Ruhpoldinger regiert für kurze Zeit das Deutsche Reich

Die Grabplatte in der Gruftkapelle des Ruhpoldinger Bergfriedhofs. Giesen

Ruhpolding – Das Straßenschild gibt einen Hinweis auf ein Teilstück der deutschen Geschichte: Heute existiert das Haus von Georg Freiherr von Hertling in Ruhpolding nicht mehr, der Straßenname jedoch erinnert an ihn.

In der Gemeinde verbrachte der ehemalige Reichskanzler über 35 Jahre lang jede freie Stunde.

Am 1. November 1917 ernannte Kaiser Wilhelm II. den bayerischen Ministerpräsidenten von Hertling zum Reichskanzler. Mitten im Ersten Weltkrieg wurde dieser damit Nachfolger von Georg Michaelis, der sein Amt nur dreieinhalb Monate ausübte.

Kein Glück inder Position

Mitte Juli hatten Reichtagsabgeordnete der SPD, des Zentrums und der Fortschrittspartei in einer Resolution den sofortigen Friedensschluss gefordert. Dabei sollte auf jeden Gebietsgewinn verzichtet werden, da der Krieg ohnehin nicht mehr zu gewinnen sei.

Mit von Hertling beauftragte der Prinzregent einen streng konservativ-monarchischen, katholischen Politiker mit der Regierungsbildung, der liberale Tendenzen scheute und der der Mehrheit der bayerischen Zentrumspolitiker distanziert gegenüberstand.

Der neue Reichskanzler vermittelte zwischen dem Prinzregenten und dem Ministerium sowie dem bayerischen Zentrum. Doch auch ihm war in dieser Position wenig Glück beschieden.

Bei der Amtsübernahme hatte der damals bereits 74-Jährige versprochen, die Außenpolitik im Sinne der Friedensresolution zu führen. Er konnte sich jedoch weder gegen die Interessen des Militärs noch gegen den Wunsch des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Otto von Dandl durchsetzen, der Elsass-Lothringen an Bayern anschließen wollte.

Im August erklärte die Oberste Heeresleitung die Fortführung des Krieges erstmals für aussichtslos.

König Ludwig III. beauftragte den bayerischen Ministerpräsidenten zu Verhandlungen mit den deutschen Bundesfürsten über ein gemeinsames Vorgehen. Diese drängten auf die Ablösung von Hertlings und sofortige Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Auch der bayerische Kronprinz Rupprecht hielt von Hertling für zu alt und „so gut wie willenlos“.

Schon nach etwas über einem Jahr, am 30. September 1918, entließ Kaiser Wilhelm seinen Reichskanzler von Hertling wegen fehlenden Rückhalts im Reichstag daher wieder. Damit entsprach der Kaiser dem Wunsch der deutschen Fürsten und dem dringenden Anraten von General Erich Ludendorff. Prinz Max von Baden wurde zum Nachfolger von Hertlings ernannt.

Dieses Karriereende wirft jedoch ein falsches Bild auf den bedeutenden Mann.

Georg von Hertling wurde am 31. August in Darmstadt als Sohn des Kammerherrn und Hofgerichtsrates Jakob von Hertling geboren. Er studierte in Münster, München und Berlin Philosophie, habilitierte sich in Bonn 1867 als Privatdozent und wurde 1882 in München ordentlicher Professor.

Ab 1875 gehörte er der Zentrumsfraktion des Reichstages an. 1891 wurde er zum lebenslänglichen Reichsrat der Krone Bayerns ernannt, am 10. Februar 1912 schließlich zum Staatsminister des Königlichen Hauses und des Äußeren.

Außerdem war er Vorsitzender des Bayerischen Ministerrats und hatte in dieser Funktion das neue Ministerium zusammenzustellen. Am 4. Januar 1914 erhob Prinzregent Luitpold von Hertling in den Grafenstand. Er war mit Anna Freiin von Biegeleben (1845 bis 1919) verheiratet, das Paar hatte neben Sohn Karl fünf Töchter, von denen eine früh starb.

Die Görres-Gesellschaft verehrte ihn als ihren Gründer und Präsidenten. Auch die philosophische Wissenschaft verdankt ihm viele Werke und Schriften.

Am 4. Januar 1919, nur drei Monate nach seiner Entlassung, starb er in Ruhpolding und wurde in der Gruftkapelle des Bergfriedhofs beigesetzt. Der letzten Satz über ihn im Ruhpoldinger Heimatbuch lautet: „Das Leben dieses Mannes in seiner Bedeutung für die Wissenschaft im allgemeinen, für die Ehre der katholischen Kirche im besonderen zu würdigen und die Dienste, die er als Abgeordneter dem Volke und als Ministerpräsident dem Bayernlande geleistet hat, darzulegen, das ist eine Aufgabe, die weit über den Rahmen dieses Buches hinausgeht.“ gi

Kommentare