muss: Wir waren nicht der Meinung, dass es zu einem Krieg kommt.

Was ist es genau, was die Schüler bewegt?

Staiger: Das ist die bloße Tatsache, dass Krieg ist. Dann die direkten Auswirkungen, dass Flüchtlinge kommen und auch in unserer Turnhalle untergebracht werden. Hier wollen viele Schüler helfen, das geht schon in der fünften Klasse los. Bei vielen ist es aber auch die Angst vor einem Atomkrieg und vor Putin. In den höheren Klassen kommt immer wieder die Frage, ob die Wehrpflicht wieder eingeführt wird. Das würde unsere Schüler ganz direkt betreffen und deren Lebensentwürfe vollkommen umschmeißen. Interessant finde ich hier, dass es in der Diskussion dann oft heißt, die solle nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen kommen.

Reagieren jüngere Schüler anders als die Schüler der Oberstufe?

Staiger: Insgesamt führt die Situation zu einem Schub bei der Politisierung. In den unteren Klassen sind es eher Ängste – so ein Krieg ist ja eine ganz neue Situation für viele. Es gibt auch Schüler, die sagen: „Das ist unser erster Krieg.“ Die Älteren betrachten die Lage eher und versuchen, sie zu analysieren.

Hätten Sie damit gerechnet, dass es in Europa wieder Krieg gibt?

Staiger: Ehrlich gesagt: so nicht. Ich persönlich war schon immer der Meinung, dass Vladimir Putin gefährlich werden kann. Er ist ehrgeizig, machtbewusst und intelligent. Aber wie stark er einer neoimperialistischen Ideologie folgt, habe ich auch unterschätzt.

Bleibt für die Ukraine überhaupt Zeit im Unterricht angesichts eines straffen Lehrplans?

Staiger: Wir nehmen uns einerseits die Zeit abseits des Lehrplans, das ist auch rechtlich so gedacht. Denn in der Bayerischen Verfassung ist ein Erziehungsauftrag für uns verankert und daher ist es wichtig, solche Dinge anzusprechen. Wobei das kein Widerspruch zum Lehrplan ist. Dort gibt es vielfältige Anknüpfungen, etwa in der Frage, was ein gerechter Krieg ist, im Fach Ethik. Auch die Sozialkunde lebt im Unterricht von aktuellen Beispielen. In der Q 12 ist ein Thema „Frieden und Sicherheit in der internationalen Politik“. Da ist die jetzige Situation ein äußerst anschauliches Beispiel für die Mechanismen, die hier greifen.

Der jungen Generation wird oft vorgeworfen, sie interessiere sich mehr für Instagram als für Politik. Stimmt das?

Staiger: Im Durchschnitt interessieren sich meiner Meinung nach Jugendliche genauso für die Politik wie Erwachsene. Da liegen die Interessen unterschiedlich, für die einen ist ein lokaler Bezug wichtig, andere achten eher darauf, was ihr direktes Umfeld macht. Manche haben auch ein intrinsisches Interesse. Ich erlebe jedenfalls, dass man Schüler wirklich für Politik begeistern kann. Meine Schüler begeistern mich oft, sie sind sehr differenziert. Anders, als ich das in meiner Jugend gewesen bin.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

Staiger: Noch in den Faschingsferien haben wir uns überlegt, wie wir mit der Ukraine-Konflikt als Schule im Unterricht umgehen. Auch für Lehrer, die keine Sozialkunde unterrichten. Soziale Medien sind eben die Hauptinformationsquelle für Schüler, das muss man akzeptieren. Die schauen eben nicht die Tagesschau im Fernsehen, sondern auf Instagram. Zum Teil hieß es von Schülern: Das stimmt doch alles nicht so. Es bringt in solchen Fällen nichts, die Schüler öffentlich an den Pranger zu stellen. Manchmal hilft das Einzelgespräch, wir versuchen, sie zu erreichen, zu hinterfragen, wie sie zu dieser Meinung kommen. Aber mein Eindruck ist, dass die Schüler das größtenteils schon einschätzen können.

Haben Sie auch ukrainische Schüler, deren Familien betroffen sind?

Staiger: Es gibt Schüler, die Verwandte in der Ukraine haben. Sie erzählen teils von Dingen, die sehr extrem sind. Wir nehmen das sehr ernst.

Wie geht’s den Schülern nach zwei Jahren Corona?

Staiger: Natürlich hat Corona Spuren hinterlassen. Es gibt mehr Schüler, deren Psyche uns Sorgen macht. Aus der Q12 höre ich oft, dass einige das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein. Dennoch bin ich insgesamt schwer beeindruckt von der Lebensfreude der Schüler und mit welcher Gelassenheit sie sich solch schweren Zeiten stellen. Daraus ziehe ich selbst auch viel Kraft.

Sie müssen als Lehrer neutral bleiben – geht das überhaupt?

Staiger: Hier muss man unterscheiden: Ich habe eine Verpflichtung zur parteipolitischen Neutralität – das ist richtig. Mir ist das ganz wichtig im Unterricht und es gibt ganz klare Regeln. Es gilt das sogenannte Überwältigungsverbot: Ich darf Schüler mit meiner Meinung nicht überfahren, wenn diese eine andere haben. Ich darf aber eine Meinung haben. Ich halte das für wichtig, sodass auch die Schüler selbst eine Meinung entwickeln und argumentieren lernen.

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