Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Zusammenleben von Wolf und Mensch

Wildbiologin für Jagdfreigabe: „Chiemgauer Wolf könnte für Kinder eine Bedrohung sein“

Wolf Schaf Riss tote Tiere Marktschellenberg
+
In Marktschellenberg sind zwei Tiere vermutlich durch einen Wolf gerissen worden. Dadurch entsteht ein Konflikt mit menschlicher Nutztierhaltung.
  • Roland Kroiss
    VonRoland Kroiss
    schließen

Die Regierung von Oberbayern hat die Genehmigung für eine „Entnahme“ oder einen Abschuss des Wolfs bzw. der Wölfe in den Chiemgauer Alpen bisher nicht erteilt. Manche Tierschützer haben eine romantische Vorstellung von einem natürlichen Zusammenleben sesshafter Menschen und Wölfen in freier Wildbahn. Die Haslauer Wildbiologin Dr. Christine Miller sieht das sehr skeptisch. Ihrer Meinung nach muss dem Wolf die Zuwanderung in bestimmte Gegenden verweigert werden.

Bergen/Rottach-Egern - „Das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf hat einen wahren historischen Hintergrund“, warnt Wildbiologin Dr. Christine Miller. „Denn Kinder sieht das wilde Tier tatsächlich als mögliche Beute an, während normal große, erwachsene Menschen sich keine Sorgen machen müssen.“

An dieser Stelle entsteht tatsächlich ein starkes Motiv für eine Abschussgenehmigung des Wolfes, der vom Inntal bis nach Salzburg sein Unwesen treibt. In Bergen im Chiemgau (Landkreis Traunstein) wurde der Wolf mit einem Handy gefilmt, während er an einem Schaufenster vorbei lief.

Es könnte sogar ein Wolfsrudel sein, dessen Jungtiere möglicherweise schon auf Wanderschaft sind. Die genaue Anzahl der Tiere ist momentan Gegenstand von Untersuchungen.

Tödlicher Angriff auf ein Kind als Worst-Case-Szenario

Nicht auszudenken, wenn der Wolf statt eines Schafs oder eines Rehs plötzlich ein Kind anfallen und töten sollte. „Wölfe sind wilde Tiere, sie agieren schlau und flexibel und erkunden auf ihren Streifzügen, wo sie sicher und regelmäßig etwas zum Fressen finden können“, so die Biologin und Fachautorin aus Rottach-Egern. Einziger Trost: „Wölfe vermeiden nach Möglichkeit den Kontakt mit Menschen, daher bekommt man sie in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft auch nur selten zu Gesicht.“ (Bundesamt für Naturschutz)

Haben sie einmal ein Territorium gefunden, wo es ihnen gefällt, dann „sind sie dort nicht mehr so schnell wegzukriegen“, argumentiert Dr. Miller, „aus diesem Grund müssen wir ihm die Zuwanderung in bestimmte Gegenden verwehren. Ohne eine regelmäßige Bejagung wird das auf lange Sicht nicht möglich sein.“

Absage an Wildtier-Romantik

Das sind starke Worte von einer Expertin, die Wildtieren gegenüber generell positiv eingestellt ist. Doch in diesem Fall siegt bei ihr die Vernunft. Noch steht die Abschussgenehmigung durch die Behörden der Regierung von Oberbayern aus. Denkbar ist auch ein Einfangen bzw. eine gesicherte „Entnahme“ des Tieres bzw. der Tiere. „Die Behörden nähren keine Spekulationen oder Ängste. Sie sind zögerlich, weil sie einen Shitstorm der Tierschützer fürchten, die sich vor den Wolf stellen“, so Dr. Miller.

Der Wildtier-Romantik erteilt sie eine klare Absage: „Eine Harmonie im Zusammenleben zwischen sesshaften Menschen - und Almbauern mit Nutztieren im Speziellen - mit Wölfen ist nicht möglich, da es zu viele Konflikte gibt.“ Mit Dachsen und Füchsen sei dies anders: „Die streifen umher und stören die Kreise der Menschen nicht. Man sichtet sie vielleicht einmal auf Feldern oder sogar im Garten. Aber mehr nicht.“

Wildtiere kommen am Menschen nicht mehr vorbei

Wölfe dagegen ziehen schon einmal in der Gegend umher und warten, bis es in der Dämmerung ruhiger wird. „Dann schleichen sie sich auch in Nutztier-Ställe und räumen diese regelrecht aus“, so die Biologin. Ein Albtraum für die Bauern. Die Scheu vor Zivilisation und menschlichen Behausungen habe der Wolf „längst verloren“, weil im meist dicht besiedelten Mitteleuropa „Wildtiere mit der Präsenz des Menschen fast überall zurechtkommen müssen und sich daher daran gewöhnt haben.“

Der Wolf beschäftigt nicht nur Bürger und Landwirte im Chiemgau, sondern auch die bayerische Staatsregierung.

Die erneute Präsenz von Wölfen im Chiemgau sei „größeren Population in Italien, in Slowenien, Österreich oder der Schweiz geschuldet.“ Dort vermehren sich die Rudel regelmäßig und die ein- bis vierjährigen Jungtiere gehen auf Wanderschaft. Sie suchen Territorien mit sicherem Beuteschema für die Gründung eigener Familien. Für Dr. Miller müssen solche „Pläne“ der Wildtiere in den Chiemgauer Alpen von Anfang an durchkreuzt werden.

Vom Aussterben bedroht ist der Wolf definitiv nicht (mehr)

Dr. Miller: „In ganz Europa mit dem westlichen Russland gibt es mindestens 32.000 Wölfe.“ In Siedlungsgebieten von Menschen müsse man ein strukturiertes Management der Wolfpopulationen betreiben, ihre Anwesenheit kontrollieren und verfolgen. Die rechtlichen Regelungen sollten den „Wolf wieder als normales Wildtier einstufen“ - so Dr. Miller - „damit wir ihm Grenzen setzen können“. Denn die kulturhistorische Aufgabe der Bewirtschaftung der Almweiden hat Vorrang.

„Isegrimm, der Stammvater aller Hunde, ist wieder da“

Der Schutz des Wolfes hatte einmal seinen Sinn. Laut Bundesamt für Naturschutz ist „Isegrimm, der Stammvater aller Hunde, nach fast 150 Jahren nach intensiven Schutzmaßnahmen und gesetzlichem Schutz wieder zurückgekehrt. Seit dem Jahr 2000 pflanzen sie sich auch wieder in Deutschland fort.“ In Brandenburg („Schorfheide“) und Sachsen sind die Erfahrungen mit Wölfen deutlich weiter gediehen als in Bayern.

In ausgedehnten Wäldern werden dort Populationen von Rangern kontrolliert und überwacht. Bis zu 1.000 Kilometer laufen einzelne Tiere auf einer Wanderung, wie Biologen durch markierte Tieren feststellen konnten. Für eine friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Wolf plädiert Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.

Warum war der Wolf bis ins späte 20. Jahrhundert praktisch nicht mehr endemisch ist in Mitteleuropa? „Zu Beginn des 18. Jahrhunderts veränderten sich die Jagd und die Waffentechnik. Wildtiere wie Hirsche und Wildscheine wurden dadurch bei uns fast vollständig dezimiert. Dadurch wurde die Nahrungskette der Wölfe zerbrochen, die wiederum auf die Nutztiere der Menschen losgingen. Es blieb ihnen nichts anders übrig. Viehzüchter, Bauern und Jäger hätten Wölfe dann gegen Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts „mit allen Mitteln niedergemacht und ausgerottet“, erklärt Dr. Christine Miller.

Nach der Ausrottung sind es jetzt wieder zu viele Wölfe

In der Neuzeit ging man daran, Wölfe wieder in der Wildbahn zuzulassen und nun sind es offenbar schon wieder zu viele ihrer Art. „Wahrscheinlich liegt der besagte Wolf tagsüber irgendwo herum und geht in der Dämmerung auf neue Streifzüge, die immer zu neuen Zielen führen können“, erklärt Dr. Miller sein Verhalten. Daher auch die „Wolfs-Hype-Sichtungen“ an verschiedenen Orten. Der Wolf ist ein Phänomen: Kälte und Hitze machen im gleichermaßen nichts aus. Er kommt von Alaska über Taiga und Tundra bis zur arabischen Halbinsel durchgehend vor.

Unnötiges Leid der Tiere vermeiden

Wie dem auch sei: Gezielte Jagd sei besser, als Wölfe unnötig leiden zu lassen, ihnen Fallen zu stellen oder sie einzusperren: „Ein Gehege oder geschlossenes Territorium müsste mehrere Quadratkilometer groß sein, damit Wölfe sich darin wohlfühlen“. Der Nationalpark Berchtesgaden sei dafür „eher ungeeignet“, so Dr. Miller. Die Wolfs-Gehege im Nationalpark Bayerischer Wald sind aus ihrer Sicht „eher ein Zoo zum Tiere-Beobachten“.

-rok-

Kommentare