Gutachten erbringen klares Ergebnis

Testament des Schwagers gefälscht: Frau (63) aus dem Kreis Traunstein verurteilt

Zu 99,99 Prozent schloss ein Schriftgutachten aus, dass das Testament von dem Verstorbenen geschrieben worden war. Zu 99 Prozent kam das Gutachten zu dem Schluss, dass es die Angeklagte verfasst hatte.
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Zu 99,99 Prozent schloss ein Schriftgutachten aus, dass das Testament von dem Verstorbenen geschrieben worden war. Zu 99 Prozent kam das Gutachten zu dem Schluss, dass es die Angeklagte verfasst hatte.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Eine Frau hatte sich 20 Jahre um ihren Schwager gekümmert und wollte nicht akzeptieren, dass sie beim Erbe leer ausging. Weil sie sich zu einem außergewöhnlichen Schritt entschied, ist sie nun vor Gericht gelandet.

Traunstein – Eine 63-Jährige aus dem südlichen Landkreis Traunstein schrieb ein falsches Testament, das sie zur Alleinerbin ihres verstorbenen Schwagers gemacht hätte. Sie hatte den 60-Jährigen im September 2019 tot in seinem Haus aufgefunden. Weil sie sich 20 Jahre um ihn gekümmert hatte, glaubte sie, einen Erbanspruch zu haben. Das Schöffengericht Traunstein mit Vorsitzendem Thilo Schmidt verurteilte die geständige, reuige Frau gestern wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung.

Marode Immobilie und 32.000 Euro Schulden

Laut Anklage von Staatsanwalt Daniel Musin hinterließ der 60-Jährige ein Haus im Wert von 140.000 Euro, aber auch 32.000 Euro Schulden. Die Schwägerin präsentierte dem Nachlassgericht Traunstein ein handschriftliches Testament von Ende Juli 2019, in dem sie der Verstorbene zur „Alleinerbin“ von Haus wie Schulden bestimmt hatte. Der Bruder des Verstorbenen äußerte damals den Verdacht, das Dokument könne eine Fälschung sein.

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Wie der Richter verlas, kamen zwei Schriftgutachten zu eindeutigen Ergebnissen. Demnach stammt das Testament mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“, somit von 99,99 Prozent, nicht von dem 60-Jährigen, hingegen mit „sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ von 99 Prozent von der 63-Jährigen.

Eingekauft, gekocht, geputzt

Die Witwe des 2006 verstorbenen Bruders des „Erblassers“, hatte sich nach ihren Worten fast 20 Jahre um den kranken Hausbesitzer gekümmert. Sie schilderte, er habe immer gesagt: „Wenn etwas passiert, bleibt alles dir.“ In den vielen Jahren habe sie ihn mit dem Auto gefahren, seinen Lebensunterhalt finanziert, für ihn eingekauft, gekocht und geputzt. Ihr Mann habe ihm bei der Ersteigerung der besagten Immobilie mit 10.000 Euro in bar geholfen. Auch habe ihr Mann beim Herrichten des Hauses geholfen.

Kein Testament

Sie habe den Toten im September 2019 in seinem Wohnzimmer entdeckt, aber nirgends das erhoffte Testament. In dem Moment habe sie gedacht: „Ich habe nichts. Ich fand, er sollte seine Schulden bezahlen.“

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Daraus wurde letztlich nichts. Die marode Immobilie ging an die Verwandtschaft des 60-Jährigen. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren ein, in dem sich die Angeklagte von Anfang an geständig und reuig zeigte: „Ich weiß, dass ich einen großen Fehler begangen habe. Es tut mir so leid.“

Verzweiflung und Schaden

Unter den Pluspunkten führte Staatsanwalt Daniel Musin im Plädoyer auf 16 Monate Freiheitsstrafe mit Bewährung, „eine gewisse Not und Verzweiflung“ nach dem Tod des 60-Jährigen an. Dem stünden der erhebliche Schadensbetrag und der Vertrauensbruch gegenüber dem verstorbenen Schwager entgegen. Der beabsichtigte Betrug hätte fast Erfolg gehabt. Von einer Kurzschlussreaktion sei nicht auszugehen.

Zukunftsangst, keine kriminelle Energie

Die Verteidigerin Susanne Kühn verwies auf das Geständnis. Ihre Mandantin habe – auch angesichts der eigenen schlechten finanziellen Lage – Angst vor der Zukunft gehegt. Eine „kriminelle Energie“ sei zu verneinen: „Es war der erste und letzte Fehler der Angeklagten.“ Eine milde Geldstrafe sei ausreichend.

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Was war der Wille des Verstorbenen?

Das Schöffengericht folgte diesem Antrag jedoch nicht, blieb aber gleichzeitig mit Blick auf den Wert des Geständnisses etwas unter dem – „durchaus angemessenen“ – Schlussantrag des Staatsanwalts, wie Richter Thilo Schmidt heraushob. Die 63-Jährige habe eine unechte Urkunde hergestellt und gebraucht. Er gab zu Bedenken dass der Inhalt des gefälschten Testaments möglicherweise dem eigenen Willen des Verstorbenen entsprochen. „Die eigentliche Krux ist, dass wir ihn nicht fragen können“, sagte Schmidt.

Reuige Angeklagte

Unter den strafschärfenden Aspekten nannte der Vorsitzende die Schadenssumme im geringen sechsstelligen Bereich. Sie habe den gesetzlichen Erben zugestanden. Die Angeklagte habe versucht, „sich alles unter den Nagel zu reißen“. Der Richter schloss: „Wir sind überzeugt, Sie lassen sich künftig nichts mehr zuschulden kommen.“ Die 63-Jährige nickte.

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