Schlamm aus Priener Hafenbecken soll im Chiemsee bleiben: Umweltschützer protestieren

  • Dirk Breitfuß
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Der Chiemsee-Yachtclub in Prien will sein Hafenbecken ausbaggern, damit Segelboote nicht auf Grund laufen. Anders als früher will er den Schlamm im Chiemsee umschichten. Dagegen protestieren Umweltschützer. Sie fürchten einen Präzedenzfall.

  • Der Chiemsee Yachtclub will sein Hafenbecken ausbaggern.
  • Dagegen hat sich eine Bürgerinitiative "Rettet den Chiemsee" gebildet.
  • Die Bürgerinitiative will verhindern, dass der Baggerschlamm im See verklappt wird.
  • Prien – Der Chiemsee verlandet. Dieser Prozess ist nicht aufzuhalten. In 10 000 Jahren wird das Bayerische Meer verschwunden sein, haben Experten ausgerechnet. Die Wassersportler wollen diesen Prozess aber zumindest für ihre Zwecke verlangsamen.

    Deshalb ist es gängige Praxis, dass Hafenbecken von Segelclubs ab und zu ausgebaggert werden, damit die Schiffe nicht auf Grund laufen. Bisher wird der Schlamm immer an Land entsorgt. Der Chiemsee Yachtclub (CYC) prüft jetzt, ihn auf dem Seegrund umzuschichten. Umweltschützer schlagen Alarm und Fischer sorgen sich um die Renkenbestände, von denen sie leben.

    Aber der neue CYC-Präsident Hermann Wimmer beteuert im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung: „Wir werden nichts tun, was nicht umweltverträglich ist.“

    Das Hafenbecken des Chiemsee Yachtclubs soll ausgebaggert werden. Anders als bei früheren Aktionen soll der Schlamm diesmal nicht an Land entsorgt, sondern im See umgeschichtet werden. Umweltschützer schlagen deshalb Alarm.

    Umweltschützer fürchten einen Präzedenzfall

    Die Bürgerinitiative (BI) „Rettet den Chiemsee“ hat sich schon mit einer Petition an den Bayerischen Landtag gewandt. Die ist aber jetzt abgelehnt worden mit der Begründung, dass es noch gar keinen Antrag gebe. Das Landratsamt Traunstein, für die Seefläche zuständig, bestätigt das auf Nachfrage.

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    Gleichwohl zeigt sich BI-Vorsitzende Helga Holzer aus Prien „enttäuscht“, weil der zuständige Ausschuss den Umstand nicht gewürdigt habe, dass das Umschichten des Schlamms ein Präzendenzfall wäre und möglicherweise viele Nachahmer rund um das Bayerische Meer finden könnte. „Als Bürger und Steuerzahler sehen wir hier das Ziel des teuren Ringkanals konterkariert, nur damit letztlich auf privater Seite Geld gespart wird. Denn auch die „Verlagerung“ von Baggerschlamm an eine andere Stelle des Sees ist eine unzulässige Verunreinigung“, so Holzer.

    Ufergebiet bei Bernau droht zu verschlammen

    Ebenso vehement spricht sich Mary Fischer gegen die Pläne des CYC aus. Als Sprecherin eines Arbeitskreises setzt sich die Rimstinger Gemeinderätin von den Freien Wählern seit Jahren dafür ein, dass die Verlandung des Schafwaschener Winkels verlangsamt wird. Die Bucht und der Irschener Winkel bei Bernau wären bei einem ungebremsten Fortgang der natürlichen Entwicklung die ersten Teilbereiche des Chiemsees, aus denen das Wasser verschwindet. Die Verklappung des Schlamms aus dem CYC-Hafenbecken nur wenige hundert Meter weiter im sogenannten Ruttener Graben wären für Fischer und ihre Mitstreiter ein großer Rückschlag.

    „Damit werden jegliche Bemühungen, eine Verlangsamung der Verlandung des Bayerischen Meeres zu erwirken, zunichte gemacht. Der See wird durch die Verklappung unnötigem Stress ausgesetzt: Das Sediment wird sich nicht sofort absetzen, sondern entsprechend der unterschiedlichen Temperaturschichten eine Zeitlang ,schweben‘. Der sogenannte Mondsee-Effekt, eine Eintrübung des Wassers, tritt ein und die Fische gedeihen nicht mehr, weil sie zu wenig Plankton vorfinden, das von der Sonneinstrahlung abhängig ist“, fürchtet Fischer. Sie äußert Verständnis für die Situation des Segelvereins, aber „die Hafenbetreiber rund um den See müssen diese Kosten auch tragen“.

    CYC-Präsident: „Auch wir Segler lieben die Natur“

    Nach den Worten von CYC-Präsident Wimmer wird nichts umweltschädliches passieren. „Auch wir Segler lieben die Natur“, schließt er umweltschädliche Maßnahmen aus und bietet den Umweltschutzorganisationen den Dialog an, allerdings erst, wenn belastbare Daten vorliegen. Er sei „irritiert“, dass jetzt schon protestiert werde, „bevor wir sagen, was wir wie machen“.

    Hermann Wimmer wurde in einer virtuellen Mitgliederversammlung nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt wieder zum CYC-Präsidenten gewählt.

    Laut Wimmer, der schon einmal CYC-Präsident war, bevor er für drei Jahre nach Amerika ging, und jetzt in einer virtuellen Versammlung wieder an die Spitze des Vereins gewählt wurde, sollen in den nächsten Wochen Ergebnisse von Expertenuntersuchungen vorliegen als Basis für die Anträge und weiteren Überlegungen.

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    Dann wird er sich vielleicht auch zu den Kosten äußern. Die Bürgerinitiativen glauben, dass eine mögliche Kostenersparnis der Hauptgrund für das Ansinnen des CYC ist. Wimmer sagt nur, dass der Verein für die Voruntersuchungen bisher schon einen hohen fünfstelligen Betrag ausgegeben habe.

    Hafenbecken beim Chiemsee Yachtclub zuletzt vor 20 Jahre ausgebaggert

    Erste Gedanken, den ausgebaggerten Schlamm diesmal im See zu belassen, habe es schon vor Jahren gegeben und seitdem seien stets Fachleute mit involviert, versichert Wimmer.

    Er verweist auf die ausstehenden abschließenden Exposés, aber auch darauf, dass das Umlagern von Schlamm auf dem Grund zum Beispiel am Starnberger See gängige Praxis sei. Am Chiemsee wäre es neu. Bisher wird der Schlick an Land entsorgt. Wenn er nicht kontaminiert ist, kann er zum Beispiel als Dünger in der Landwirtschaft verwendet werden.

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    Ausbaggerungen sind am Bayerischen Meer nichts Neues. Insbesondere die großen Zuflüsse Tiroler Ache und Prien transportieren große Mengen Schwebstoffe in den See. Deshalb verlandet das Achendelta bei Übersee jedes Jahr um mehr als einen Hektar. Beim CYC ist laut Wimmer das Hafenbecken zuletzt vor 20 Jahren ausgebaggert worden. Die Maßnahme habe nichts damit zu tun, dass die Schiffe immer größer werden, widerspricht er Mutmaßungen.

    420 Hektar in 200 Jahren verlandet

    Laut Aussagen des Wasserwirtschaftsamtes Traunstein sind in den vergangenen 200 Jahren allein zirka 420 Hektar Chiemseefläche im Gebiet der Achenmündung verlandet. Im Durchschnitt transportiert die Tiroler Ache nach Angaben der Behörde unter anderem pro Jahr etwa 300 000 Kubikmeter mineralische Feinteile und 30 000 Kubikmeter Kies, wovon 10 000 Kubikmeter im Chiemsee ankommen.

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