Schleching: Vinzenz Bachmann macht aus Ruinen Traumhäuser

Vinzenz Bachmann im Garten seines Hauses im Ortsteil Mettenham.
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Vinzenz Bachmann im Garten seines Hauses im Ortsteil Mettenham.

Die meisten Menschen schrecken sie ab, den Schlechinger Zimmerer Vinzenz Bachmann zieht es genau dorthin: Alte, oft verfallene Bauernhäuser. So werden aus Schandflecken Schmuckstücke.

Schleching – Auf der Wiese steht ein Stadel, halb verfallen, faulige Bretter, ein löchriges Dach. Wie aus so einer Bruchbude ein Traumhaus wird, das weiß Vinzenz Bachmann (61), Zimmerer aus Schleching.

250 bis 300 Jahre sind die Häuser typischerweise alt, die er aufwendig restauriert. Auch er selbst wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen mit Weste und Hut. Gelernter Zimmerer, Bauingenieur und Restaurator ist Bachmann. Letzteres sei eigentlich das Interessanteste gewesen. „Obwohl ich mich vorher gefragt habe, ob man mir noch so viel beibringen kann“. Kein Zeichen von Arroganz, denn Bachmann weiß, wovon er spricht. Er ist schon in vierter Generation Zimmerer in der Familie, hat das Wissen von klein auf von seinem Großvater vermittelt bekommen.

Alte Häuser bergen viele Überraschungen

Den alten Stadel in Grabenstätt hat Vinzenz Bachmann schon abgebaut und jedes Einzelteil markiert.

Ihm selbst gefällt der Überraschungsmoment bei seiner Arbeit: „Man weiß nie, was auf einen zukommt, und man muss Rätsel lösen.“ Auch wenn das im Zweifelsfall mal heißen kann, dass eine tragende Mauer sich als innen „dafeit“ entpuppt.

Große Bewunderung hat er für die damaligen Baumeister. Wie aufwendig es war, nur ein Brett herzustellen, hat Bachmann selbst in seiner Restauratorenausbildung ausprobiert: „Da haben wir uns aber nach einem Meter abgewechselt, das ist sehr anstrengend.“

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Auch das Wissen vieler damaliger Baumeister verblüfft ihn. Etwa unterirdisch keinen Mörtel zu benutzen, da dieser Wasser aufnehme und porös werde. „Dafür braucht man Langzeiterfahrung“, sagt Bachmann. Es sei nicht so, dass man damals grundsätzlich besser gebaut hätte, nur: „Das Glump steht nach 200 Jahren nicht mehr.“ Viele hätten damals ein gutes Gespür für Proportionen gehabt. „Besser könnte man das heute eigentlich nicht mehr machen.“

Schlaue Lösung für mehr Helligkeit

Zwar ist der 61-Jährige kein Gegner der Moderne, aber er plädiert für Augenmaß. Die modernen, großen Fenster, die gerade im Trend liegen, sind aus Bachmanns Sicht nicht notwendig. Früher habe man einen besseren Lichteinfall durch Fensterlaibungen erreicht. Die inneren Mauerflächen an den Seiten einer Fensteröffnung waren nicht rechtwinklig, sondern schräg und ließen mehr Licht zu.

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Kürzlich hat Bachmann einen alten Stadel in Grabenstätt abgebaut und restauriert. Was anfangs wie ein Bretterhaufen aussieht, der bestenfalls für ein Lagerfeuer gut ist, wurde von Bachmann und seinen 45 Mitarbeitern in mühsamer Detailarbeit Stück für Stück abgebaut. Auf einem Plan bekommt jedes Bauteil eine Nummer, um den Überblick zu behalten, was beim Wiederaufbau wo hingehört. Im nächsten Schritt wird untersucht, was ersetzt werden muss und dann angepasst. Wenn alles fertig ist, wird der Stadel vermutlich an anderer Stelle wieder aufgebaut.

Baustil prägt die Kultur in der Region

In mühevoller Detailarbeit werden Teile ersetzt und neu zusammengefügt.

Bachmann schmerzt, dass neue Häuser in ganz Deutschland nahezu gleich aussehen. Schließlich hätten stilistische Unterschiede oft praktische Gründe. Ein Beispiel: Im Chiemgau regnet es viel, daher ist ein breiter Dachüberstand üblich. „Das Bauernhaus in Oberbayern schaut ganz anders aus, als in Niederbayern oder Franken“, sagt auch Jürgen Eminger, Leiter des Heimathaus und des Stadt- und Spielzeugmuseums in Traunstein. Alte Häuser wieder zu erhalten, hat für ihn nicht nur ästhetische Gründe, sondern als Weg der Identitätsfindung: „Es geht schlicht um Heimat als erweiterten Kulturbegriff.“

Mehrgenerationenhäuser schon damals

Besonders einen Aspekt an der Lebens- und Bauweise von anno dazumal schätzt und kennt Bachmann selbst. Die Höfe beherbergten oft mehrere Generationen: „Als Kind hab ich das sehr genossen.“ Seine Söhne arbeiten bereits in seiner Firma. Es scheint jedoch so, als werde ihr Vater die Lust an alten Stadeln so schnell nicht verlieren.

Der typische Baustil im Chiemgau

Nach Auskunft des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege findet man im Chiemgau viele stattliche Hofanlagen, die meist mehrere Generationen beherbergten. Charakteristisch sind zweigeschossige Bauernhäuser mit flachem Satteldach. Der Wohnteil war häufig durch einen Mittel- oder Querflur erschlossen. Im Wirtschaftsteil lag meist erdgeschossig der Stall, darüber wurde das Heu gelagert. Bis heute bewährt haben sich Naturmaterialien, die für ein gesundes Raumklima sorgten. Dank moderner Heizungen ist das Wohnen in historischen Gebäuden komfortabler geworden. Viele alte Bauernhäuser weisen architektonischen Dekorationselemente wie Bundwerk, Malereien, profilierte Pfettenköpfe oder reich gestaltete Laubenbrüstungen auf.

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