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Interview mit Prof. Dr. Ulrich Voderholzer

Wenn Corona die Seele angreift: Angst und Essstörungen - Priener Experte weiß, was zu tun ist

Depressionen bei Schülern
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Corona als Brandbeschleuniger: Während der Pandemie nahm die Zahl von Depressionen und anderen Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu. 
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Die Zeit der Corona-Pandemie ging vielen Menschen auf die Psyche. Vor allem vielen jungen Menschen. Über eine Jugend in Zeiten der Seuche und die langen Nachwirkungen spricht Prof. Dr. Ulrich Voderholzer im OVB-Exklusivinterview. Er sagt auch, wie man Störungen erkennt. Und wie man sie behandelt.

Rosenheim/Prien - Adipositas bei dem einen, Magersucht bei der andern, Angststörungen beim Dritten: Die Corona-Pandemie belastet die Psyche vor allem junger Menschen. Experte in der Behandlung dieser Corona-Nachwirkungen ist Prof. Dr. Ulrich Voderholzer. Er ist Ärztlicher Direktor an der Schön-Klinik Schöneck in Prien, der wichtigsten deutschen psychosomatischen Klinik für Kinder und Jugendliche. Er weiß, wie die Pandemie die jungen Menschen veränderte und wie man Störungen erkennt. Im OVB-Exklusivinterview sagt er auch, wie man sie behandelt.

Der Trend, dauernd aufs Handy zu glotzen - hat sich der verstärkt? Wenn man die Menschen auf der Straße beobachtet, kann man den Eindruck bekommen.

Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Der Eindruck täuscht nicht. Da hat die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Die Tendenz zum Gebrauch von Social Media und  Handy hat sich über die letzten Jahre deutlich verstärkt. Wir wissen, dass die exzessive Nutzung vom Smartphones und der Daueraufenthalt in virtuellen Welten für manche kritisch werden können. Ich will Social Media nicht verteufeln. Es gibt auch positive Aspekte, aber eben auch Kritisches und Negatives. Man weiß, dass es sich negativ auswirken kann, wenn man Bilder von sich postet, die vorher verändert wurden, weil man sich mit Idealbildern misst. Auch geht die andauernde Mediennutzung mit wenig körperlicher Bewegung einher, auch das kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Wie sieht, was psychische Störungen betrifft, insgesamt die Bilanz von Corona aus?

Voderholzer: Es sind gerade die jungen Menschen von etwa 13 bis 17, die am meisten belastet waren. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten den Trend, dass Depressionen in dieser Altersgruppe zugenommen haben. Das hat verschiedene Gründe. Die Corona-Pandemie hat hier aber nochmals eine Beschleunigung herbeigeführt, unter anderem auch pandemietypische Begleiterscheinungen wie Langeweile und das Fehlen einer Tagesstruktur.

Prof. Dr. Ulrich Voderholzer.

Warum haben gerade junge Menschen so unter der Pandemie gelitten?

Voderholzer: Wir haben dazu geforscht und Studien gemacht. Die Pubertät und die Jahre danach, ist eine Phase, in der man sich selbst und an anderen orientiert, in der man Sicherheit erlangen möchte, sich selbst und seinen Platz in der Gesellschaft finden muss. In dieser Phase, dass man Anschluss an die Peer Group und zum Beispiel den Sportverein hat. Die jungen Menschen konnten sich aber in der Pandemie-Zeit eben nicht gut treffen und hatten insgesamt weniger Kontaktmöglichkeiten. Während der Corona-Pandemie waren  Turnhallen, Schwimmbäder und andere Sportstätten geschlossen. Daher konnten Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihren Hobbies nicht nachgehen, sportliche Betätigung und Treffen von Peers waren nicht mehr möglich.

Wie erkenne ich bei einem Kind oder Jugendlichen eine Störung, die behandelt werden sollte?

Vorderholzer: Warnzeichen sind unter anderem Rückzug, das nicht mehr Teilnehmen am Familienleben oder nachlassende Leistungen in der Schule.    

Welche Störungen sind besonders häufig? 

Voderholzer: Die DAK-Studie hat einen 50-prozentigen Anstieg von Essstörungen und einen 25-prozentigen Anstieg von Depressionen ergeben. Das erleben wir in unserer Klinik auch. Es zeigt sich ein massiver Anstieg der Zahl junger Frauen mit Essstörungen. Die Warteliste von jugendlichen Patientinnen und Patienten für einen Behandlungsplatz ist in der Zeit der Pandemie deutlich angestiegen. Ich stehe in Austausch mit vielen Kinder- und Jugendpsychiatern, die zum Teil ebenso berichten, dass ihre Kliniken überfüllt seien und es schwer sei, Behandlungsplätze zu finden.


Gab es einen Fall, der sie besonders erschüttert hat?

Voderholzer: Ja, der eines jungen Mannes. Der hatte gerade sein Abitur gemacht, hatte Pläne für einen Weltreise und vieles mehr. Doch aufgrund der Corona-Pandemie konnte er diese Pläne nicht umsetzen. Er blieb nur noch zu Hause, konnte sich nicht mit Freunden treffen oder Fußballspielen. Das konnte er schlecht aushalten. Er fing an, zu Hause exzessiv Sport zu treiben, bis zu sechs Stunden am Tag. Dies war seine Art der Gefühlsbewältigung. In der Folge kam es zu einer deutlichen Gewichtsabnahme von 25 Kilo und zur Entwicklung einer Essstörung.  Ich kann mich auch an viele Mädchen erinnern, die über den Versuch, zum Beispiel über Sport Kontrolle über ein unkontrollierbares Leben zu erlangen, in eine Essstörung gerutscht sind. Menschen mit psychischen Störungen können in der Regel Unsicherheit schlecht ertragen, und die Zeit der Pandemie bedeutete totale Verunsicherung.

 
Wie helfen Sie Kindern und Jugendlichen?

Voderholzer: Wir arbeiten in erster Linie psychotherapeutisch, mit Einzel- und Gruppentherapie. Eigentlich geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Wir unterstützen Menschen, sich aktiv ihren Ängsten stellen zu können. Zur Therapie verwenden wir bei Bedarf unterstützend auch Psychopharmaka, das Wesentliche ist aber die psychotherapeutische Behandlung. Es ist wichtig, ressourcenorientiert zu arbeiten. Dies bedeutet nicht auf das zu schauen, was jemand nicht kann, sondern darauf, wo die Stärken liegen: Wie kann ich das fördern und ihm helfen, sich seinen Ängsten zu stellen? Bei allen Formen von Angst - und Zwangsstörungen ist diese so genannte Expositionstherapie die wirksamste Therapie.

Warum? 

Voderholzer: Weil sie Selbstwirksamkeit fördert. Man lernt, Ängste, die vom Betroffenen zunächst als unüberwindbar erlebt werden, zu überwinden. Es ist wichtig, spezialisierte psychotherapeutische Konzepte anzuwenden.

 
Jedenfalls ein Pandämonium an Störungen und Ängsten. Verdanken wir das alles nur Corona?

Voderholzer: Auch andere Faktoren haben in den vergangenen 20 Jahren zu erhöhten Belastungen geführt. Was für viele Jugendliche verloren gegangen ist, ist ein stabilisierender Faktor im Leben. So etwas wie der Rückhalt durch ein familiäres Bezugssystem zum Beispiel. Auch Leistungsdruck spielt eine Rolle, und das schon früh. Folgender, aus meiner Sicht falscher  Gedanke ist  oft verbreitet: Es muss das Gymnasium sein, und eine andere Schule ist nicht so viel wert. Und noch ein Faktor: Die Pubertät kommt mittlerweile oft sehr früh. Und so klaffen heute psychische und körperliche Reife häufig auseinander. Das kann zu Belastungen führen, die durch die Corona-Pandemie verstärkt werden können.

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